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Panorama Ein sanfter Revolutionär
Nachrichten Panorama Ein sanfter Revolutionär
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20:02 06.04.2018
Der SDS-Vorsitzende Karl-Dietrich Wolff, aufgenommen während der Vorbereitungen zu den Aktionen gegen die Notstandsgesetze in den Räumen des Bundesvorstands des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Quelle: dpa
Frankfurt

Die Zeit, die so viele Antworten bringen sollte, begann für KD Wolff mit einer Frage. “Oder ist jemand anderer Meinung?“, wollte der Professor wissen, ein alter NS-Militärrichter, ganz sicher rechnete er nicht damit, dass sich irgendjemand meldete. Einer aber stand auf. “Ich“, sagte der junge KD Wolff. “Ich bin anderer Meinung.“

Ein Hörsaal an der Universität Marburg 1964: Vorn, am Pult, steht Erich Schwinge, Jurist mit NS-Vergangenheit. Weiter hinten, zwischen 500 bis 600 anderen jungen Menschen, sitzt Karl Dietrich Wolff, ein 21-Jähriger, der sich in seinem hessischen Heimatdorf bei den Jusos engagiert hatte. Seit Wochen hatten er und seine Freunde versucht, eine Liste der Schriften zu erstellen, die Schwinge in der NS-Zeit geschrieben hatte. Jetzt, in seiner Vorlesung, wettert der Professor dagegen, dass der Bundesgerichtshof die Rechte der Presse ausweiten will.

Karl Dietrich Wolff, den alle nur KD nennen, ist zu dieser Zeit kein geübter Redner. Er ahnt, dass er stottern wird. “Aber mir war klar: Wenn ich nichts dagegen sage, kriege ich hier nie wieder Luft.“

1968 hat eine lange Vorgeschichte

Wolff stottert tatsächlich. Verhaspelt sich. Ist aufgeregt. Aber nach ein paar Minuten hat er die Studenten auf seiner Seite. Viele nicken. Einige klatschen. Wolff hat gewonnen. Wenn man KD Wolff heute nach dem entscheidenden Moment fragt, dann schildert er diese Szene. “Hier, 1964, gingen die Studentenproteste für mich los.“ Das Jahr 1968 hat also nicht nur eine lange Nachwirkung. Es hatte auch eine lange Vorgeschichte.

KD Wolff hat dieses lange Jahr mitbestimmt. Er war Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Weggefährte Dutschkes. Organisator unzähliger Demonstrationen, Eröffnungsredner des großen Vietnamkongresses in Berlin. Ein heute 75-Jähriger mit einer schillernden, auch kuriosen Geschichte. Wahrscheinlich ist er der Einzige, der sowohl von Kanzler Kohl als auch von Diktator Kim Il-Sung Geld für seine Arbeit bekam. Wohl auch der Einzige, der 38 Strafanträge auf sich versammelte, jahrelang vom BKA abgehört wurde und der dann dennoch das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Dass er dennoch zu den heute kaum bekannten Gestalten jenes Jahres zählt, dass die Wenigsten beim Stichwort 68 zuerst an ihn denken, dafür gibt es Gründe. KD Wolff hat sich eben nicht auf den langen Marsch durch die Institutionen gemacht wie Joschka Fischer, der Außenminister wurde. Er hat sich auch nicht auf so deutliche Weise von den Achtundsechzigern distanziert wie etwa Götz Aly. Er hat auch keine Parteien mitgegründet wie sein Freund Dany Cohn-Bendit.

“Es macht ja viel mehr Spaß, wenn man so ein Stück Hochkultur jemandem entreißen muss“: Heute arbeitet der ehemalige Studentenführer KD Wolff als Verleger in Frankfurt/Main. Quelle: dpa

KD Wolff sitzt im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Altbaus im Frankfurter Nordend, in einem Raum, der auch der Mittelpunkt einer Siebzigerjahre-WG sein könnte. Zusammengestückeltes Mobiliar, eine knallgrün lackierte Vitrine mit einer Sammlung roter Sterne darauf, eine Löwenmaske an der Wand. In der Küche brät jemand Zwiebeln an. In der Mitte des Raums ein großer weißer Tisch. Es ist leicht, sich hier ungezählte, endlose Diskussionen vorzustellen.

Wolff setzt sich dazu. Kariertes Hemd, schwarze Weste darüber, freundlicher, zuweilen fast gütiger Blick. Ein sanfter Revolutionär. Er kann ganz lustige Geschichten darüber erzählen, was sich in diesem Haus alles zugetragen hat. Zum Beispiel darüber, wie nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer 1977 die Polizei mal wieder das Haus durchsuchte, als er mit seiner sechs Monate alten Tochter auf dem Arm hereinkommt.

Der Einsatzleiter stellt ihm eine Liste von Fragen. Wo Wolff gerade gewesen ist, will er wissen. “Aber mein Herr, das frage ich Sie doch auch nicht“, antwortet Wolff ausgesucht höflich – und lächelt noch heute darüber, weil es so ein grotesker Gegensatz war, dort ein Dutzend Polizisten mit Maschinenpistolen, hier er mit seiner kleinen Tochter.

“Lesen gelernt habe ich mit den Berichten über die Nürnberger Prozesse

Das Haus ist selbst ein Stück Geschichte, vor allem aber ist es das Haus, in dem KD Wolff seit 1972 lebt und seinen kleinen Verlag betreibt, der erst Roter Stern und später dann Stroemfeld hieß. Wohnen, arbeiten, das war bei ihm nach alter Achtundsechzigermanier immer eins. KD Wolff ist da geblieben, wo er war, als 1968 zu Ende ging. “Das Erstaunliche ist doch, dass es uns geglückt ist, den öffentlichen Raum zu öffnen“, sagt er. Luft reinzulassen in dieses Land, dem ein bisschen Durchzug damals guttat, das findet Wolff immer noch. Er hat keinen Drang, sich von irgendwas zu distanzieren. Da ist er einer der wenigen.

Die politische Erinnerung setzt bei KD Wolff kurz nach dem Krieg ein, als er noch ein Kind ist. Der Vater, vor dem Krieg Richter, arbeitet nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft erst mal in einer Holzfabrik, um die Familie zu ernähren. “Wenn das der Führer wüsste“, droht der Großvater, ein pensionierter Oberkirchenrat, bei jeder Gelegenheit dem Jungen und seinen drei Geschwistern. Was der Führer wirklich wusste, das erfuhr der junge KD aus der Zeitung: “Lesen gelernt habe ich mit den Berichten über die Nürnberger Prozesse.“

Die Geschichte von Wolffs Jugend handelt, wie bei so vielen Achtundsechzigern, vom Versuch, sich zu befreien. Von der lähmenden Stille des Elternhauses, in der über nichts gesprochen wurde, schon gar nicht über die NS-Zeit. Und vom prügelnden Vater, in dem der Junge einen überzeugten Nationalsozialisten vermutete.

Karl Dietrich Wolff (r) versucht, mit Hilfe eines Megafons eine Ansprache zu halten. Nach fast zweistündigen tumulthaften Szenen in der Frankfurter Goethe-Universität scheiterte am 09.06.1969 der Versuch des israelischen Botschafters, Asher Ben Natan (M), zur Eröffnung der Israel-Woche "Friede in Nahost" mit deutschen, palästinensischen und israelischen Studenten über die Probleme in Nahen Osten zu diskutieren. Quelle: dpa

Als Erstes legt der Junge seine Vornamen ab, “Karl Dietrich, das klang mir zu deutsch“, und nennt sich nur noch KD. Zu den Sozialdemokraten zu gehen, das ist in den Fünfzigern in der hessischen Provinz auch noch eine Provokation. “Dein Sohn verrät unsere Klasse“, muss sich sein Vater, inzwischen wieder Amtsrichter, von Juristenkollegen anhören. Der nächste Schritt, die weitere Entfernung, ist das Austauschjahr in den USA, in Michigan, das er 1959 beginnt.

Aber die Distanzierung von den Eltern, sie ist nicht ohne Schuldgefühle zu haben. Als sein Vater 1960 bei einem Verkehrsunfall stirbt, überfahren von einem Betrunkenen, da fühlt sich sein rebellischer Sohn mitverantwortlich. Hatte er seinem Vater nach jeder Prügelattacke nicht oft genug selbst insgeheim den Tod gewünscht? Hatte sich da seine geheime Sehnsucht erfüllt? “Es war, als ob ich ihn selbst totgefahren hätte“, sagt Wolff heute an seinem Tisch in Frankfurt.

Dabei, aber das erfährt er erst viel später, als er sich traut, die Kriegsbriefe seiner Eltern zu lesen, dabei also war nicht sein Vater der Nazi in der Familie, sondern seine Mutter. Sie war es, die ihn nach alten germanischen Königen benannte, Karl, Dietrich. Und vielleicht prügelte sein Vater auch nur, weil auch er es nie anders kennengelernt hatte. Als Kind, wenn er unter seinen Krampfanfällen litt, hatten seine älteren Geschwister den Auftrag, ihn, den Jüngsten, aus dem Anfall rauszuboxen. So schlugen sie auf den Jungen ein, der hilflos zuckend am Boden lag.

Eine Kindheit im Schatten des Krieges

Schuld also. Um zu büßen, begibt sich Wolff auf die Spuren seines Vaters. Er, der junge Pazifist, verpflichtet sich bei der Bundeswehr. Beginnt ein Jurastudium wie einst der Vater. “Ich wollte Abbitte leisten“, sagt er heute. Es lag etwas Verzweifeltes in diesem Versuch.

Alles das gehört zur Vorgeschichte von 68. Nicht nur bei Wolff, bei allen. “Ruinenkinder“, so nennt der Soziologe Hein Bude die Achtundsechziger im Titel seines Buches. Die “Verletzlichkeit dieser Generation“, die “empathische Überlastung“, das ist für ihn die große Gemeinsamkeit aller. Eine Kindheit im Schatten des Krieges, überforderte Mütter, abwesende Väter. Und aus der großen Verzweiflung wächst bei den Jungen dann, das ist das Besondere, der Mut, alles infrage zu stellen, “die gesellschaftlichen Verhältnisse so aufzumischen“.

Und am Ende steht KD Wolff mitten in der Vorlesung des alten NS-Juristen auf. Und widerspricht. Zuvor hatte er immer wieder daran gedacht, ins Ausland zu gehen. Jetzt nicht mehr. “Wenn nach fünf Minuten Stottern die Stimmung kippt, dann kann ich doch in Deutschland bleiben“, denkt er sich.

Während der Eröffnung in der ersten Reihe der SDS-Bundesvorstand (l-r): Bernd Rabehl (Berlin), Frank Wolff (Frankfurt, 2. Vorsitzender), Karl-Dietrich Wolff (Freiburg, 1. Vorsitzender) und Hans Jürgen Krahl (Frankfurt). Dahinter das Präsidium mit (l-r): Theodor Leithäuser, Helmut Richter, Hanne Niegbuhr und Dirk Müller. Quelle: UPI

Der Auftritt macht ihn bekannt. Andere Studenten sprechen ihn an. Er zieht nach Freiburg, doch das Studium dort bestimmt allenfalls die Hälfte seines Lebens. Bereits 1965 zieht er ins Frankfurter Studentenparlament, 1967 wird er Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, der einflussreichsten und radikalsten studentischen Vereinigung. Oft ist er am Main, trifft sich mit Theodor Adorno, der nicht versteht, warum sich Proteste nun auch gegen ihn richten, warum Studentinnen oben ohne seine Vorlesung sprengen und nicht die der anderen Professoren.

Wolff ist bestens vernetzt. Den Weg seines Vaters hat er da längst verlassen. Nach 38 Strafanträgen, alle wegen Verstößen gegen Demonstrationsverbote, war es vorbei mit der Juristenkarriere. Es war Willy Brandt, der ihm mit seiner Amnestie später eine Verurteilung ersparte. “Aber dass ich als Richter oder Anwalt keine Chance mehr haben würde, war mir da klar, es war die Konsequenz.“ Getrauert, so klingt es, hat er darum nie. Es war kein Preis, den er zahlen musste. Es war eine Befreiung.

Und 68 selbst? Es gibt inzwischen viele, die die Fixierung auf das namensgebende Jahr relativieren. Bei Themen wie der sexuellen Befreiung oder der Holocaust-Aufarbeitung zum Beispiel, schreibt Heinz Bude, seien die Impulse der Achtundsechziger “nicht so erheblich“ gewesen. Da gab es andere, die sich dieser Themen früher angenommen hatten, mit großer Wirkung: zum Beispiel Beate Uhse auf der einen, Jürgen Habermas auf der anderen Seite.

Grüße vom Genossen Kim

Und auch KD Wolff wirkt unangenehm berührt, wenn sich die Fragen zu sehr um 68 drehen und das Davor nur als “Protest“ abgetan statt als “Widerstand“ gewürdigt wird: “Das entwertet doch alles“, sagt Wolff, zum Beispiel, dass sie amerikanischen Soldaten bei der Flucht nach Schweden halfen, wenn sie den Vietnam-Einsatz verweigern wollten.

Das Jahr 1968 endete, die Protestbewegung zersplitterte in unzählige Gruppen, Grüppchen und Untergrüppchen, in Maoisten, Spontis, Kommunarden und noch viele weitere. Für KD Wolff aber ging dieses 68 immer weiter. Mit einem Freund gründete er einen Verlag für allerlei Linkes, die Zeitung “Erziehung und Klassenkampf“ genau wie die zweibändigen Werke des nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung. Das kam, weil Wolff und seine Freunde einmal vor der südkoreanischen Botschaft protestiert hatten. Ein paar Wochen später, erinnert er sich, stand ein Nordkoreaner vor der Verlagstür in Frankfurt.

“Grüße vom Genossen Kim“, sagte der. Ob Wolff sich nicht vielleicht mal für ein paar Wochen einen Eindruck von Nordkorea verschaffen wollte. Wolff wollte, sechs Wochen fuhr er hin, 1970. “Eine einmalige Gelegenheit“, findet er noch heute. Und gründete danach eine Import-Export-Firma, um den Norden über Ost-Berlin mit West-Gütern zu versorgen. Einmal kaufte er zum Beispiel Schaumbad, zwölf Flaschen. “Und dann musste ich eine nachkaufen, weil das Politbüro 13 Mitglieder hatte.“

“Wir waren damals nicht vernünftig“

Ob es Grenzen für ihn gab? Dinge, die ihm zu radikal waren? “Ich weiß, dass das eine vernünftige Frage ist“, antwortet er. “Aber wir waren damals nicht vernünftig.“ Man wird von KD Wolff keine Distanzierung hören. Nicht von Kim Il-Sung, und auch nicht von den RAF-Terroristen, von denen er viele kannte, Gudrun Ensslin zum Beispiel hat er nach der Kaufhaus-Brandstiftung 1968 im Gefängnis besucht. Das heißt nicht, dass er mit allem einverstanden wäre, Wolff ist kein Radikaler, bei der Frankfurter OB-Wahl hat er gerade den SPD-Kandidaten Peter Feldmann öffentlich unterstützt. Aber Wolffs großes, linkes Projekt ist die offene Diskussion. Da passt Verleger schon gut.

Auf den ersten Blick hat sich Wolff dann von der Revolution verabschiedet. Mit dem Verlag, den er 1974 gründete, gab er Klassiker neu heraus, Hölderlin statt Kim Il-sung, Kafka statt “Erziehung und Klassenkampf“. Dafür verschaffte ihm der Hölderlin-Verehrer Helmut Kohl Ende der Siebziger über eine Liechtensteiner Stiftung 100 000 Mark. Der Verlag brauchte das Geld, und es war für Wolff schon immer ein gutes Argument gegen übergroße Berührungsängste.

Aber im Grunde ist für Wolff auch dieser Verlag, Stroemfeld, so wie er ihn versteht, ein Revolutionsprojekt. Schließlich war doch auch Hölderlin ein Jakobiner, und dass der sich hatte gefallen lassen müssen, den deutschen Soldaten ins Marschgepäck auf dem Weg nach Stalingrad mitgegeben zu werden, das wollte er korrigieren. Hölderlin-Gesellschaft und klassische Germanistik schrien auf, als Wolff Mitte der Siebziger etwas Unerhörtes ankündigte: eine historisch-kritische Faksimile-Ausgabe.

Karl Dietrich Wolff in seinem Verlag in Frankfurt am Main vor einem Bücherregal. Quelle: dpa

Der Widerstand war für ihn pure Bestärkung: “Es macht ja viel mehr Spaß, wenn man so ein Stück Hochkultur jemandem entreißen muss.“ Da ist er ganz Revolutionär geblieben, trotz Bundesverdienstkreuz und Ehrendoktorwürde. Seine Mitstreiter von damals gründeten die Grünen, aber da blieb er immer skeptisch, den Marsch durch die Institutionen wollte er nie mitgehen. “Die Joschka-Bande“ nennt er den früheren Außenminister Fischer und seine Unterstützer wegen ihres Machtwillens, der ihm immer verdächtig war, und spätestens bei der Unterstützung für das Nato-Eingreifen im Kosovo 1999 endete für ihn alle Sympathie.

Da blieb er lieber Verleger, ein politischer Verleger. Nur sind solche Ausgaben eben auch teuer, extrem aufwendig, und seit auch die Bibliotheken vieles gern digital und gratis hätten, ist es für Wolff noch schwieriger geworden. Einmal, 1993, ist sein erster Verlag in Konkurs gegangen. Jetzt ist es wieder schwierig.

KD Wolff ist 75, er bekommt 900 Euro Rente. Er würde gern seine Autobiografie schreiben, aber dazu bräuchte er “ein Jahr mindestens“ und sein kleiner Verlag mit den fünf Mitarbeitern kann ihn nicht entbehren. KD Wolff bräuchte jetzt dringend jemanden, der sein revolutionäres Projekt weiterführt. Aber bisher hat er niemanden gefunden.

1968: Die Welt im Umbruch

Vietnam

Zu Beginn des buddhistischen Neujahrsfestes Tet starten Vietcong-Verbände und nordvietnamesische Truppen am 30. Januar eine Großoffensive, die letztlich den militärischen Rückzug der USA aus Vietnam einleitet. Am 16. März erschüttert die Nachricht des Massakers von US-Soldaten an 504 Bewohnern des Dorfes My Lai die moralische Glaubwürdigkeit der USA. Präsident Lyndon B. Johnson dringt auf Friedensverhandlungen, die am 13. Mai in Paris beginnen.

Frankfurt am Main

Die Außerparlamentarische Opposition (Apo) entlässt ihre radikalen Kinder: Vier Apo-Mitglieder setzen am 2. April zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand, aus Protest gegen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik. Zwei Tage später werden die Brandstifter gefasst – unter ihnen sind die späteren Mitbegründer der terroristischen “Rote Armee Fraktion“ (RAF), Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Die Brandstifter werden zu drei Jahren Haft verurteilt.

Berlin (Ost)

In einem Volksentscheid stimmen 94 Prozent der Wahlberechtigten in der DDR für die neue Verfassung. Die erste Verfassung der DDR von 1949 lehnte sich noch an die Weimarer Verfassung an, mit der Beschreibung der DDR als demokratischen, parlamentarischen und föderalen Rechtsstaat. Mit der nach dem Vorbild osteuropäischer Volksdemokratien geschaffenen neuen Konstitution ist die DDR fortan ein “sozialistischer Staat deutscher Nation“.

Berlin (West)

Der Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke löst am 11. April eine beispiellose einwöchige Protestwelle aus. Der Attentäter, der 23-jährige Anstreicher Josef Erwin Bachmann aus Peine, sagt später, er habe “keine Kommunisten leiden können“. Die Studentenbewegung macht die Springer-Presse als geistigen Urheber für das Attentat verantwortlich. 5000 Menschen ziehen in Berlin zum Verlagsgebäude – gegen 23 Uhr entbrennt die erste Straßenschlacht mit der Polizei.

Paris

Auf der ganzen Welt revoltieren die Studenten – doch nirgendwo erreichen die Proteste ein Ausmaß wie in Frankreich. Es geht um alles: um Arbeitslosigkeit und Kapitalismus, Vietnamkrieg und internationale Solidarität. Als nach blutigen Zusammenstößen von Demonstranten und Polizei am 3. Mai die Pariser Sorbonne erstmals in ihrer 700-jährigen Geschichte geschlossen wird, löst das einen Generalstreik aus. Das Land ist wochenlang lahmgelegt.

Los Angeles

Glücklich feiert der demokratische Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy am 5. Juni seinen Vorwahlsieg in Kalifornien. Auf dem Weg zur Pressekonferenz wird der 42-Jährige vor laufenden Kameras von zwei Kugeln getroffen – tags darauf stirbt er, wie viereinhalb Jahre früher sein Bruder John F. und wie zwei Monate früher der Bürgerrechtler Martin Luther Kind. “Mein Gott, was ist dieses Land ...“, stammelt der Sprecher des Repräsentantenhauses nach der Nachricht vom zweiten Attentat auf einen Kennedy.

Prag

Die Panzer rollen und zermalmen die Träume vom “Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Am 20. August marschieren Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in der CSSR ein und besetzen sie. Damit wird der Prager Frühling, das erste Experiment einer Demokratisierung von Partei, Staat und Wirtschaft in einem Ostblockland, gewaltsam beendet. Entgegen anderslautender Propaganda haben NVA-Truppen die Grenze aber nie überschritten.

Gretchen Dutschke: Blick zurück voller Liebe

Die gebürtige Amerikanerin Gretchen Dutschke lebt nach Stationen in den USA und Vietnam wieder in Berlin. Gerade hat sie ein Buch über 1968 veröffentlicht. Quelle: dpa

Gretchen Klotz war 21 Jahre alt, als sie 1964 mit dem Kohledampfer aus den USA über Antwerpen nach Deutschland kam, um die Sprache Kants zu lernen. Im Café am Steinplatz in Berlin traf sie einen jungen Mann, der einen Stapel polnischer Bücher bei sich hatte. Ob er aus Polen komme, fragte ihn die Amerikanerin. Er sagte: “Nein, aber ich lerne Polnisch, damit ich die Bücher im Original lesen kann. Ich heiße Rudi, Rudi Dutschke.“

Es war, so sagt es Gretchen Dutschke mehr als 50 Jahre später, Liebe auf den ersten Blick. Der Rest ist deutsche Geschichte. Die beiden heirateten 1966. Rudi Dutschke wurde zum Wortführer der linken Studentenbewegung, bis ihn ein Attentäter im April 1968 lebensgefährlich verletzte. Er starb, mit 39 Jahren, Heiligabend 1979 im dänischen Exil an den Spätfolgen. Kein Name steht in Deutschland so sehr für 1968 wie Rudi Dutschke.

50 Jahre später ist seine Witwe eine gefragte Frau. Nach einer viel beachteten Biografie über Rudi Dutschke (“Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben“) hat sie jetzt ein neues Buch geschrieben – über die Sechzigerjahre und was sie für heute bedeuten: “1968. Worauf wir stolz sein dürfen“, erschienen bei Kursbuch. Edition (224 Seiten, 22 Euro).

“Die Frauen sollten Freiheit geben“

Gretchen Dutschke, heute 75 Jahre alt, ist seit 2009 wieder in Deutschland, nach Stationen in den USA und Vietnam. Sie lebt in einem Berliner Frauen-Wohnprojekt. Das Lachen, die Augen und der graue Pagenkopf sind wie ein Echo der alten Schwarz-Weiß-Fotos, sie spricht mit amerikanischem Akzent.

Mittlerweile hat die Amerikanerin auch die deutsche Staatsbürgerschaft. “Ich denke, dass man wirklich stolz sein kann, was Deutschland geschafft hat und noch schafft“, sagt sie. 1951 seien in einer Umfrage nur 2 Prozent der Deutschen für die Demokratie gewesen, heute sei das Bild ganz anders. Das sei „eine riesige Leistung“. Das meint sie auch mit Blick auf andere Länder, wo Rechtsextremismus und Hasskultur stärker verbreitet sind.

Auch Kinderläden und die Frauenbewegung verbindet Gretchen Dutschke mit den guten Seiten nach 1968. Aber die linken Männer früher: na ja. Das Verhältnis zwischen den Männern und Frauen sei schlecht gewesen, sagt Gretchen Dutschke. “Die Frauen sollten Freiheit geben, aber das bedeutete auch, dass die Frauen nicht mehr Nein sagen konnten, auch wenn sie es wollten.“ Was ihr an der Kommune 1 gefiel: die “interessanten Happenings“, die kreativen und lustigen Polit-Aktionen.

Sichtlich erschüttert steht Rudi Dutschkes Witwe Gretchen (mit Häkelmütze) mit ihrer Tochter während der Beisetzung am Sarg. Dutschke war am 11.4.1968 vor der Geschäftsstelle des SDS am Kurfürstendamm auf offener Straße von dem 23jährigen Arbeiter Josef Erwin Bachmann niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. Er überlebte das Attentat, verstarb jedoch, vermutlich an den Spätfolgen, am 24. Dezember 1979 in Aarhus, Dänemark. Quelle: dpa

Gretchen und Rudi Dutschke waren als verheiratetes Paar vergleichsweise bürgerlich, hatten drei Kinder. Hosea-Che (heute 50) leitet eine Gesundheitsbehörde in Dänemark, Polly-Nicole (48) ein Pflegeheim, Rudi-Marek (38) war mal in Berlin bei den Grünen aktiv.

Und heute? Gretchen Dutschke hatte nach dem Tod ihres Mannes noch weitere Beziehungen – “aber keine, die so waren“. Ihr neues Buch hat sie den sieben Enkeln gewidmet. Vor Kurzem war sie nach langer Zeit einmal wieder in der alten brandenburgischen Heimat ihres Mannes, in Luckenwalde. Dort lebt eine Schwägerin im Haus der Dutschke-Familie. Gretchen Dutschke plauderte mit einem alten Nachbarn, den sie mehrere Jahrzehnte nicht gesehen hatte.

Ob Rudi Dutschke heute ein politisches Amt hätte? Er war bei den Anfängen der Grünen dabei. Den Aufstieg der Partei hat er jedoch nicht mehr erlebt. Vielleicht wäre er dabei geblieben, sagt seine Frau. “Wahrscheinlich wäre er sehr kritisch gegenüber dem Weg gewesen, den sie gegangen sind“, mutmaßt Gretchen Dutschke.

Von Caroline Bock

Von Thorsten Fuchs

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