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„Frankfurter Rundschau“: Eine Pleite mit Ansage

Aus für die Traditionszeitung „Frankfurter Rundschau“: Eine Pleite mit Ansage

Jahrelang fuhr die "Frankfurter Rundschau" Millionenverluste ein - gestern zog der Verlag die Reißleine: Nach 67 Jahren meldete das Traditionsblatt Insolvenz an. 487 Mitarbeiter sind betroffen. Der einst wichtigsten linksliberalen Zeitung des Landes kamen die Leser abhanden.

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„Geschockt, sprachlos, enttäuscht, wütend“: Die einst wichtigste linksliberale Tageszeitung der Republik hat Insolvenz angemeldet. 487 Mitarbeitern droht die Entlassung.

Quelle: dpa

Frankfurt. Nein“, sagte Wolfgang Brüser, Sprecher des Kölner Verlagshauses M. DuMont Schauberg . Eine Einstellung oder ein Verkauf der „Frankfurter Rundschau“ sei kein Thema. Man plane nichts dergleichen. Entsprechende Gerüchte dementiere er. Das war vor 14 Tagen.

Seit gestern ist es amtlich: Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist pleite – nach einem langen, zähen Siechtum. 67 Jahre  nach der Gründung hat das Druck- und Verlagshaus Frankfurt (DuV) Insolvenz angemeldet. Die beiden Hauptgesellschafter – DuMont sowie die SPD-Medienholding ddvg – schrieben in einer Stellungnahme: Es sei zwar gelungen, „ehrgeizige Kostenziele zu erreichen und dabei die Qualität erheblich zu steigern“. Man müsse aber feststellen, „dass all diese Anstrengungen nicht ausreichen, um die fortdauernden hohen Verluste zu beseitigen“.

Am Nachmittag um 15 Uhr informierte der Verlag seine 487 Mitarbeiter. „Geschockt, sprachlos, enttäuscht, wütend“, reagierten die meisten, sagte „FR“-Geschäftsführer Karlheinz Kroke. „Die Stimmung geht von Trauer bis Wut“, berichtete der Betriebsratsvorsitzende Marcel Bathis. Als Insolvenzverwalter wurde der Frankfurter Rechtsanwalt Frank Schmitt eingesetzt. Die Gehälter sind nur noch bis Ende Januar 2013 sicher.

Das ehemals wichtigste linke Blatt der Republik fällt

Der Niedergang der einstigen Print-Ikone kam schleichend. Seit mehr als einem Jahrzehnt fährt das ehemals wichtigste linke Blatt der Republik hohe Verluste ein. 2009 waren es 24,5 Millionen Euro, 2010 dann 18,3 Millionen, 2011 angeblich rund acht Millionen Euro. Im laufenden Jahr wird der Verlust wieder um die 16 Millionen Euro betragen. Allein DuMont investierte nach eigenen Angaben bislang 136 Millionen Euro in die  „FR“. Noch Mitte April hatten die Gesellschafter eine sogenannte Patronatserklärung über 25 Millionen Euro abgegeben. Sie hätte die Zukunft der Zeitung bis 2015 sichern sollen. Angesichts der neuen Zahlen wäre das Geld aber bereits Mitte 2013 aufgebraucht gewesen – Zeit für die Reißleine.

Jahrelang hatte DuMont versucht, die hohen Verluste durch radikale Sparmaßnahmen in den Griff zu kriegen. Seit Frühjahr 2010 beliefert eine in Berlin ansässige Redaktionsgemeinschaft vier DuMont-Titel: die „Berliner Zeitung“, den „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „Mitteldeutsche Zeitung“ und die „FR“. Seit April 2011 schließlich kam gar der gesamte Mantelteil der Frankfurter fix und fertig aus Berlin – Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur.

DuMont baute in Frankfurt 58 Stellen ab. Plötzlich saßen die führenden Köpfe der „Frankfurter Rundschau“ gar nicht mehr in Frankfurt. „Anders ist die Existenz der Zeitung nicht zu sichern“, schrieb Verleger Alfred Neven DuMont (85). Doch das eigentliche Problem bekam man nicht in den Griff: den Leserschwund. Im dritten Quartal 2012 verkaufte das Blatt nur noch knapp 118 000 Exemplare pro Tag. Vor zehn Jahren waren es noch gut 183.000.

Nun also: das Aus. Das Schicksal der traditionsreichen „FR“ erzählt eine tragische Geschichte vom Aufstieg und Fall einer publizistischen Macht in Deutschland. Aber die „FR“-Story ist kein klassisches Symptom für die viel beschworene Printkrise. Sie ist nicht allein am veränderten Medienverhalten gescheitert, also daran, dass Werbetreibende ihre Budgets ins Netz umschichten, sondern am Ende auch an ihrer unklaren Ausrichtung (regional oder überregional?) und am gesellschaftlichen Wandel. Sie verlor schlicht ihr Alleinstellungsmerkmal. Und erfand sich nicht rechtzeitig als Regionalzeitung neu.

Die Cordhosen-Kernleserschaft von einst alterte

In den siebziger Jahren – unter Chefredakteur und Herausgeber Karl Gerold – beherrschte die „FR“ als Linken-Pflichtblatt und wichtigste Gegenstimme zum konservativ-bürgerlichen Lager noch die politischen Debatten. Schon seit Jahren aber litt sie an ihrer eigenen Reformunfähigkeit (noch 2000 ätzte die „taz“ über „grün-schwarze Bleiwüsten“) und daran, dass ihr die Zielgruppe abhandenkam: Die Cordhosen-Kernleserschaft von einst alterte, das gewerkschaftliche Kernmilieu schrumpfte. Grünes Neobürgertum und Konservativismus schlossen sich auf einmal nicht mehr aus. Und für Tausende Kinderladenmütter, Politikstundenten und Sozialkundelehrer gab es plötzlich keinen Grund mehr, nach der „FR“ zu greifen. Spätestens seit der Jahrtausendwende bedienen auch die „Süddeutsche Zeitung“ und gelegentlich selbst die „Frankfurter Allgemeine“ (FAZ) das Bionade-Soziotop. Die „taz“ sowieso. Für die „FR“ war das der Anfang vom Ende.

2004, als dem Platzen der Dotcom-Blase die erste Medienkrise folgte, stieg die SPD-Medienholding ddvg als Retter ein. Sie übernahm von der Karl-Gerold-Stiftung 90 Prozent. 2006 kam dann Alfred Neven DuMont hinzu und wurde von der „FR“-Redaktion als „echter Verleger“ begrüßt, für den ein Zeitungshaus mehr sei als ein x-beliebiger Bäckerladen. DuMont machte Uwe Vorkötter zum Chefredakteur, der die „FR“ auf das kleinere Tabloidformat umstellte und auch den Chefposten der „Berliner Zeitung“ übernahm. Bis man ihm im Juli das Vertrauen entzog und ihn auf einen „Beraterposten“ weg lobte. Die Zahl der Abonnenten war in fünf Jahren um fast ein Drittel eingebrochen. Leser kritisierten, dass ihr Hausblatt Beliebigkeit ausstrahle, seit es nicht mehr in Frankfurt verankert sei.

Der „traurige Dinosaurier“

Zeitungen seien „keine kurzfristigen Renditeobjekte“, hatte DuMont 2006 versprochen. Sechs Jahre hielt man durch, rechnete die Auflage durch immer mehr Bordexemplare und „Sonderverkäufe“ in die Höhe. Doch am Ende nützte es nichts mehr. Als Regionalblatt war die „FR“ in ihrer Heimatregion einfach nicht stark genug verankert. Als digitale Marke schaffte sie es – trotz einer hochgelobten App – nicht, zum digitalen Sammelbecken ihrer Stammklientel zu werden. Und ihre überregionale Strahlkraft hatte sie eingebüßt. Jeder Erscheinungstag brachte Verluste im fünfstelligen Bereich. Der „journalist“ schrieb vom „traurigen Dinosaurier“.

Die Gesellschafter prüften zuletzt auch eine Umstellung der „FR“ auf eine reine Digitalausgabe. Doch Marktforscher winkten ab – „nicht lebensfähig“. Die Zeitung soll bis Ende Januar zunächst weiter erscheinen. Hoffnung jedoch hat niemand mehr in Frankfurt. Es sei „kaum möglich“, die Zeitung noch günstiger zu produzieren, sagte Geschäftsführer Kroke. „Am Kostenrädchen ist schon erheblich gedreht worden.“ Es ist das Ende einer Ikone, über die die Zeit hinweg geweht ist.

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