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Panorama Auf zum nächsten Geflecht
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18:00 13.01.2018
Ein Klassiker ist wieder da: Das Wiener Geflecht zierte einst vor allem Kaffeehausstühle, heute wird es auch modern interpretiert. Quelle: RND
Berlin

Stühle mit einer Sitzfläche aus Rohrgeflecht mögen bis vor Kurzem noch vor allem den Antiquitätenläden vorbehalten gewesen sein. Ein Blick auf die Exponate der großen Möbelmessen aber zeigt ganz deutlich: Das Wiener Geflecht ist wieder da. Egal ob bei skandinavischen Labels, italienischen Möbelmachern oder deutschen Designern – das Rohrgeflecht aus Rattan veredelt derzeit bevorzugt Stühle, aber auch Sideboards, Tische, Raumteiler. Sogar Modedesigner haben das Material für sich entdeckt – und wundervolle Accessoires aus Flechtwerk kreiert.

Im Zuge von Nachhaltigkeit und Authentizität wundert es selbstverständlich nicht, dass ein natürliches Material ein solches Comeback erlebt. Das Wiener Geflecht ist stabil, der dafür verwendete Rohstoff – meist Peddigrohr oder die Blätter der Rattanpalme – wächst schnell nach und lässt sich modern, anmutig und vielseitig interpretieren.

Das italienisch-dänische Designerduo GamFratesi beispielsweise hat das Targa Sofa entwickelt, das Massivholz und dicke Polster mit einer Lehne aus Wiener Geflecht als auflockerndes Moment vereint. Mathieu Gustafsson hat für das Label Design House Stockholm ein semitransparentes Sideboard aus Wiener Geflecht entworfen. Und Modedesignerin Stella McCartney kreierte die Falabella Box, eine Henkelhandtasche aus Wiener Geflecht in Kombination mit Metallelementen.

Weiche Polster, elegant-luftiges Geflecht – das Sofa “Targa“ des dänisch-italienischen Designerduos GamFratesi. Quelle: Hersteller

Tatsächlich hat es sich fast jeder Mensch wohl schon mal auf einem Wiener Geflecht gemütlich gemacht. Denn das Geflecht wurde seit dem späten 18. Jahrhundert in sämtlichen Stilepochen für Mobiliar verarbeitet, so auch im Biedermeier, im Jugendstil oder in der Gründerzeit. Heute verbinden viele damit den legendären Kaffeehausstuhl Nummer 214 von Thonet.

Was das Wiener Geflecht ausmacht, ist ein immer gleiches durchlässiges Muster aus sechs miteinander verflochtenen Peddigrohrsträngen. Die 2,5 Millimeter breiten Streifen werden aus der Rattanpalme gewonnen, einer Pflanze, die in Ländern wie Indonesien, Indien und Vietnam wächst und dann nach Europa importiert wird.

Verflochten werden die Streifen im Idealfall traditionell per Hand von Korb- und Möbelflechtern – direkt in den Stuhl hinein oder zunächst zu Matten, die im Anschluss ins Mobiliar eingepasst werden. Ein solches Geflecht ist ein sehr aufwendiges Kunsthandwerk. Weniger wertig, dafür deutlich günstiger, gibt es Wiener Geflecht mittlerweile aber sogar auch als Meterware im Baumarkt.

“An Aktualität hat das Wiener Geflecht nie verloren“, sagt die Münchner Korbflechterin Susanne Thiemann – was sich auch an der Fülle ihrer Aufträge zeigt. Quelle: privat

Susanne Thiemann ist Korbflechterin mit eigener Werkstatt in München. Die Herstellung von Wiener Geflecht gehört zum Arbeitsalltag in ihrer Korbwerkstatt, vor allem in Form von Reparaturarbeiten. Zwischen vier und sechs Stunden brauchen Profis, um einen Stuhl komplett neu zu beflechten. Drei Spezialisten gehören zum Team, die ganz traditionell noch alles binden können, was das Wiener Geflecht betrifft. Dazu zählt auch das Sonnengeflecht, bei dem sich das Muster kreisförmig um einen runden Mittelpunkt ausbreitet, das aber sehr schwer und zeitaufwendig in der Herstellung ist.

“Das Wabenmuster ist ein Kombinationskünstler, der Holz veredelt, Kunststoffmöbeln einen natürlichen Kontrast gibt und Metallischem Wärme verleiht“, sagt Thiemann. Die Wiederentdeckung des Wiener Geflechts liegt ihrer Ansicht nach in den vielen unterschiedlichen Naturmaterialen begründet, die zurzeit für die Möbelherstellung genutzt werden. “Im modernen Design ist in den letzten Jahren viel Geflecht entstanden. Teilweise gab es Drahtgeflechte oder transparente Matten“, sagt die Korbflechterin. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Hersteller an das Wiener Geflecht erinnern würden.

Zeitlos und anpassungsfähig

Die Renaissance des Designs passt ohnehin in eine Zeit, in der die Designer viel zurückschauen und viel bereits Dagewesenes in einen neuen Kontext setzen. Zu den Entwürfen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren gesellt sich mit dem Wiener Geflecht nun auch ein Material, das schon viel älter, aber immer mal wieder als Klassiker wieder entdeckt wurde. “An Aktualität hat das Wiener Geflecht nie verloren. Es ist zeitlos, passt in alte Möbel, in spießbürgerliche Möbel, in herrliche moderne Möbel“, sagt Thiemann. Dass sie mit ihrer Einschätzung recht hat, kann die Münchnerin derzeit übrigens an der Fülle ihrer Aufträge ablesen.

Von Andrea Mayer-Halm

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