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Weltweit Devid Striesow: Wie wird sein letzter Fall?
Nachrichten Kultur Weltweit Devid Striesow: Wie wird sein letzter Fall?
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21:29 27.01.2019
Oben auf dem Dach: Laurenz Hesse (Ben Jost) mit Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow), der in seinem letzten „Tatort“ von einer Tragödie persönlich betroffen ist. Quelle: Manuela Meyer/SR
Saarbrücken

Der Schluss ist etwas sang- und klanglos, wenn auch nicht in Bezug auf die Handlung. Die Geschichte der achten Episode mit Devid Striesow als „Tatort“-Kommissar aus Saarbrücken wird zu einem ordentlichen Ende gebracht. „Der Pakt“ (Sonntag, 27. Januar, 20.15 Uhr, ARD) ist Jens Stellbrinks letzter Fall, doch es gibt keine Geste des Abschieds.

Letzter Einsatz: Verabschiedet wird zunächst gar nicht Stellbrink

Stattdessen beginnen Michael Vershinin (Buch) und Zoltan Spirandelli (Buch und Regie) den Film mit einem kleinen Bluff: Verabschiedet wird nicht Stellbrink, sondern die Kollegin Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider), aber nicht etwa aus dem Team, sondern aus ihrem früheren Status. Die Polizistin ist zur Kommissarin befördert worden. Womöglich hätte sie ja in Zukunft eine größere Rolle gespielt; ihre etablierte Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück) hat sich neben Striesow nie profilieren können.

Spirandelli, der mit seinem vierten Stellbrink-Krimi nun die meisten Filme mit Striesow gedreht hat, beschert dem Hauptkommissar zum Ausstand einen Fall, der ebenso komplex wie erschütternd ist. Der Film beginnt mit einer Party im Schwesternwohnheim, die Stimmung ist ausgelassen. Eine der Auszubildenden, Vanessa, zieht sich mit einem Arzt und Dozenten in das Zimmer ihrer Mitbewohnerin Annika zurück.

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War der Mord im „Tatort“ eine Verwechslung?

Als Annika, die sich ehrenamtlich in der Organisation „Mediziner für Asyl“ (Mefa) engagiert, heimkehrt, findet sie Vanessa tot in ihrem Bett vor. Natürlich fällt der erste Verdacht auf den Arzt Sharifi (Jaschar Sarabtchian), aber dann entdeckt Stellbrink ein entscheidendes Detail: Die mit einem Gürtel strangulierte Vanessa lag auf dem Bauch.

Die jungen Frauen haben beide lange blonde Haare; von hinten hätte der Mörder das Opfer ohne weiteres für Annika halten können. Tatsächlich hat sich die stets korrekte Schwesternschülerin einige Feinde gemacht, darunter auch eine Ausbilderin, der sie Rassismus vorgeworfen hat.

Das klarste Motiv hat jedoch Kamal (El Mehdi Meskar). Der junge Ägypter ist nach der Ermordung seiner christlichen Eltern mit seinem kleinen Bruder nach Deutschland geflohen. Ihr Asylantrag ist zwar abgelehnt worden, aber Kamal, der als Fahrer für Mefa arbeitet, hat mit einem Beamten von der Ausländerbehörde einen schmutzigen Deal geschlossen: Solange er jede Woche drei Patienten meldet, dürfen die Brüder in Saarbrücken bleiben. Annika ist ihm auf die Schliche gekommen.

Eine Denunzierung hat eine Tragödie zur Folge

Spirandelli und Vershinin, der unter seinem früheren Namen Illner viele Episoden für Krimireihen und -serien wie „Stubbe“ oder „Soko Köln“ geschrieben hat, nutzen die Handlung, um das Thema Asyl von allen möglichen Seiten zu beleuchten.

Stellenweise ist der Film eine regelrechte Hommage an die Mefa-Mitglieder, die sich unentgeltlich um Geflüchtete ohne Krankenversicherung kümmern. Auf diese Weise spielt auch Dr. Bindra (Franziska Schubert), die Leiterin der Organisation, eine ganz besondere Rolle; die Ärztin gibt der Handlung schließlich eine überraschende Wendung.

Bis dahin jedoch erlebt der vom Schicksal gebeutelte Kamal, der immermehr ins Zentrum der Story rückt, großes Leid. Sharifi sorgt dafür, dass sich der Verdacht gegen den Ägypter in den einschlägigen Netzwerken verbreitet. Die Denunzierung hat eine Tragödie zur Folge, die auch Stellbrink betrifft, selbst wenn sein Schmerz nicht annähernd mit dem zu vergleichen ist, was dem Brüderpaar widerfährt.

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Einige der Figuren in „Der Pakt“ sind irritierend janusköpfig

Es ist ohnehin interessant, wie Vershinin und Spirandelli die handelnden Personen zeichnen. Die einen sind gut, die anderen böse; aber manchmal tun auch die Guten Böses. Außerdem fällt auf, dass die uniformierten Polizisten den jungen Ägypter nach seiner Verhaftung ausgesprochen höflich und freundlich behandeln; sein kleiner Bruder wird dagegen im Kinderheim scheinbar grundlos von zwei älteren Mädchen gemobbt.

Andere Figuren sind dagegen irritierend janusköpfig: Der Beamte von der Ausländerbehörde lügt dreist, Kamal habe den Verrat von sich aus angeboten, entpuppt sich aber daheim als liebevoller Familienvater. Die vermeintlich rassistische Ausbilderin (Nina Vorbrodt) bringt Stellbrink aus dem Konzept, weil sie ihre Vorladung ins Kommissariat wie eine Verabredung betrachtet und den Hauptkommissar unverhohlen anflirtet.

Eine willkommene Abwechslung in diesem insgesamt sehr düsteren „Tatort“, in dem Kamal nach einer verhängnisvollen Verkettung vermeidbarer Tragödien einen erschütternden Schlusspunkt setzt.

Zur Person: Devid Striesow

Seine Filmografie ist lang, unendlich lang für einen gerade einmal 44-jährigen Schauspieler. Es gab eine Zeit, da war Devid Striesow mit mehreren Filmdrehs gleichzeitig beschäftigt und hetzte an einem Tag von einem Set zum nächsten – am Abend stand er dann noch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg oder am Düsseldorfer Schauspielhaus auf der Theaterbühne, um für seinen Lieblingsregisseur Jürgen Gosch den “Hamlet“ oder den “Prinz von Homburg“ zu geben.

Allein im Jahr 2006 drehte Devid Striesow zwölf Filme, Fernsehen wie Kino durcheinander, er macht da keine Unterscheidung. Das Besondere in diesem Fall: Gleich zwei Filme schafften es im Jahr darauf in den Berlinale-Wettbewerb.

In Stefan Ruzowitzkys später mit dem Auslands-Oscar ausgezeichneten Historiendrama “Die Fälscher“ gab er einen gefährlich jovialen SS-Sturmbannführer, der KZ-Häftlinge dazu zwang, Devisen in großem Stil zu fälschen, um damit ausländische Märkte zu fluten. In Christian Petzolds “Yella“ spielte er einen ausgebufften Finanzinvestor – Spezies: menschliche Heuschrecke – der sich auf finanziell in Not geratene Firmen spezialisiert hatte.

Striesow kann eben alles, er lässt sich auf keinen Typus festlegen. Doch sind viele seiner Rollen von einer irritierenden Freundlichkeit umweht. Ein Part ganz besonders: Als ausgebrannter Showmaster Hape Kerkeling pilgerte Striesow in “Ich bin dann mal weg“ (2015) auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela im spanischen Galicien.

Womöglich hat Striesows Schaffensdrang auch damit zu tun, dass er erst relativ spät zur Schauspielerei kam – auch wenn er es inzwischen etwas ruhiger angehen lässt.

Auf der Ostseeinsel Rügen kam Striesow 1973 zur Welt. Die ungewöhnliche Schreibweise seines Vornamens mit “e“ statt “a“ hat er seinen atheistischen Eltern zu verdanken, die sicherstellen wollten, dass ihr Sohn dem biblischen David nicht zu nahe kommt. Der Sohn eines Elektrikers und einer Kinderkrankenschwester wuchs in Rostock auf. In Berlin wollte er sich zum Goldschmied ausbilden lassen – dann fiel die Mauer. Striesow entschloss sich, nun doch noch das Abitur zu meistern.

Zunächst studierte er Musik, danach bewarb er sich an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin. Seinen Abschluss machte er 1999 in einem illustren Jahrgang – zusammen mit Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke, Maria Simon und Fritzi Haberlandt, die es mittlerweile allesamt zu Ruhm gebracht haben.

Sein Kinodebüt gab er im Jahr 2000 in Rainer Kaufmanns Krimi “Kalt ist der Abendhauch“ (nach dem Roman von Ingrid Noll). Fernsehzuschauern ist Striesow bestens bekannt als Assistent Jan Martensen in der kürzlich eingestellten ZDF-Krimiserie “Bella Block“ mit Hannelore Hoger in der Titelrolle.

Im Sonntag-“Tatort“ brachte er es bis zum Kriminalhauptkommissar: Sein Jens Stellbrink düste auf einer roten Vespa durch Saarbrücken (zusammen mit Elisabeth Brück als Kommissarin Lisa Marx), trug eine thailändische Wickelhose und meditierte am Arbeitsplatz – spielte sich aber nie so recht in die Herzen der Zuschauer. Inzwischen hat Striesow auf eigenen Wunsch seinen Abschied als Fernsehkommissar eingereicht.

Vom 28. Juni an ist er in der Komödie “Die Wunderübung“ zu sehen: Er spielt einen Ehemann, der sich mit seiner Frau (Aglaia Szyszkowitz) zu einer Paarberatung durchgerungen hat – es kriselt schwer nach 17 Ehejahren. Ganz fies kann Striesow in dieser Rolle sein, und dann umweht ihn doch wieder diese irritierende Freundlichkeit.

Von Tilmann P. Gangloff/RND

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