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Panorama Das verschwundene Mädchen und der Vatikan
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22:38 18.09.2017
Wo ist Emanuela Orlandis? Auch nach 30 Jahren ist das Schicksal der Italienerin ein Rätsel. Quelle: dpa
Rom

Es ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle des Vatikans: Emanuela Orlandi, Tochter eines Hofdieners von Papst Johannes Paul II., war am 22. Juni 1983 spurlos verschwunden – und ist nie wieder aufgetaucht. Der „Fall Orlandi“ hat vatikanische Ermittler und italienische Staatsanwälte jahrzehntelang beschäftigt; um das Schicksal der Schülerin ranken sich wilde Verschwörungstheorien. Die italienische Justiz hatte ihre Ermittlungen erst im Jahr 2015 eingestellt.

Nun werden die Spekulationen durch eine neue Akte aus dem Vatikan, die Journalist Emiliano Fittipaldi am Montag in der Zeitung „La Repubblica“ veröffentlichte, erneut angefacht. Denn das veröffentlichte Dokument soll belegen: Emanuela Orlandi wurde damals von Kirchenmännern entführt. Es war schon immer die populärste Hypothese zu ihrem Verschwinden: Dem Mädchen sei an diesem Mittwoch auf dem Weg vom Musikunterricht abgepasst worden, um es dann für Sexspiele in der Kurie zu missbrauchen. Auch der skandalumwitterte damalige Chef der Vatikanbank IOR, Kardinal Paul Macinkus, und ausländische Diplomaten sollen daran beteiligt gewesen sein. Später sei die Schülerin getötet und „entsorgt“ worden.

Die Spur führt nach London

Das neue, fünf Seiten umfassende Dossier, das an die beiden hohen Kurienkardinäle Giovanni Battista Re und Jean-Louis Tauran adressiert ist, trägt den Titel „Summarischer Rechenschaftsbericht über die Ausgaben des Staats der Vatikanstadt für die Aktivitäten bezüglich der Bürgerin Emanuela Orlandi“. Als Verfasser des Dokuments aus dem März 1998 ist Kardinal Lorenzo Antonietti angegeben, der damalige Chef der vatikanischen Güter- und Vermögensverwaltung Apsa. Die in dem Bericht erwähnten Ausgaben erstrecken sich über den Zeitraum von 1983 bis 1997 und summieren sich auf 483 Millionen Lire, umgerechnet rund 340 000 Euro. Das lässt vermuten, dass Orlandi bis dahin noch am Leben war.

Die einzelnen Ausgabeposten betreffen unter anderem das „Fernhalten von zuhause“, „Raten für Kost und Logis“ (in einem Kloster in London), „gynäkologische Leistungen“ und „Ortswechsel“. Aufgeführt in der Aufstellung sind auch etliche Millionen Lire für Reisen diverser Kirchenmänner vom Vatikan nach England und zurück. Aber auch für „depistaggi“ (Irreführung der Ermittlungen) wurde laut der Akte Geld ausgegeben. Makaber ist schließlich der letzte Ausgabenposten der Liste: „Generelle Aktivitäten und Überführung in den Vatikanstaat, mit zugehöriger Abwicklung der finalen Amtshandlungen: 21 000 000 Lire.“

Der Vatikan nennt das Dokument „lächerlich“

Bei der Kostenaufstellung für Emanuela Orlandi könnte es sich auch um eine Fälschung handeln. Der vatikanische Pressechef Greg Burke hat das Dokument umgehend als „gefälscht und lächerlich“ bezeichnet – wobei der Vatikan seit Jahren behauptet, nichts vom Verbleib Emanuela Orlandis zu wissen. Und selbst der Journalist Fittipaldi schreibt, das Papier sei entweder „glaubwürdig“ und somit ein Beweis für die Mitwisserschaft des Vatikans oder sei eine Fälschung, die für Intrigen innerhalb des Vatikans genutzt werde. Der Bruder von Orlandi, der seit ihres Verschwindens für eine Aufklärung kämpft, schrieb auf Facebook: „Die Mauer (des Schweigens) stürzt ein.“

Die skurrilen Theorien um Emanuela Orlandis Verschwinden

Ob echt oder ein Fake: Der „Fall Orlandi“ dürfte weiterhin ungelöst bleiben. Lange waren osteuropäische Geheimdienste oder die türkischen „Grauen Wölfe“ als mutmaßlich Drahtzieher der Entführung vermutet worden: Die Kidnapper von Emanuela Orlandi hätten den inhaftierten Papst-Attentäter Ali Agca freipressen wollen. Gemäß einer anderen Theorie wurde das Mädchen von der Römer Mafia, der „Magliana-Bande“, entführt, um von der Vatikanbank eine hohe Geldsumme zurückzuerhalten, die der Bandenboss Enrico De Pedis dem IOR zum Waschen übergeben haben soll. Der Gangster soll sich die entführte Emanuela Orlandi auch gleich noch zur Geliebten gemacht haben.

De Pedis wurde, nachdem er 1990 in Rom auf offener Straße erschossen worden war, in der Basilika Sant’Apollinare beigesetzt – eine Ehre, die nach kanonischem Recht eigentlich nur Bischöfen und Kardinälen gebühren würde – nicht einem Mafiaboss. Der Vatikan war in Erklärungsnot, und die Römer Staatsanwälte wurden stutzig: Wäre es möglich, dass in dem Sarkophag in der Krypta von Sant’Apollinare nicht nur De Pedis, sondern auch sein einstiges Entführungsopfer ruht? Die Ermittler ordneten im Jahr 2012 eine Exhumierung an. Im Grab lag der noch gut erhaltene De Pedis, nicht aber Emanuela Orlandi.

Von Dominik Straub/RND/dpa

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