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Weltweit Tom Russell erkundet die Wege des Ruhms
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09:55 13.03.2019
Geschichten vom Ruhm und seiner Flüchtigkeit: Tom Russell versteht es, seine Zuhörer mit seinem neuen Album „October in the Railroad Earth“ zu fesseln. Quelle: Nadine Russell
Los Angeles

Wenn ein Sänger das Instrument zu etwas auffordert, und das Instrument dem Befehl umgehend nachkommt, sind wir in den Gefilden von Country, wo Gehorsam immer noch dazugehört. „Guitar!“ kommandiert Tom Russell also mitten im Song, und sofort twangt die Gerufene in tiefen Tönen los. Gitarrist Bill Kirchen klingt dabei, als schlage hier Duane Eddy, einer der letzten noch lebenden Rock’n’Roll-Heroen der Fünfzigerjahre, noch einmal die Bassaiten seiner Gretsch Chet Atkins an. Ein wohliger Sound.

Mehr als 30 Alben – in Deutschland immer noch ein Geheimtipp

Der amerikanische „Rolling Stone“ hat den 70-jährigen Thomas George Russell als den „größten lebenden Folk-Country-Songwriter“ bezeichnet. In Deutschland ist er trotz mehr als 30 veröffentlichter Alben noch kaum bekannt. „October in the Railroad Earth“ heißt sein aktuelles Album, Russell lieh sich den Titel von einem vertonten Prosastück des von ihm verehrten Jack Kerouacs und er stellt in vielen Songs wieder und wieder die Frage nach dem Ruhm und was er wert ist. Wie Kerouac erzählt Russell Geschichten - manche aus dem eigenen Leben, manche aus dem Leben der anderen. Ein „on the road“ in elf Kapiteln - mit Musik.

In dem Russell unter anderem fragt, wo man war, als die Country-Legende Merle Haggard starb. („Highway 46“) Oder in dem er berichtet, wie die Begegnung mit nur leidlich zahmen Vielfraßen verlief („Hand-raised Wolverines“). In „T-Bone Steak and Spanish Wine“ beschreibt er die zufällige Rückkehr in eine Kneipe, in der er 40 Jahre zuvor aufgetreten war. Interessiert niemanden? Irrtum. Im Erzählen lässt Russell noch jede seiner Geschichte schwingen. Und seiner sonoren Stimme kann man sich kaum entziehen.

Kein singender Cowboy – Tom Russells Biografie ist außergewöhnlich

Die erinnert nicht nur im Titelsong oder in der Coverversion von „Wreck of the Old 97“ verblüffend an den Johnny Cash aus „I Walk The Line“-Zeiten. Wozu auch der coole Fünfzigerjahre-Outlaw-Country-Stil Kirchens beiträgt. Der sich mit Folk abwechselt. Einen Cajunwalzer mit Ziehharmonika flicht Russell auch ein: „Isadore Gonzalez“ ist eine humorig vorgetragene Moritat über einen mexikanischen Cowboy, der bei Buffalo Bills Wild West Show in den 1880er-Jahren bis nach England kam. „Ayayayay!“

Ein typischer singender Cowboy? Mitnichten. Der gebürtige Kalifornier Russell, der einen Uniabschluss in Kriminologie hat, lebte schon in Spanien und Norwegen, war als Zirkusmusikant in Puerto Rico unterwegs und als Lehrer in Nigeria während des Biafrakriegs, ist außer Sänger auch ein namhafter Maler und hat sechs Bücher veröffentlicht, darunter einen Briefwechsel mit Charles Bukowski. Er weiß viel übers Leben und Leiden. Und über den Ruhm.

Merle Haggards Ruhm ist flüchtig, Isadore Gonzalez’ Ruhm verflogen

Der ist flüchtig. Die heranwachsende Generation hat großenteils nie von Merle Haggard gehört. Die Atmosphäre in der alten Musikkneipe ist dem Durchreisenden fremd, die heutige Musik erscheint ihm als Lärm, tiefe Traurigkeit umfängt ihn in Erinnerung an seine großen Tage. Und der stolz und fröhlich aufschneidene Isadore Gonzalez ist nur ein Geist, kam damals, als er für Buffalo Bill ritt, unter sein Pony und spukt nun um sein namenloses englisches Grab, vergessen und fern von Mexiko.

Im „Wreck of the Old 97“ führt der Ruf der Eisenbahngesellschaft, immer pünktlich zu sein, am 27. September 1903 zur Katastrophe. Der Zugingenieur Joseph Broady beschleunigt auf Anweisung, um den Ruhm der Company zu erhalten, das Unmögliche zu schaffen, eine Stunde Verspätung aufzuholen. In einer engen Kurve vor einer Holzbrücke, entgleiste die Southern Railway 1102 damals, stürzte in die Tiefe und riss elf Menschen in den Tod.

Tom Russell: „October in the Railroad Earth“ (Proper Records) erscheint am 15. März

Von Matthias Halbig / RND

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