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Die allerletzte Zigarette vor der Guillotine

Frankreich Die allerletzte Zigarette vor der Guillotine

Vor 40 Jahren, am 10. September 1977 starb in Frankreich der letzte zum Tode Verurteilte durch das Fallbeil. Das Dokument einer damals anwesenden Richterin erschüttert bis heute.

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Auf der Place de la Concorde wurden über 1.300 Menschen hingerichtet, so auch König Ludwig XVI. und seine Frau Marie Antoinette.

Quelle: picture alliance / dpa

Paris. Es sind Worte, die erschauern lassen – gerade weil sie so sachlich-kühl die Vollstreckung der Todesstrafe durch Enthauptung beschreiben. Wie der Verurteilte vorbereitet wird. Wie er eine letzte Zigarette bekommt, ein halbes Glas Rum, dann noch eine allerletzte Zigarette, die er mit aufreizender Langsamkeit raucht. „Zu diesem Zeitpunkt hat er begonnen zu realisieren, dass es vorbei ist – dass er nicht entkommen kann – und dass jetzt sein Leben, die Momente, die ihm zu leben bleiben, noch so lange dauern wie diese Zigarette.“

Drei handgeschriebene Seiten lang sind die Aufzeichnungen der Ermittlungsrichterin Monique Mabelly, die der Hinrichtung per Guillotine des Tunesiers Hamida Djangoubi in einem Gefängnis in Marseille vor genau 40 Jahren, am 10. September 1977, beiwohnte. Djangoubi war der letzte zum Tode Verurteilte in Frankreich, an dem diese Höchststrafe vollzogen wurde, bevor Robert Badinter, Justizminister unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, sie im September 1981 abschaffte.

Für Badinter rechtfertigte nichts die Todesstrafe, auch nicht die barbarischen Taten Djangoubis, der „alle Anzeichen eines Psychopathen“ getragen habe. Der Staatsanwalt hatte den 27-Jährigen als „dämonischen Geist“ bezeichnet und Präsident Valéry Giscard d’Estaing sein Gnadengesuch abgelehnt.

Wie ein Kind versucht Djangoubi den fatalen Moment hinauszuzögern

Mabellys erschütterndes Manuskript, das ihr Sohn später Badinter übergab und inzwischen veröffentlicht wurde, zeigt dabei die grausame Realität der Auslöschung eines Lebens durch die Staatsgewalt. Jung, gut aussehend, weder schwachsinnig noch brutal habe der Verurteilte ausgesehen, notiert die Richterin. 20 Minuten lang raucht und trinkt er, verlangt schließlich nach einer dritten Zigarette einer anderen Marke, wie um den fatalen Moment noch irgendwie hinauszuzögern – ja, wie ein Kind, das sich allerlei Ausreden einfallen lässt, um noch nicht ins Bett gehen zu müssen. Aber bei Djangoubi, der seine 21-jährige Ex-Freundin vergewaltigt, grausam gefoltert und schließlich erwürgt hatte, handelt es sich nicht mehr um ein Spiel, sondern um tödlichen Ernst. Die dritte Zigarette wird ihm verweigert, stattdessen beginnt ein Assistent, mit einer Schere den Kragen seines blauen Hemdes abzuschneiden, während man ihm die Hände im Rücken zusammenbindet. Er wird zur Guillotine geführt, neben der ein Korb für seinen Leichnam bereitsteht, und auf den Bauch gelegt; dann geht alles sehr schnell. Instinktiv dreht sich Monique Mabelly weg, als das Fallbeil herabsaust. „Ich höre einen stumpfen Lärm. Ich drehe mich um – Blut, viel Blut, sehr rotes Blut – der Körper ist in den Korb gefallen. In einer Sekunde wurde ein Leben abgeschnitten. (...) Ein Wächter holt einen Wasserschlauch. Man muss schnell die Spuren des Verbrechens auslöschen.“ Ihr sei übel, sie verspüre eine „kalte Revolte“ in sich.

Benannt wurde die Köpfmaschine nach dem französischen Arzt und Politiker Joseph-Ignace Guillotin, auch wenn er nicht ihr Erfinder war, sondern sich im Zuge der Französischen Revolution für möglichst schmerzfreies, also humanes Köpfen einsetzte. Das soll allerdings nicht immer funktioniert haben: Offenbar brauchte es manchmal mehrere Anläufe. Dennoch wurde die Guillotine ab 1792 das einzige Hinrichtungswerkzeug in Frankreich und ersetzte den Galgen. Bis 1939 wurde die Tötung bisweilen öffentlich vollzogen. Wurde sie vor 36 Jahren abgeschafft, so ist ihr Verbot seit 2007 auch in der französischen Verfassung festgeschrieben.

Von Birgit Holzer/RND

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