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Michael Kessler – der Verschwendete

Fernsehen Michael Kessler – der Verschwendete

Große Talente landen beim Fernsehen nicht unbedingt auf Hauptsendeplätzen. Bestes Beispiel: Der grandiose Talker und Edel-Comedian Michael Kessler, dessen neue Staffel der Parodiereihe „Kessler ist ...“ um 23.15 Uhr im ZDF startet (von Freitag, 4. August, an). Seine Auto-Interviews „Sitzheizung gibt’s nicht“ startet Kesser am 10. August – bei ZDFNeo.

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Interview im Auto: Michael Kessler interviewt in seiner neuen Reihe Prominente, unter anderem Bastian Pastewka.

Quelle: Foto: ZDF

Berlin. Wenn es um die Pflege seiner seltenen Talente geht, verhält sich das Fernsehen vorwiegend seltsam. Um zum Beispiel einige jener Moderatoren zu finden, an denen im Grunde niemand vorbeikommt, muss man daher manchmal ziemlich lang suchen. Jan Böhmermann? Ist zwar fester Bestandteil diplomatischer Krisen und diverser Preisverleihungen, läuft beim ZDF aber nur im Randprogramm. Manuel Möglich? Treibt sich trotz seiner exzellenten Reportage-Technik fern der öffentlich-rechtlichen Primetime rum. Sarah Kuttner? An den Rand der Aufmerksamkeitsindustrie gedrängt worden. Besonders schmählich unterschätzt ist allerdings Michael Kessler.

So gewöhnlich der Name klingen mag, so außergewöhnlich ist dessen Bedeutung fürs Medium. Ausgebildet an der Schauspielschule der Folkwang Universität Bochum, engagiert vom benachbarten Theater, umgeschult bei Pro7, zählt er seit zwei Jahrzehnten zu den Besten seines Fachs: Comedy mit Tiefsinn, die dank Kesslers Beteiligung selbst dem humoristischen Flachwassersurfer Sat.1 möglich wird. Ob „Schillerstraße“ oder „Switch Reloaded“, „Kesslers Knigge“ oder „Pastewka“ – wann immer das Privatfernsehen mal richtig statt brachial lustig daherkommt, ist er ziemlich sicher mit von der Partie.

Aber nicht nur dann. Die vergangenen zehn seiner 50 Jahre auf Erden nämlich hat der gebürtige Wiesbadener den Seitenarm eines Fernsehflusses schiffbar gemacht, der am Rande des großen Talkshowstroms zu versiegen drohte: das gediegene Zwiegespräch. Wenn Michael Kessler ab 10. August in „Sitzheizung gibt’s nicht“ abermals zeigt, wie man Interviews zu Dialogen adelt, gibt es also eigentlich nur eins, was daran stört: Praktizieren darf er sein Talent nämlich wie so oft nur in der Nachtschleife ab 22.15 Uhr von ZDFneo. Ein Jammer.

Schließlich zeigt gerade die Promiparodie-Reihe „Kessler ist…“, deren neue Staffel heute um 23.15 Uhr im ZDF startet, was dem abgenudelten Genre noch zu entlocken ist, wenn es jemand ernst damit meint. Vor drei Jahren wurde der geniale Parodist – bei „Switch“ zuständig für so verschiedene Charaktere wie Florian Silbereisen oder Günther Jauch – erstmals derart vollumfänglich in wechselnde Promis verwandelt, dass die sich im Anschluss quasi selbst interviewten. Eine Gabe, die er 2006 bereits beim RBB angedeutet hatte. Noch ganz ohne Maskerade fuhr er als Chauffeur der „Berliner Nacht-Taxe“ gewöhnliche Menschen wechselnder Bekanntheitsgrade durch die Hauptstadt und führte dabei Konversationen von bestechender Intensität.

Ganz ähnlich soll nun auch sein „Comedy-Talk“ funktionieren. In Autos, die irgendwie mit der Biografie seiner Fahrgäste zu tun haben, unterhält sich der Gastgeber sechs Folgen lang mit Promis wie Bülent Ceylan, Katharina Thalbach, Guido Cantz, Annette Frier, Jorge Gonzales, Carolin Kebekus und Bernhard Hoëcker. Wenn der Sender bei den Spritztouren in Gefährten vom Oldtimer bis zur Proll-Karosse allerdings „Spaß mit unterhaltsamen Gesprächen, witzigen Anekdoten und ganz viel Quatsch beim Quatschen“ verspricht, dürfte das vielleicht dem Format gerecht werden. Dessen Gastgeber genügt es dagegen eher weniger.

Denn Quatschen ist gemeinhin das genaue Gegenteil von dem, was Michael Kessler macht. Verfügt er doch über eine Form von unterhaltsamer Empathie, die selbst beim Herumalbern für Tiefgang sorgt und abgesehen von den Breitseiten auf seine Imitationsopfer auf Pro7 eines meist vermeidet: die Gegenüber bloßzustellen. Mit dieser Gabe schafft es Michael Kessler 25 Jahre nach seinem TV-Debüt in der „Lindenstraße“ mittlerweile zwar häufiger mal auf die besseren Sendeplätze seriöser Kanäle; seine historisch-heitere Deutschland-Doku „Das Jahrhunderthaus“ zum Beispiel lief tatsächlich um 20.15 Uhr bei der Mutter seines Stammbiotops ZDFneo.

Allerdings, glaubt Kessler selbst, ist die Nische gar nicht das schlechteste Revier zur Verwirklichung der eigenen Vorstellung vom guten Fernsehen. „Ich konnte dem deutschen Schubladendenken dadurch entgehen, dass ich mich darin häufig neu erfunden habe“, sagte er vor drei Jahren. Dummerweise kriegt die Masse des Publikums davon kaum etwas mit, wenn es nicht gerade bei den Big Five von ARD bis Sat.1 läuft. Bevor Michael Kessler also ein prominent platziertes Format mit Strahlkraft erhält, übernimmt Jan Böhmermann doch noch die (wieder mal) angedachte Fortsetzung von „Wetten, dass …?“. Schön wär’s.

Von Jan Freitag / RND

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