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Nachrichten Medien Warum Panini-Sammler sich abgezockt fühlen
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07:14 28.05.2018
„Der Kitt ganzer Generationen“: Ein volles Panini-Heft zur WM 2018 enthält 682 Sticker. Im günstigsten Fall (ohne Doppelte) kostet das 124,76 Euro. Quelle: Foto: dpa
Hannover

Ach ja, Tradition verpflichtet. Man müsste eigentlich ein Album kaufen. Eine Fußball-WM ohne Panini-Album ist wie eine WM ohne Italien. Aber was waren das noch für Zeiten, als Panini-Alben bunte Kaleidoskope humanoider Lebensformen waren, drollige Querschnitte dessen, zu was die Evolution und schlechte Frisöre in der Lage sind: Bei der WM in 1982 in Spanien zum Beispiel hätten die buschigen Augenbrauen von Dino Zoff einen eigenen Sticker verdient gehabt. Karl-Heinz Rummenige sah aus wie Art Garfunkel mit Heuschnupfen. Und Felix Magath hatte schon diesen diabolischen Blick, als würde er in seiner Freizeit Frösche aufpusten oder Wärmflaschen oder kuwaitische Mittelfeldspieler.

Heute sehen alle WM-Spieler auf ihrem Panini-Bild aus wie nach einem Tag im Spa: adrett frisiert, drogenfrei und blütenrein mit leichter Brathähnchen-Tönung. Wie FDP-Kandidaten auf einem Wahlplakat. Und es sind viele. Sehr, sehr viele. Für das Panini-Heft 1982 benötigte man noch 427 Aufkleber. Bei der WM in Russland sind es 682. In Worten: sechshundertzweiundachtzig. Das sind 42 mehr als bei der WM vor vier Jahren in Brasilien – und fast genau doppelt so viele wie bei der WM 1994 in den USA.

Selbst zum Sponsor gibt es Sticker

Spieler und Mannschaften sammeln? Dazu ein paar Glitzerlogos? Das war gestern. Im aktuellen Sammelheft ist neben 567 Spielern noch Platz für: zehn „Fifa World Cup Legends“, einen ominösen „Style Guide“, das WM-Logo (zweiteilig), die Trophäe, den Fair-Play-Slogan, das Panini-Logo, die zwölf Stadien und die zwölf WM-Spielorte sowie neun Quatschsticker des Sponsors McDonald’s. Zur EM 2016 war gar die Startelf der EM-Qualifikation nebst „Starspieler“ zu sammeln.

Die Kostenexplosion macht selbst treue Fans mürbe: Bei der WM 2014 kostete ein Tütchen mit fünf Stickern noch 60 Cent – diesmal sind es stolze 90 Cent. Das macht 18 Cent pro Aufkleber – ein Preisanstieg von 50 Prozent in vier Jahren. Zwei Euro kostet allein das leere Heft. Und auch das Nachbestellen ist deutlich teurer geworden: 50 Bilder dürfen Sammler bei Panini maximal nachordern – zum Preis von inzwischen 25 Cent pro Aufkleber. 2006 kostete ein nachbestelltes Bild noch 15 Cent, 1990 und 1994 gar nur 10 Pfennig pro Sticker (5,11 Cent). Ein volles Heft schlägt statistisch gesehen – ohne Tauschen – mit happigen 870,30 Euro zu Buche (siehe Extrakasten). Knapp 1000 Euro für ein Heft voller Aufkleber? Kurze Frage: Könnte es sein, dass Panini den Hals nicht voll kriegt?

Ein volles Heft kostet ohne Tauschen 870,30 Euro

„Klebebildchen sind der Kitt ganzer Generationen“, sagt Hermann Paul, Geschäftsführer der Panini Verlags GmbH. Das stimmt und klingt hübsch nostalgisch. Klebebildchen sind aber vor allem das Gold seiner Firma: Seit der Gründung von Panini 1961 hat der Verlag aus dem italienischen Modena etwa 25 Milliarden Tütchen produziert – acht bis zehn Millionen Päckchen pro Tag. Im ersten Heft ging’s noch um Blümchen, dann aber schnell um Fußball. Gesammelt wird in 130 Ländern.

Es ist die Gretchenfrage des Panini-Sammlers: Wie viel Geld muss ich im Schnitt ausgeben, um mein Heft mit allen 682 Bildern zu vervollständigen? Der walisische Mathematikprofessor Paul Harper von der Universität Cardiff hat’s ausgerechnet: Im Schnitt muss jeder Sammler 4832 Sticker kaufen, bis er das Heft komplett hat – also 967 Panini-Tüten. Dafür zahlt er 870,30 Euro. Die Rechnung berücksichtigt nicht das Tauschen mit Bekannten und das Nachbestellen bei Panini. Schon in einer Tauschgruppe von zehn Personen reduziert sich der Preis auf „nur“ noch 282,27 Euro. Im utopischen Fall, dass keine einzige doppelte Karte in den Tütchen ist, müsste der Sammler immerhin noch 124,76 Euro für alle Bilder plus Heft bezahlen. Und: Wenn einem Sammler nur noch 19 Bilder fehlen, hat er erst die Hälfte der Sammelarbeit hinter sich. Die letzten 19 Bilder zu finden dauert statistisch genauso lange wie die 663 davor.

Gibt es einzelne Bilder wirklich seltener?

Einst wurden die Bildchen noch in einem Butterfass gemischt, das ein bedauernswerter Student per Fahrradpedale wie eine Lostrommel antrieb: 15 Umdrehungen vorwärts, 15 rückwärts. Später warf man die Bilder per Schaufel gegen die Wand. Inzwischen erledigt das Mixen und Verpacken eine Maschine mit dem schönen Namen „Fifimatic“. Panini schwört Stein und Bein, dass der Verdacht, bestimmte Bilder würden zu Ertragssteigerungszwecken knapp gehalten, ein Mythos sei.

Tauschbörsen im Netz behaupten das Gegenteil: Einzelne Bilder seien klar seltener. Die Onlineplattform stickermanager.com hat ermittelt, dass 50 der 682 Motive nur etwa halb so häufig in den Tütchen zu finden sind wie alle übrigen, vor allem „Glitzis“ mit Silberfolie. Die Abweichung in diesem Jahr sei „extrem“. Der Betreiber der Seite sammelbild.info schreibt, er habe unter 500 Aufklebern nur 18 „Glitzis“ gehabt, statistisch hätten es 37 sein müssen. Panini widerspricht: Der Eindruck einer vorsätzlichen Verknappung entstehe nur, weil begehrte „Glitzis“ seltener zum Tausch angeboten würden.

Jedes Tütchen ist eine Verheißung

Die Frage bleibt: Hat Panini 2018 überrissen? Kleben oder kleben lassen? Nicht wenige Panini-Fans haben sich in diesem Jahr schweren Herzens für Abstinenz entschieden. Sie sind klebensmüde. Denn es steht zu befürchten, dass Panini nur mühsam davon abgehalten werden konnte, auch noch alle Zeugwarte, die Mütter der Zeugwarte, die Mitglieder des Fifa-Exekutivkommiteens, die Mütter der Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, sämtliche Seitenzahlen und Wladimir Putin in Lebensgröße (1600 Sticker) sammeln zu lassen.

Warum sammeln Millionen trotzdem? Weil sich Sucht und Verstand gern aus dem Weg gehen. „Menschen, die im Alltag nicht ausreichend Bestätigung und Anerkennung erfahren, bekommen diese mit Hilfe ihrer Sammlung im Kreise anderer Sammler“, heißt es bei Wikipedia etwas unfreundlich. Ins Positive gewendet heißt das: Sammler sind die besseren Menschen, weil sie nicht grundsätzlich nerven, sondern nur in ihrem Fachgebiet. Es beim Sammeln geht um Zugehörigkeit, Nostalgie und die psychologische Illusion, etwas geleistet zu haben.

Jedes Panini-Tütchen ist eine Verheißung. Sie löst selbst dann Glücksgefühle aus, wenn sich im Innern schon wieder nicht Thomas Müller befindet sondern Morteza Pouraliganji (Iran). Es ist ein haptischer Genussmoment, das Gummiband um den dicken Stapel mit Doppelten zu fühlen. Und es war 1982 ein ebenso sinnlicher wie sinnloser Vorgang zu testen, ob man die Augenbrauen von Dino Zoff durch die geschlossene Tüte erfühlen konnte. Es ging immer um Glück, nie um Geld. Drei Tüten fürs Laubharken. Zehn Tüten fürs Babysitten. Es wäre ein Jammer, wenn Panini diese Traditionen zerstörte – durch Kasse statt Klasse.

Von Imre Grimm/RND

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