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„Spiegel“-Affäre war Wendepunkt

Konferenz zum 50. Jahrestag „Spiegel“-Affäre war Wendepunkt

Die „Spiegel“-Affäre war für den Historiker Norbert Frei der „Katalysator für die Überwindung des Muffs der Adenauer-Zeit“. 50 Jahre danach erörtern in Hamburg Zeitzeugen und Experten die Hintergründe.

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Der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Georg Mascolo, bei der Konferenz anlässlich des 50. Jahrestages der „Der Spiegel“-Affäre.

Quelle: dpa

Hamburg.  50 Jahre nach der „Spiegel“-Affäre hat Chefredakteur Georg Mascolo den Polit-Thriller als Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik bezeichnet. Damals sei versucht worden, den „Spiegel“ mundtot zu machen, sagte Mascolo am Samstag zum Auftakt einer hochkarätig besetzten Konferenz über die Affäre. „Es ging um die junge Pflanze der Demokratie, die 17 Jahre nach Kriegsende noch ziemlich schwache Wurzeln hatte.“

Nach einem kritischen „Spiegel“-Artikel über die Bundeswehr („Bedingt abwehrbereit“) war im Oktober 1962 - auch auf Initiative von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU) - die Hamburger Zentrale des Magazins durchsucht worden. Mehrere Redakteure wurden festgenommen, Herausgeber Rudolf Augstein kam für 103 Tage in Untersuchungshaft. Doch am Ende ging der „Spiegel“ als Gewinner aus dem Polit-Thriller hervor. Die Bundesregierung von Kanzler Konrad Adenauer (CDU) geriet hingegen in Bedrängnis, Strauß verlor sein Amt.

Damit hatte dessen Widersacher Augstein sein Ziel erreicht, so die Einschätzung des früheren Leiters des Adolf-Grimme-Instituts, Lutz Hachmeister. Augstein habe Strauß und Adenauer unbedingt weghaben wollen. „Das war Ziel des gesamten Blattes“, betonte Hachmeister. Strauß sei für Augstein der „Beelzebub der deutschen Politik“ gewesen, die Affäre der Höhepunkt ihrer Fehde: „Es war der Kampf zweier Männer, zweier Mentalitäten, zweier unterschiedlicher Weltsichten.“

Der Jenaer Historiker Norbert Frei hob die „generationenverbindende Bedeutung“ jener Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik hervor. Professoren und Studenten seien gemeinsam auf die Straße gegangen, um ihre Unterstützung für den „Spiegel“ auszudrücken. „Spiegel tot - die Freiheit tot!“, stand damals auf den Plakaten. Somit sei die Affäre der „Katalysator für die Überwindung des Muffs der Adenauer-Zeit“ gewesen, urteilte Frei.

Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler hob hervor, dass der Skandal zu einem politischen Mobilisierungsprozess mit Langzeitwirkung geführt habe. „Der machtvolle Trend hin zur vierten Staatsgewalt, ohne die wir heute nicht mehr leben wollen“, sei der bleibende Erfolg der „Spiegel“-Affäre, so Wehlers Fazit. Juristisch sei der Fall mit einem Debakel für die Adenauer-Regierung zu Ende gegangen. Die Prüfung von 20 Millionen Dokumenten habe den Verdacht des Landesverrats gegen die „Spiegel“-Redakteure damals nicht bestätigt, sagte Wehler.

Nach eigener Darstellung arbeitet das Magazin aktuell weiter an der Aufarbeitung des Politik-Skandals und auch seiner eigenen Vergangenheit. „Wir werden uns auch unangenehmen Tatsachen stellen“, kündigte Mascolo an. Er verwies darauf, dass vor der Affäre auch in der Redaktion „alte Nazis beschäftigt waren, unter ihnen sogar einige hochrangige SS-Offiziere“. Da sei der „Spiegel“ nicht besser gewesen als der Rest der Republik. „Aus heutiger Sicht war es gewiss ein Fehler, und das ist leicht einzuräumen, sich Leuten mit brauner Vergangenheit zu bedienen.“

In diese Kerbe schlugen auch Frei und Hachmeister, die zu einer sehr kritischen Analyse der Anfangsjahre des „Spiegel“ kamen. So sei in einigen Texten aus den Jahren 1948 bis 1956 der Jargon der alten SS-Zeit - „Landserton“ - beibehalten worden. Dies auch deshalb, weil Augstein etwa den früheren SS-Mann Horst Mahnke in leitender Position angestellt hatte, so die Einschätzung der beiden Experten. Das Podium resümierte, dass die „Spiegel“-Affäre nicht ohne die Vorgeschichte der 50er-Jahre der Bundesrepublik zu verstehen sei.

Zum Abschluss der Konferenz am Sonntag wird ein Auftritt des damaligen Hamburger Innensenators Helmut Schmidt (SPD) erwartet.

dpa

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