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Fernsehen „November 13“ – Die Zeugen des Terrors von Paris
Nachrichten Medien Fernsehen „November 13“ – Die Zeugen des Terrors von Paris
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11:08 31.05.2018
Entdecken das Menschliche im Schrecken: Die Filmemacher Jules (r.) und Gédéon Naudet. Quelle: Foto: Netflix
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Paris

Die Welt, in der das Gros der Menschheit lebt, ist eine Welt in Bildern. Wir denken visuell, wir träumen visuell, wir lieben visuell und spätestens, seit das Smartphone von unserer gesamten Existenz Besitz ergriffen hat, kommunizieren wir auch visuell. Immerzu. Wenn sich der Rockfan David nach dem Erhalt einer SMS-Textnachricht also entschließt, nicht wie sonst bei jedem Konzert ein Handyfilmchen für seinen Vater zu machen, muss etwas Gravierendes vorgefallen sein.

Die Warnung kam per SMS-Textnachricht

Die Stadt, in der David lebt, ist Paris; der Club, den er an diesem Abend besucht hat, heißt Bataclan. Die Band, die darin spielt, nennt sich Eagles of Death Metal. Der Tag, an dem eine SMS seines Vaters den jungen David mit dem Hinweis vom Filmen ihres Auftrittes abhält, er solle wegen eines Anschlags auf sich aufpassen, ist der 13. November 2015.

An diesem Datum, das fast wie einst 9/11 zur Ikonografie des Grauens hinzustieß, haben islamistische Terroristen bei Attacken auf fünf Orte der französischen Kapitale – sie kamen auch ins Bataclan – 130 Menschen getötet und 683 verletzt. David war keiner von ihnen und doch hautnah dabei.

Zwei Stunden in der Gewalt von Selbstmordattentätern

Als Geisel, als Opfer, als Überlebender erzählt er zweieinhalb Jahre später bei Netflix von jenen zwei Stunden in der Gewalt von Selbstmordattentätern, die sein Leben und das Leben in der westlichen Welt verändert haben. Gut zwei Dutzend Zeugen wie ihn haben Julien und Gédéon Naudet vor die Kamera geholt. Und wie die Filmemacher den Zivilisationsbruch von Paris allein durch die Kraft ihrer Worte plausibel machen – das ist eine der herausragenden Dokumentarfernsehleistungen unserer Tage.

Chronologisch aber nie schematisch arbeitet sich das Brüderpaar vom ausverkauften Stade de France, wo zwei Bombendetonationen das Länderspiel gegen Deutschland erschüttern, über drei belebte Cafés, deren Besucher förmlich exekutiert wurden, zum prall gefüllten Bataclan vor, das ein Blutbad mit 90 Toten erlebt.

An drei dieser längst wiedereröffneten Tatorte teilen die Augenzeugen ihre Erinnerungen nun mit uns, dem Publikum. Zu Beginn geht über dem herbstlichen Paris zwar strahlend schön die Sonne unter. Ab und zu laufen Bilder aus dem Archiv. Darüber hinaus aber verlässt sich „November 13“ auf die Kraft der Worte. Und viel mehr als die bedarf es auch nicht, um das Grauen spürbar zu machen.

Wenn ein Ordner vom „nervösen Mann mit Kindergesicht“ erzählt, der ohne Karte ins Stadion wollte; wenn Frankreichs Staatspräsident Hollande das Fußballspiel „unterhaltsam“ nennt; wenn der Café-Besucher Barouyi im Kugelhagel „an etwas denken“ wollte, „aber nur Schwärze da war“; oder wenn die Konzertbesucherin Marie ihren Freund zum mutmaßlich letzten Mal küsste, „wie wir uns schon lange nicht mehr geküsst haben“ – dann würde jedes verwackelte Smartphone-Filmchen für keinerlei Mehrwert sondern nur für Effekthascherei sorgen.

Und so liefern die Brüder Naudet nach ihrer gefeierten Dokumentation „9/11“ abermals ein episches Zeitzeugnis des Menschlichen im Schrecken.

Ein Handy als Lebensretter

Über drei Stunden hinweg kommt dieses kleine Meisterwerk schließlich nicht nur weitestgehend ohne Action aus. Die extrem reduzierte Art und Weise, wie Betroffene hier zu Wort kommen, wie sie weder als Helden noch als Opfer inszeniert werden, sondern als Objekte einer willkürlichen Auswahl des Hasses – all das sorgt in einem Genre, dessen Ästhetik zusehends kommerziell aufgeblasen wird, für große Wahrhaftigkeit.

Manchmal reicht auch ein Bild. Am Anfang ist das Handy eines Überlebenden zu sehen. Die Pistolenkugel darin ist deutlich sichtbar. Es hat dem Besitzer das Leben gerettet.

Von Jan Freitag / RND

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