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Aktivistin will „Washington Post“ mit Lügenstory hereinlegen

Fake-Attacke gegen Zeitung Aktivistin will „Washington Post“ mit Lügenstory hereinlegen

Angriff auf die „Washington Post“: Ein Lockvogel wollte der Zeitung offenbar falsche Informationen unterschieben – um sie hinterher zu diskreditieren. Hintergrund: Der Sexskandal um den von Donald Trump unterstützten republikanischen Senatskandidaten Roy Moore. Eine neue Eskalation im Kampf der Erzkonservativen gegen die freie Presse.

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“Nixon tritt zurück“: Im Newsroom der „Washington Post" künden Schlagzeilen vom alten Ruhm des Blattes. In jüngster Zeit steht die Trump-kritische Zeitung heftig unter Beschuss – und erlebt gleichzeitig eine Welle der Solidarität.

Quelle: dpa

Washington. Die Szene könnte einem Kriminalroman entspringen: Eine Informantin trifft sich in einem griechischen Restaurant unweit der US-Hauptstadt mit einer Journalistin der „Washington Post“. Beide Frauen sind mit Mikrofonen verkabelt und zeichnen heimlich jede Bemerkung auf. Am Nachbartisch sitzt ein Kollege der Reporterin, der mit einer verdeckten Videokamera die Begegnung filmt. Das Gespräch gilt als neuer Höhepunkt in einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen stramm konservativen US-Aktivisten und etablierten Medien.

Mit einer gefälschten, fingierten Geschichte wollte das sogenannte „Project Veritas“ allem Anschein nach die traditionsreiche Zeitung in eine Falle locken: „Wir sollten getäuscht und diskreditiert werden“, sagt Martin Baron. Der Chefredakteur der „Washington Post“ spricht von einem „Köder“, bei dem seine Kollegen allerdings nicht anbissen.

Hintergrund ist der Sexskandal um den Senatskandidaten Roy Moore

Anfang November meldete sich eine Frau bei der Zeitung, die vorgab, vor 25 Jahren als Teenagerin von dem heutigen republikanischen Senatskandidaten Roy Moore geschwängert worden zu sein. Sie habe damals abgetrieben, so behauptete sie gegenüber der Reporterin Stephanie McCrummen.

Die „Washington Post“-Reporter dürften von der Informantin im ersten Moment elektrisiert gewesen sein, zumal sich der Fall Moore in diesen Tagen fast täglich in den US-Schlagzeilen findet. Die Zeitung hatte vor mehreren Wochen erstmals über zwei Frauen berichtet, die angaben, Anfang der neunziger Jahre ein Verhältnis mit dem damals etwa 30-Jährigen gehabt zu haben, während sie selbst noch minderjährig waren. Moore streitet die Vorwürfe ab und wird von Präsident Donald Trump ausdrücklich aufgefordert, an seiner Kandidatur festzuhalten – da bei den anstehenden Regionalwahlen in Alabama andernfalls ein Kandidat der Demokraten guten Aussichten auf den Sieg hätte.

Angesichts der aufgeheizten Debatte sahen die Aktivisten von „Project Veritas“ offenbar eine passende Gelegenheit, um die Tageszeitung aufs Kreuz zu legen. Doch so schnell schnappte die Falle nicht zu: „Dank unserer journalistischen Sorgfalt haben wir uns nicht hinters Licht führen lassen“, gibt sich Chefredakteur Baron selbstbewusst. Tatsächlich kamen die Reporter der vermeintlichen Informantin mit einer relativ kurzen Online-Recherche auf die Spur: Bevor die Aktivistin ihren Job im New Yorker Büro von „Project Veritas“ Anfang des Jahres antrat, hatte sie sich im Internet um Spenden bemüht, um ihren Umzug nach Manhattan zu finanzieren – und ihren Aufruf mit Vorwürfen gegen die etablierten Medien versehen. Nach diesem Anfangsverdacht stellte die Zeitung zwei New Yorker Kollegen ab, um das Büro der umstrittenen Organisation zu observieren. Sie trafen rasch auf die Aktivistin.

Offensichtlich Verbindungen zum Trump-Lager

Eine erlogene Story als Rufmordwerkzeug gegen eine Trump-kritische Zeitung: Der Vorfall wirft erneut ein schrilles Licht auf die anhaltende Kampagne fundamental-konservativer Kreise gegen die unabhängigen Medien. Besonders pikant: Unter den Spendern, die die Arbeit von Project Veritas 2015 mit 10 000 Dollar unterstützten, findet sich auch die private Trump-Stiftung. Auch war Veritas-Chef James O’Keefe vor einem Jahr auf Einladung des trumpschen Wahlkampfteams Gast bei einem TV-Duell der beiden Präsidentschaftskandidaten.

Der 33-jährige O’Keefe selbst versteht sich als „Guerilla-Videojournalist“. In Washingtoner Politikkreisen wurde sein Name 2014 bekannt, nachdem er sich in traditioneller afghanischer Kleidung an den Kontrollposten an der mexikanisch-texanischen Grenze vorbeigeschmuggelt hatte und der Vorfall später von Senator John McCain als Beweis für eine mangelhafte Grenzsicherung zitiert wurde.

So sehr McCain den damaligen Vorfall auch politisch nutzte, um für verschärfte Grenzkontrollen zu werben, so wenig beteiligt sich der langjährige Senator aber an den Angriffen auf die freie Presse.

Von Stefan Koch

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