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Fernsehen Süßer die Glocken nie nerven
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09:21 05.12.2018
Quelle: Foto: Fotolia
Hannover

Nun kuscheln sie wieder. Huch, was ist es kalt geworden! Faltenfreie Toffifee-Muttis und Studentinnen in Ganzkörperwollsäcken mummeln sich auf Designersofas ein und pusten in dampfende Teetassen, umweht von Klingglöckchengeklingel. Der verträumte Blick geht ins Leere. Rotwangige Bilderbuchgören tanzen durch Feenstaub. Allerorten gibt’s Schlittengebimmel und Weihnachtsmänner mit Leberproblemen, deren Brummen klingt, als würde jemand eine Eule foltern. Kein Zweifel: Weihnachten naht. Gut, dass es Weihnachtsfernsehwerbung gibt. Man würde das Fest ja sonst direkt vergessen.

Janine Kunze backt für Poco-Möbelmärkte Prozentzeichenkekse

Überall wird gebacken, geknuddelt, gebusselt und genascht, überall singen Mehrgenerationenchöre Getragenes. Werbung in der Weihnachtszeit – das ist der Versuch, noch den versöhnlichsten, warmherzigsten, familienverknalltesten Weihnachtsnostalgiker innerhalb eines Zwölf-Minuten-Werbeblocks zum Grinch zu machen. Das Genre lässt sich grob unterteilen in die Abteilungen „überzuckert-besinnlich“ und „unterzuckert-besoffen“. Kaufland („Der offizielle Ausrüster des Weihnachtsmannes“) macht mit einem bärtigen Weihnachtsmannbaby auf Ironie. Bei Otto knistern überforderte Steckdosen. Und Tchibo versucht, mit einem gereimten Zweizeiler an die große Weihnachtsweltliteratur von Charles Dickens und Leo Tolstoi anzuknüpfen: „Super fürs Geschenkpaket: / Mode, die auch Spaß versteht!“

Sternstunden der Besinnlichkeit. Aber wer glaubt, das sei schon der Tiefpunkt des diesjährigen lyrischen Schaffens, der irrt. Im Spot der Poco-Möbelmärkte backt Schauspielerin Janine Kunze Prozentzeichenkekse mit Puderzucker. Dazu jubiliert es: „Seht! Janine und Pocolino / backen Plätzchen – großes Kino! / Auf dem Backblech liegen satte / Poco-Sensationsrabatte. / Doch was ziehen die Akteure / für’n Mordsding da aus der Röhre?“

Selbst Frank Wedekind reimte einst Suppengedichte für Maggi

Nun ist Werbung im Grundsatz nicht dafür geschaffen, die Welt der Lyrik voranzubringen. Und selbst ein großer Dichter wie Frank Wedekind („Frühlings Erwachen“) reimte einst Suppengedichte für Julius Maggi („Alles Wohl beruht auf Paarung; / Wie dem Leben Poesie / fehle Maggi’s Suppen-Nahrung / Maggi’s Speise-Würze nie!“). Aber woran liegt es bloß, dass Werbeleuten alljährlich zur Weihnachtszeit emotional die Rentiere durchgehen?

Selbstverständlich rollen auch die Coca-Cola-Lastwagen wieder durch die Werbung, illuminiert wie ein Pfandleihhaus in Las Vegas. Ein Vorgang, der sich nie so richtig erschlossen hat. Ist das Zeug das Jahr über so schwer zu kriegen, dass die Welt jährlich im Dezember sehnsüchtig die neue Lieferung erwartet? Ist halt doof, wenn man auch im Winter eiskalte Brause verkaufen muss. In einem zweiten Coca-Cola-Spot legen zwei Senioren in Schmunzelstimmung ein Brausefläschchen in den Einkaufswagen. „Was DAS denn?“, knurrt er, „das hamwa ja noch nie gemacht!“ – „Ich dachte, wir probieren mal was Neues in der Kiste“, sagt sie. Kiste. Wegen Bett. Knick-knack. Lustig.

Es gibt auch in der Weihnachtswerbung Leuchttürme

Natürlich: Es gibt auch in der Weihnachtswerbung die Leuchttürme. Die großen Erzählungen von Liebe und Menschlichkeit. Der alte Herr im Spot „Heimkommen“ von 2015 etwa, der im Auftrag von Edeka so sehr an Einsamkeit litt, dass er seine Familie zum „Leichenschmaus“ herbeitrickste – damals das meistgeteilte Weihnachtswerbevideo der Welt. Oder der zauberhafte Spot eines Fotobuchanbieters, in dem ein dementer Herr sich dank der alten Bilder von seiner Flamme dann doch noch mal an die Liebe seines Lebens erinnert und im Park mit ihr tanzt.

In den Niederungen der „X-Mas“-Reklamerei jedoch zeigt sich: Man kann im Prinzip um jeden Mist eine rote Schleife binden („Hier, für dich: ein Glas Gurken. Frohes Fest!“). Oral B schlägt vor: „Schenken Sie zu Weihnachten ein strahlendes Lächeln.“ Eine Zahnbürste unterm Tannenbaum. Spitzenidee. Dann aber auch gleich den Gutschein für den Scheidungsanwalt dazulegen.

Bei Amazon singen die Pakete „Can You Feel It“

Die aktuellen Versuche der Werbeindustrie, einen Nerv, den Zeitgeist und das Herz der Zuschauer gleichzeitig zu treffen, sind eher peinlich. „Weihnachten ist keine Hautfarbe“, barmt etwa Vodafone, „Weihnachten ist nicht Hass, sondern Liebe. Weihnachten ist, was uns zusammenbringt. Weihnachten ist kein Klischee zu blöd. Weihnachten ist, wenn Mobilfunkanbietern geistig die Lichterketten ausgehen.“ Okay, die letzten beiden Sätze waren erfunden. Bei Amazon singen die Pakete „Can You Feel It“. Singende Päckchen? Es sind Szenen des Grauens wie aus den Albträumen eines gestressten Paketboten nach acht Lumumba mit Schuss. Da hilft nur eins: Kerze an. Fernseher aus.

Von Imre Grimm / RND

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