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Medien „SZ“ wirft Karikaturisten raus
Nachrichten Medien „SZ“ wirft Karikaturisten raus
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18:10 17.05.2018
„Ich bin kein Antisemit“: Der Karikaturist Dieter Hanitzsch 2015 in einer Ausstellung seiner Franz-Josef-Strauß-Karikaturen im Flughafen in München. Quelle: dpa
München

Nach heftiger Kritik an einer als antisemitisch empfundenen Karikatur beendet die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Zeichner Dieter Hanitzsch (85). Dieser hatte in seiner am Dienstag in der „SZ“ erschienenen Karikatur Israels Sieg beim Eurovision Song Contest aufs Korn genommen. Er zeichnete den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu mit übergroßen Ohren und einer Rakete in der Hand, auf der ein Davidstern zu sehen ist. In einer Sprechblase legt er Netanjahu die Worte „Nächstes Jahr in Jerusalem“ in den Mund.

Die umstrittene Karikatur von Dieter Hanitzsch, die am Dienstag in der „SZ“ erschien. Quelle: Dieter Hanitzsch

Vor allem in den sozialen Medien meldeten sich viele Kritiker, denen die Zeichnung stilistisch zu nah an den Klischees der NS-Propaganda in nationalsozialistischen Publikationen war. Die „SZ“ hat sich auch schon öffentlich dafür entschuldigt. Chefredakteur Wolfgang Krach bestätigte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Donnerstagnachmittag die Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten: „Grund hierfür sind unüberbrückbare Differenzen zwischen Herrn Hanitzsch und der Chefredaktion darüber, was antisemitische Klischees in einer Karikatur sind.“ Auch der Deutsche Presserat will sich mit der Karikatur beschäftigen. Im Gespräch mit dem RND schildert der Zeichner seine Sicht der Dinge.

Herr Hanitzsch, werden Sie weiterhin für die „SZ“ zeichnen?

Ich bin von der „SZ“ auf Deutsch gesagt rausgeschmissen worden. Insofern kann ich nicht mehr für sie zeichnen.

Es geht dabei um eine Karikatur, auf der der israelische Premierminister Netanjahu mit einer Rakete zu sehen ist. Was wollten Sie mit dieser Karikatur sagen?

Ich wollte damit sagen, dass Netanjahu den Sieg seiner Landsfrau Netta beim Eurovision Song Contest missbraucht hat. Gleich nach der Veranstaltung hat er seine Glückwünsche geäußert und angekündigt: „Das nächste Mal in Jerusalem.“ Das empfinde ich als problematisch, weil es gerade im Moment dort besonders brodelt und es muss wirklich nicht sein, genau jetzt mithilfe des ESC noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Sie zeichnen in der Karikatur zwei Davidsterne, einmal auf einer Rakete, einmal im Wort „Eurovision“. Wieso haben Sie diese Symbole verwendet?

Ich habe den Davidstern im Logo des ESC verwendet, weil Israel der nächste Ausrichter dieses Wettbewerbs ist. Nichts anderes wollte ich damit sagen. Und eine Israelflagge hätte auf einer kleinen Rakete keinen Platz gehabt.

Können Sie verstehen, dass sich Juden verletzt fühlen?

Ich muss versuchen, es nachzuvollziehen. Es verstehen kann ich nicht. Wo liegt denn das Problem?

Vielleicht weil in der heiklen Frage des Nahost-Konflikts Israel wieder als Aggressor dargestellt wird. Ein Land, auf das alle mit dem Finger zeigen. Können Sie das nicht nachvollziehen?

Nein. Man kann in jede Darstellung, ob es sich um eine Karikatur oder das Bild eines klassischen Malers handelt, immer alles hineininterpretieren. Ich habe das so nicht gemeint.

Aber warum eine Rakete?

Die Rakete war, wenn man so will, ein Symbol für den Siegerpokal. Sie befindet sich in der Hand von Netanjahu, weil er in letzter Zeit gegenüber dem Iran sehr heftig damit rasselt.

Der Historiker Michael Wolffsohn sagte, diese Zeichnung hätte auch im „Stürmer“, einer Nazi-Zeitung im Dritten Reich, stehen können.

Das ist das Schlimmste, was man einem Zeichner unterstellen kann und eine üble Verleumdung. Das ist ein unsäglicher, unglaublicher Vorwurf. So geht es nicht.

Sie zeichnen Netanjahu mit großen Ohren, großer Nase und wulstigen Lippen.

Die Darstellung von Netanjahu war offenbar der Hauptgrund, weshalb mich die „Süddeutsche Zeitung“ rausgeworfen hat. Chefredakteur Kurt Kister sagte, die Zeichnung sei typisch antisemitisch. Da fiel in der Chefredaktion sogar derselbe Vorwurf wie bei Herrn Wolffsohn: Das hätte auch im „Stürmer“ stehen können. Das ist eine solche unverschämte Beleidigung und kaum auszuhalten. Es ist der härteste Vorwurf, der mir je gemacht wurde. Einen Netanjahu zu karikieren heißt, ihn nicht schöner zu machen als er ist. Das ist der Sinn der Karikatur. Sie soll verzerren. Schauen Sie sich doch mal an, wie andere Kollegen auf der ganzen Welt den Herrn interpretieren. Frau Merkel wird es nebenbei bemerkt auch nicht lustig finden, wie ich sie zeichne.

Es steht der Vorwurf im Raum, einige Medien würden immer nur Israel kritisieren. Warum gibt es viele Netanjahu-, aber so wenige Abbas-Karikaturen?

Ich habe auch den syrischen Machthaber Assad gezeichnet. Mit einem Handtuch, das er auswringt, aus dem die Blutstropfen seines Volkes runterrinnen. Ich greife seit 1959 die Menschen an, die aus meiner Sicht Unrechtes tun.

Bei der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es doch Kontrollmechanismen. Ihre Zeichnungen laufen doch nicht einfach durch, sondern werden davor von der Redaktion abgenommen.

Da hat es einen unglücklichen Zufall gegeben. Die beiden Chefredakteure Wolfgang Krach und Kurt Kister waren an diesem Tag in Berlin. Wo Heribert Prantl, der Chef der Meinungsseite, an diesem Tag war, weiß ich nicht. Diese Verantwortlichen haben die Zeichnung vor Druck also nicht gesehen. Der Stellvertreter von Herrn Prantl hat die Zeichnung rechtzeitig erhalten und sie für gut befunden. Insofern mache ich den beiden Chefredakteuren keinen Vorwurf. Sie hätten diese Zeichnung nicht veröffentlicht, wie mir Herr Kister mitteilte.

Wie fühlen Sie sich von der „SZ“ behandelt?

Es ist nicht üblich, dass eine Zeitung wegen einer Zeichnung einen Karikaturisten rausschmeißt. Man kann ihn schimpfen, ihm eine Abmahnung geben. Aber Knall auf Fall rausschmeißen ist nicht die feine Art.

In der „SZ“ sind bereits öfter Karikaturen gedruckt worden, die sich Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt sahen. Ihr Kollege Burkhard Mohr karikierte den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Datenkrake mit Hakennase. Er darf weiterzeichnen, Sie nicht.

Ich empfinde das Handeln der „SZ“ als Überreaktion. Möglicherweise waren die Proteste so stark, dass die Chefs sich gesagt haben, wir müssen hier ein Exempel statuieren. Anders ist es für mich nicht zu erklären. Ich bin - war, bis gestern - immerhin seit Jahrzehnten für diese Zeitung tätig.

Bereuen Sie die Karikatur?

Ich bereue die Karikatur nicht. Ich bereue den Kollegen, der sie abgenommen hat und damit sicherlich einige Schwierigkeiten hat. Ich bin 1933 im Sudetenland geboren. Nach dem Krieg ging ich noch ein Jahr zur Schule in der damaligen Tschechoslowakei und musste dort eine weiße Armbinde tragen. Ich weiß, was es heißt, auf der Straße angespuckt zu werden. Ich weiß, was es heißt, verfolgt zu werden. Allein deswegen bin ich kein Antisemit.

Die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich für die Karikatur entschuldigt. Wollen Sie auch bei Menschen, die sich verletzt fühlen, um Entschuldigung bitten?

Natürlich bedauere ich es und tut es mir leid, wenn sich jemand verletzt fühlt. Mir ist bewusst, wie sensibel das Thema ist. Ich werde versuchen, diese Karikatur zu erklären und meinen Standpunkt darzustellen. Ich fühle mich aber nicht schuldig. Was mich betrifft, habe ich eine Karikatur gezeichnet, die nicht zu meinen Glanzstücken zählt. Aber was da jetzt alles hineingedichtet und interpretiert wird, ist völlig maßlos und im Kontext zu betrachten. Ich bin nicht bereit, jetzt den Stellvertreter für sämtliche Dinge zu geben, die in dem Bereich falsch gelaufen sind.

Von Jean-Marie Magro/RND

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