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Netzwelt Künstliche Intelligenz – aber wo bleibt die Ethik?
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14:00 01.12.2018
Wie bei den Bankern ist es denkbar, dass ein kleiner Teil der Berufsgruppe dem Ansehen aller Informatiker irreversiblen Schaden zufügt – das gilt es zu verhindern, meint Alexander von Gernler. Quelle: erhui1979/iStock
Hannover

Es gab einmal eine Berufsgruppe gefragter Experten, die hohe Gehälter kassierte und komplexe Produkte baute, die die Außenwelt nicht mehr verstand (sie selbst oft auch nicht, aber die Produkte verkauften sich ja).

Sie lösten eine Menge Probleme, die für sie in ihrer kleinen Welt bedeutend waren, hatten aber das Ganze aus dem Blick verloren. So veränderten sie die Gesellschaft global und massiv und stürzten viele Mitmenschen in prekäre Verhältnisse.

Die Rede ist von einer Gruppe von Bankern, die mit der Finanz- und Immobilienkrise für enorme Verwerfungen gesorgt haben und den aufrichtigen Rest ihres Berufsstands mit einem gesellschaftlichen Stigma versehen haben. Plastisch sind noch Schilder von Demos in Erinnerung, die die sehr explizite wie unangenehme Aufschrift ,Jump, you fuckers!’ trugen.

Technikoptimisten in ihrem Mikrokosmos

Ich glaube, eine weitere Gruppe ist gerade dabei, die gleichen Fehler zu machen: Die Informatiker – meine eigene Profession. Warum? Experten für Künstliche Intelligenz (KI) werden derzeit von großen Internetkonzernen für sechsstellige Einstiegsgehälter eingekauft. Jahreseinkommen über 200 000 Dollar sind erreichbar.

Diese Technikoptimisten kaufen sich von ihrem Einkommen schicke Eigenheime, freuen sich ihres Daseins und gentrifizieren nebenbei ganze, vorher bezahlbare Wohngegenden. Außer den Experten versteht niemand, wie KI funktioniert, und ganz so genau wissen es die Experten eigentlich auch nicht – sie funktioniert eben, gute Daten vorausgesetzt.

Auch Informatik-nahe Start-ups kümmern sich heute um die bedeutenden Fragen in ihrem Mikrokosmos, etwa um Smartphone-basierte Aufsammeldienste für Hundehaufen.

Was, wenn der große Knall kommt?

Dass 20 Prozent der Weltbevölkerung nicht nur kein Internet, sondern auch oft noch keine zuverlässige Stromversorgung oder sauberes Trinkwasser haben, spielt bei der Selbstverliebtheit ihrer Lösungen keine Rolle. Und ob es gesellschaftlich wünschenswert ist, dass es nun Uber-Fahrer, Amazon-Paketboten und Suchmaschinenoptimierer gibt, bleibt zu bezweifeln.

Überhaupt ist bedenklich, dass sich brillante Talente die hohe Kunst der Informatik aneignen, nur um danach Werbung möglichst effektiv, zielgruppengerecht und sublim an ihre Mitmenschen zu bringen. War es das wert?

Bis jetzt läuft alles sehr gut für die Informatiker. Was aber, wenn der große Knall kommt? Wie bei den Bankern würde ein kleiner Teil der Berufsgruppe dem Ansehen aller irreversiblen Schaden zufügen – das gilt es unbedingt zu verhindern! Die Informatiker haben aber im Gegensatz zu den Bankern diese Chance noch.

Technik muss dem Menschen dienen

Es muss eine Rückbesinnung auf die Wurzeln geben: Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Das Primat der Gesellschaft ist entscheidend. Und wir müssen an das Problem heran, dass die (vor allem US-dominierte) Wirtschaft mit Riesenschritten davon zieht, und selbst Universitäten gegenüber den mächtigen Konzernen ihre Deutungshoheit über das Fach verloren haben.

Wir Informatiker sind ja traditionell nicht gewerkschaftlich organisiert – der wirtschaftliche Erfolg hat das nie zwingend nahegelegt. Wir sollten aber wenigstens bei gesellschaftlichen Fragestellungen weg vom Einzelkämpfertum und hin zu einer Plattform, auf der eine Debatte innerhalb der Profession und mit den Leuten da draußen stattfinden kann.

Ethische Leitlinien als Selbstverpflichtung

So hat die Gesellschaft für Informatik vor kurzem eine auf die heutige Zeit angepasste Version ihrer ethischen Leitlinien veröffentlicht, die sich in ihren Wurzeln auf bedeutende Werke wie das deutsche Grundgesetz und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union stützt.

Ich persönlich finde, dass jeder Absolvent der Informatik oder eines verwandten Studiengangs heute bei seiner Ehrung nicht nur seine Urkunde als Bachelor, Master oder Doktor der Datenwissenschaft erhalten sollte – in der Mappe mit dem Diplom sollte eine Ausgabe der ethischen Leitlinien beigelegt sein.

Andere Professionen machen so etwas traditionell schon seit Jahrhunderten: So gibt es bei Bauingenieuren den Ring, der dem Ingenieur später die Hand führen soll, es gibt den hippokratischen Eid der Mediziner, warum nicht also auch eine ähnliche Selbstverpflichtung in unserer Zunft?

Von Teilinitiativen zu einem gemeinsamen Ganzen

Der Diskurs über die transformierende Kraft der Informatik hat in Deutschland übrigens nun auch endlich begonnen. Das kann man etwa beobachten an der Einsetzung der Enquete-Kommission für Künstliche Intelligenz, der Digitalstrategie, dem Digitalrat, der Digitalethik-Kommission, dem jährlichen Digitalgipfel und weiteren Initiativen.

In vielen dieser Gremien sind bereits kompetente und auch kritisch denkende Informatiker vertreten, die die Diskussion mit korrekten Fakten unterfüttern – das macht Hoffnung. All diese Teilinitiativen müssen aber auf ein gemeinsames Ganzes hinwirken, denn das passiert derzeit noch nicht. Es wäre schade, wenn die viele eingesetzte Energie und Brillanz der Beteiligten in einer Kakophonie verpuffen würde.

Gemeinsam zu erarbeiten, was KI-Methoden für die deutsche Gesellschaft bringen, ist wichtig. Die Antworten, die wir generieren, werden andere sein als etwa bei den Amerikanern. Das können und sollten wir schaffen – auf dass einmal niemand Transparente mit unseren Namen durch die Gegend trägt.

Alexander von Gernler Quelle: privat

Zur Person: Alexander von Gernler ist Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik e. V. (GI). Er leitet die Forschungsabteilung des IT-Unternehmens genua.

Von Alexander von Gernler

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