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Fernsehen „Three Girls“ – Zum Schweigen verdammt
Nachrichten Medien Fernsehen „Three Girls“ – Zum Schweigen verdammt
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10:02 13.06.2018
Schrecken ohne Ende: Die drei Freundinnen Ruby (Liv Hill, v. l.), Holly (Molly Windsor) und Amber (Ria Zmitrowicz) werden vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Quelle: Foto: Arte
London

Eine eigentlich unfassbare Geschichte erzählt die dreiteilige preisgekrönte BBC-Serie „Three Girls“, die Arte jetzt in einem Stück ausstrahlt. Und sie ist wahrlich nichts für empfindliche Gemüter – auch und gerade weil sie auf realen Ereignissen basiert, die sich zwischen 1997 und 2012 im nordenglischen Rotherham und im 50 Kilometer entfernten Rochdale zugetragen haben.

Damals wurden dort rund 1400 Mädchen und Jungen über Jahre von pakistanischen Männern missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Lange Zeit glaubten weder ihre Eltern noch die Polizei oder lokale Politiker die Geschichten der Betroffenen. Und das ganze Ausmaß dieses Verbrechens wurde dann auch erst durch spätere Recherchen der „Times“ bekannt.

Die Serie zeigt nur einen Ausschnitt der Geschehnisse

Die Serie selbst kann natürlich nur einen Ausschnitt dieses grausamen Geschehens liefern und beschränkt sich daher bewusst auf das Schicksal dreier Mädchen: Die 15jährige Holly (sehr stark: Molly Windsor), die 2008 nach Rochdale gezogen ist und dort Anschluss findet bei den Schwestern Amber (Ria Zmitrowicz) und Ruby (Liv Hill).

Ihre freien Nachmittage verbringen die drei in einem pakistanischen Kebab-Laden, in dieser tristen Gegend der einzige Treffpunkt für gelangweilte Teenager. Großzügig spendieren die Betreiber des Imbisses anfangs Alkohol, Zigaretten und Fastfood, im Hinterzimmer des Ladens können die Jugendlichen ungestört ihre freie Zeit verbringen, Musik hören, tanzen oder einfach nur quatschen.

Doch dann wird die scheinbar so harmlose Sache plötzlich richtig hässlich. Die Pakistani um „Daddy“ (Simon Nagra) verlangen Gegenleistungen für ihre vermeintliche Großzügigkeit. Sie fordern also Sex. Zuerst werden die Mädchen von ihnen vergewaltigt, dann zur Prostitution gezwungen und später an andere pakistanische Männergruppen weitergereicht.

Niemand glaubte den Mädchen

Und die Mädchen selber schweigen über das Geschehen, aus Angst und aus Scham. Erst als Holly zufällig wegen eines Ladendiebstahls vernommen wird, erzählt sie der Polizei von den Vergewaltigungen. Daddy wird dann zwar festgenommen, aber schon bald aus Mangel an Beweisen freigelassen. Weil eben keiner Hollys Erzählungen glaubt – außer der Sexualberaterin Sara (Maxine Peake), die das Mädchen aus einer kommunalen Gesundheitseinrichtung kennt.

Aber auch sie kann nichts bewirken. Erst Jahre später, als sich die Berichte über Vergewaltigungen häufen und einige Mädchen ungewollt schwanger werden, handeln Polizei und Behörden endlich. Und so kommt es schließlich zum Prozess.

In wirklich bewegenden Bildern, die oft dokumentarisch erscheinen, zeigt „Three Girls“ die hässliche Spirale, in welche die Mädchen langsam geraten. Die erste Folge handelt genau davon, während die zweite anschaulich beschreibt, wie schwierig sich die späteren polizeilichen Ermittlungsarbeiten gestalten. Vor allem weil die Mädchen das Vertrauen in Polizei und Behörden längst verloren haben, aber auch weil die Polizisten nicht in Verdacht geraten möchten, aus rassistischen Gründen gegen Pakistanis zu ermitteln.

Die Aussagen der Betroffenen schmerzen beim Zuhören

Spannender Höhepunkt ist aber dann der dritte Teil, der den Prozess beschreibt. Dabei beruhen die meisten Dialoge auf den Gerichtsprotokollen, also den Aussagen der Betroffenen, die allein beim Zuhören richtig schmerzen. Am Schluss wird dann noch das genaue Ausmaß dieses Verbrechens geschildert, und man erfährt, dass sich auch in zahlreichen anderen englischen Städten ähnliche Fälle abgespielt haben.

Für ihren Film hat das Team um Regisseurin Philippa Lowthorpe nicht nur die vorliegenden Dokumente ausgewertet, sondern selbst ausführliche Recherchen angestellt und mit den Opfern sowie ihren Angehörigen gesprochen. Und das Resultat dieser Fleißarbeit ist ein eindrucksvolles, weil überaus intensives Zeitdokument, das den Betroffenen tatsächlich eine Stimme gibt.

Eine Stimme, die ja viel zu lange zum Schweigen verdammt war. Aus Angst, aus Scham und aus purer Ignoranz. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Regisseurin mit ihrem Anliegen Erfolg hat. „Ich will“, sagt sie, „die Gesellschaft sensibilisieren, damit sich derart Schreckliches niemals wiederholt.

Von Ernst Corinth / RND

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