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Klassisches Fernsehen verliert Zuschauer

Siegeszug der Streamingdienste Klassisches Fernsehen verliert Zuschauer

Was guckst du? Netflix und Amazon mischen den deutschen TV-Markt auf – und junge Zuschauer kehren den klassischen Sendern in Scharen den Rücken. Bei RTL, Pro7 & Co. herrscht Panik. Ein Blick in die angeschossenen Funkhäuser.

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Fernsehen im Überfluss: Noch nie war die Auswahl an Serien, Filmen und Shows so groß wie heute. Immer mehr Zuschauer suchen sich weltweit das Beste aus. Das verändert den Markt rasant.

Quelle: Fotolia

Hannover. „Kino? Das ist nur eine Modeerscheinung“, hat Charlie Chaplin mal gesagt. „Was die Leute wirklich sehen wollen, sind echte Schauspieler auf der Bühne.“ Das war 1912. Eine putzige Prognose von dem Mann, der dann zum größten Stummfilmstar der Kinogeschichte wurde. Das Neue? Das geht wieder weg. So ähnlich klangen Droschkenkutscher um 1900. Und so klangen auch deutsche TV-Manager, als der US-Streamingdienst Netflix im September 2014 den hiesigen Markt betrat. Ach, das werde schon nicht so schlimm. Zu hochwertig, zu etabliert sei das deutsche Fernsehen, als dass ein Emporkömmling aus Übersee zur Gefahr werden könnte.

So kann man sich irren. Nur drei Jahre später herrscht Angst auf den Fluren der deutschen Privatsender. RTL fuhr 2017 mit 12,2 Prozent den schlechtesten Marktanteil seit Ende der Achtzigerjahre ein. Pro7 landete mit 9,5 Prozent auf dem tiefsten Wert seit 25 Jahren. Die großen Privatsender erreichen nur noch etwas mehr als 20 Prozent des Gesamtpublikums – in den Glanzzeiten waren es 42 Prozent. „Unsere Sender waren insbesondere im Sommer nicht so erfolgreich, wie wir uns das gewünscht haben“, sagte ProSiebenSat.1-Chef Wolfgang Link. In Klartext übersetzt heißt das: Bei uns brennt der Busch.

Zuschauer suchen sich weltweit das Beste aus

Gründe gibt’s genug. Frische Zahlen beweisen, was bisher nur Vermutung war: Das „alte“ Fernsehen verliert Zuschauer. Im vergangenen Jahr sahen die Deutschen unter 50 Jahren im Schnitt 160 Minuten pro Tag „klassisch“ fern. 2016 waren es noch 171 Minuten, 2011 sogar 192 Minuten. In nur sechs Jahren verlor das lineare Fernsehen also eine halbe Stunde tägliche Aufmerksamkeit der jüngeren Zuschauer an die neuen Zeitdiebe: Netflix, Amazon, Youtube. Zuschauer suchen sich weltweit das Beste aus.

Jeder Dritte ergänzt inzwischen regelmäßig das traditionelle Fernsehen durch Streamingangebote. Jeder fünfte „Streamer“ würde auf das „alte“ Fernsehen sogar komplett verzichten. Das ergab eine Studie des Branchenverbandes Bitkom. „Die großen Privatsender werden immer unattraktiver für die Zuschauer“, urteilt der Branchendienst DWDL.de.

Der Wandel in den Haushalten ist beständig

Amazon und Netflix halten ihre Nutzerzahlen in einzelnen Ländern unter Verschluss. Experten schätzen aber, dass Netflix nach nur 40 Monaten bereits so viele deutsche Kunden hat wie Sky: um die fünf Millionen. Weltweit sind es 109 Millionen in 190 Ländern. „Im Grunde treten wir gegen alle an“, sagt Netflix-Gründer Reed Hastings. Auch Hollywood hat er im Visier – aktuell mit dem Will-Smith-Film „Bright“. 6,8 Milliarden Euro investiert die Firma 2018 in eigene Inhalte, sogenannten „Original Content“, den Goldstandard beim Streaming. Auch Sky ist nach Jahrzehnten des Darbens profitabel – ein weiteres Indiz für die neuen TV-Machtverhältnisse. Die Verbreitung und Akzeptanz neuer Angebote habe sich „signifikant beschleunigt“, heißt es in einer Studie der Beratungsfirma Deloitte. Der Wandel in deutschen Haushalten sei „beständig“.

Streaming ist der globale Taktgeber für TV-Trends

Tatsächlich beziehen die neuen Player ihre Relevanz aus der Tatsache, dass sie die TV-Welt auch für Nichtabonnenten verändern. Beispiele:

Die Ansprüche an Komfort, Qualität und Vielfalt steigen. Millionen Zuschauer gewöhnen sich an eine zielgenaue Befriedigung ihrer Spaßbedürfnisse – und bedienen sich aus diversen Quellen. Streaming ist der globale Taktgeber für TV-Trends, visuelle Moden, Erzählformate. Unterm Strich heißt das: Das lineare Fernsehen verliert an kultureller Bedeutung.

Es ist kein Wettkampf auf Augenhöhe mehr: Die ärgsten Konkurrenten von RTL heißen nicht mehr Pro7 oder ZDF, sondern Google, HBO, Amazon oder Apple. Amazon buhlt 2018 gezielt um deutsche Zuschauer – mit der zweiten Staffel von Matthias Schweighöfers Serie „You Are Wanted“, mit neuen Folgen der früheren Sat.1-Sitcom „Pastewka“ und mit der Fortsetzung der Spionageserie „Deutschland 86“, deren erste Staffel bei RTL kläglich unterging.

Goldene Zeiten für kreative Fernsehmacher

Der Markt boomt: Disney hat gerade für 52 Milliarden Dollar den Großteil des Studios 20th Century Fox gekauft und plant für 2019 eine eigene Streamingplattform. Facebook und Apple investieren Milliarden in eigene TV-Shows, Google baut sein Videoportal Youtube schleichend zum Abofernsehen um. Und der junge Sport-Streamingdienst DAZN ist ein zäher Mitbewerber um TV-Rechte.

Goldene Zeiten für gute Fernsehmacher: Sie zieht es zu dem Anbieter, der am besten zahlt und am meisten Freiheiten lässt. Im Kampf um die kreativsten Köpfe haben werbefinanzierte Sender wie RTL und Pro7 sowie bürokratische Monster wie ARD und ZDF keine guten Argumente. Leuchtturmprojekte wie „Charité“ (ARD) bleiben die Ausnahme. Schon die zweite Staffel von „Tannbach“ (ZDF) geriet deutlich konventioneller als die erste. Vielfalt? Nirgends. Stattdessen: Nonnenserien, mies gelaunte „Tatort“-Kommissare und Blondinen mit Klemmbrettern überall. „Gefühlte 95 Prozent aller Serien, die in Deutschland produziert werden, sind Krimiformate“, tadelt TV-Satiriker Oliver Kalkofe.

Die Mediatheken von ARD und ZDF sind unkomfortabel

Es ist ein Teufelskreis: Aus Angst, die Stammkundschaft zu verschrecken, produzieren ARD, ZDF oder RTL Altvertrautes – und beschleunigen so den Exodus der Jüngeren. Für die wirkt Unterhaltungsfernsehen mit festen Sendezeiten schon heute wie ein Anachronismus. ARD und ZDF versuchen mit ihren Mediatheken, den Komfort der neuen Konkurrenz nachzubilden. Doch die Plattformen sind unübersichtlich, Inhalte aus politischen Gründen nur zeitweise abrufbar, Szenen aus Lizenzgründen im Netz gesperrt. Und: Die Quotenerfassung – noch immer die wichtigste TV-Währung – hat noch kein Mittel gefunden, Mediathekenabrufe, Streamingnutzung und mobiles Fernsehen sauber und einheitlich zu erfassen. „Bei der Quotenmessung verhalten wir uns, als sei die Zeit vor 30 Jahren stehen geblieben“, sagt Kalkofe.

Netflix will die „globale Jukebox“ werden

Man dürfe die Ambitionen von Netflix nicht unterschätzen, schrieb die „New York Times“. Auch Amazon sei einst verlacht worden und dominiere heute nicht nur den globalen Einzelhandel, sondern sei Medienkonzern, Elektronikhersteller, TV-Riese, IT-Gigant. Netflix wolle zur „globalen Jukebox“ werden.

Und die deutschen Sender? Reagieren bisher ratlos. Die Privaten sind in Panik. RTL presst alte Formate aus („Wer wird Millionär?“, „Der Bachelor“). Pro7 weint Stefan Raab hinterher. Und die Öffentlich-Rechtlichen bangen um ihre Einnahmen und flüchten sich in Zweckoptimismus: Die Zuschauer seien auf Dauer bestimmt zu faul, sich ihr Programm selbst zusammenzustellen, hoffte jüngst die Fernsehdirektorin des Hessischen Rundfunks, Gabriele Holzner. Sie klang wie Charlie Chaplin 1912.

Von Imre Grimm

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