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Panorama Generation Durchmarsch
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10:31 08.04.2018
Die 68er gelten noch immer als die kulturell und politisch prägendste Generation. Ist gar noch ein Spätwerk von ihnen zu erwarten? Quelle: RND
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Hannover

Ein altes Gasthaus in Norddeutschland. Eine ostfriesische Coverband namens Remember hat geladen. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Es ist eine Art Revival vom Revival. Die Freizeitband hatte bis vor 30 Jahren die Hits der Sechziger- und Siebzigerjahre nachgespielt: Rolling Stones, Kings, Creedence Clearwater Revival. Nun haben sie wieder zusammengefunden – und ihre Fans von damals sind ebenfalls wieder da.

Die jüngeren der Besucher sind wohl kurz vor dem Ruhestand, nicht wenige haben die 70 schon vor einiger Zeit hinter sich gelassen. Einige sind mit Gehhilfen angerückt. Der Sänger hält sich von Zeit zu Zeit den Rücken, aber die Rockröhre funktioniert noch: “I wanna know, have you ever seen the rain?“ Bald räumen die Zuschauer die Stühle beiseite und beginnen zu tanzen. Ausgelassen. Bei sich. Sie singen nicht, sie grölen, wenn auch nicht mehr so laut: “I can’t get no satisfaction.“

Es gibt sie also noch, die Generation 68, das Einende von damals. Die Generation, in den Jahren nach dem Krieg aufgewachsen, mit all den kollektiven Verdruckstheiten und Halbwahrheiten ihrer Eltern aus der Nazizeit, ist nun selbst im Rentenalter. 50 Jahre nachdem der Slogan “Trau keinem über 30“ Deutschland eroberte, sind seine Erfinder längst Großeltern, Pensionäre, Hausbesitzer, Rentner. So wie viele Generationen vor ihnen.

Aufsteigerbiografien der Revoluzzer von einst

Soziografisch gibt es kaum Auffälligkeiten gegenüber anderen Jahrgängen. Die von 1940 bis 1950 Geborenen hören vielleicht andere Musik als die Generation vor ihnen. Aber sie beschäftigen sich genauso mit ihrem Garten wie andere, schauen die “Sportschau“, beklagen das Rentenniveau und schimpfen über die SPD. Und doch haben die Urheber der bisher coolsten Jugendbewegung in der deutschen Geschichte immer noch den Nimbus, dass sie es anders machen als ihre Vorgänger. Für immer 68er, nur eben älter?

Ist gar noch ein Spätwerk zu erwarten von dieser kulturell und politisch so prägenden Generation, die sich durch zwei, drei heiße Jahre unsterblich gemacht hat und danach immer wieder eine Notwendigkeit sah, die Republik neu zu erfinden? Aufreizend lässig, bisweilen fordernd – und immer in dem Bewusstsein, dass man sich die Welt erst zurechtbiegen muss, wenn man darin gut leben möchte.

In ihrer Jugend kämpften die 68er für ein freies Studium, Reformpädagogik und Abendschulen. Ihre Musik erklärten sie zur Kultur, Sex zur Politik und alles Plüschige zum Kitsch. Später bastelten die Revoluzzer von einst an ihren Aufsteigerbiografien – und versuchten so, die familiäre Herkunft ein zweites Mal abzustreifen. Die 68er verhalfen erst Willy Brandt zur Macht, erweiterten mit den Grünen die Politik um einiges mehr als nur eine Farbe und beendeten dann, nach langer Leidenszeit, die Kohl’sche Nachkriegsära – und zwar, indem sie ihn nicht einfach nur durch einen neuen Kanzler ersetzten, sondern gleich durch ein rot-grünes “Reformprojekt“.

Wird nun auch das Alter reformiert?

Wird nun also auch noch das Alter durchreformiert in diesem langen Marsch durch die Institutionen? Ist “Satisfaction“ in der Heimatradiowelle nur der Anfang einer Revolution der Alten? Detlev Claussen muss erst einmal tief Luft holen, als er all diese Fragen hört. Er ist ohnehin ein äußerst kritischer Geist. Wenn es aber um die 68er geht, dann ist er vielleicht noch ein Stück kritischer. Schließlich war er selbst dabei.

Claussen hat in den Sechzigern in Frankfurt am Main bei Theodor W. Adorno studiert und gehörte dem heute legendären SDS an, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Später lehrte der Soziologe Kritische Theorie an der Universität Hannover, trug die Ideen der antiautoritären Protestbewegung in die akademische Welt. “Damals im SDS war ich immer der Jüngste“, sagt er. Heute ist auch er 70. Aber Claussen, der mittlerweile wieder in Frankfurt lebt, dort, wo vieles begann, tut sich schwer mit dem Generationenbegriff.

Für die allermeisten war das, was man unter 68 versteht, 1969, spätestens 1970 schon wieder zu Ende. Zu unterschiedlich hatten sich die meist studentischen Protagonisten von damals entwickelt, sagt er. Zu bürgerlich waren die späteren Lebenswege, zu viele reihten sich ein in die Logiken von Kapitalismus und Spießertum, die es doch eigentlich aufzubrechen galt. Claussen sagt das so, wie es eben wohl nur ein Alt-68er kann – akademisch, ironisch und bissig zugleich: “Auch wenn es altmodisch klingen mag, würde ich es so ausdrücken: In der Dynamik der Klassengesellschaft setzte sich das Sein doch sehr stark durch gegen das Bewusstsein.“

Das Sein hat gesiegt

Sicherlich: Eine Generation ist immer ein künstliches Gebilde. Auch 1968 liefen die wenigsten nackt durch WG-Küchen auf der Suche nach dem Joint fürs nächste Sit-in. Und ganz sicher haben später die allermeisten 68er doch Karrieren in der Wirtschaft gemacht, die alten Ideale verraten, sich zu Kleinbürgern oder Spinnern entwickelt. Das Sein hat gesiegt.

Und doch: Hat sich, wenn schon nicht die politische Ernsthaftigkeit, vielleicht doch so etwas wie eine Attitüde gehalten? Die Fähigkeit, sich zu organisieren und im Kollektiv tätig zu werden? Der Wille zur Veränderung? Das gesteht auch Claussen zu – in einer trefflichen Mischung aus Stolz und Sarkasmus: “Manchmal muss ich schmunzeln: Kaum soll irgendwo eine Umgehungsstraße gebaut werden, hat sich auch schon eine Bürgerinitiative dagegen gebildet. Das hat unsere Generation verinnerlicht.“

Die Demokratiebewegung von damals dauert an. Mitsprache, Engagement, Politik – all das macht das Gemeinwesen in Deutschland auch heute noch stark. Aber längst hat der Ruf nach mehr Mitsprache die linke Szene verlassen. Der Takt der Müllabfuhr, die Abschaffung der Atomkraft, der Bau einer Stromtrasse, der Kampf gegen Diktatur und Unrecht in der Welt – immer wird mit Initiativen, Petitionen, Mobilisierung und Öffentlichkeit gekämpft. Es sind die Waffen der friedensbewegten 68er.

Keine “neuen Rechten“ ohne 68er

Das funktioniert tatsächlich auch in eigener Sache – wenn auch eine Altersrevolution, die manche den 68ern noch vor zehn Jahren vorausgesagt hatten, diffus geblieben ist. Aber dennoch: Senioren organisieren sich heute wie selbstverständlich in Alten-WGs oder Mehr-Generationen-Wohnprojekten, um sich unabhängiger von Pflegediensten und Angehörigen zu machen. Manche ziehen zur Rente ins Ausland, weil dort das Wetter besser ist.

Für viele ist auch das Arbeitsleben mit dem Renteneintritt nicht vorbei. Sie machen einfach weiter. Als Selbstständige, als Aushilfe im alten Job, als Freiwillige in sozialen Projekten. Nicht nur, weil sie das Geld gut gebrauchen können. Auch, weil sie am Leben teilhaben wollen – und wissen, dass das geht. Wer mit 20 dem Staat die Stirn geboten hat, wird mit 70 nicht plötzlich zum willenlosen Untertan.

Aber die Traditionen werden uneindeutiger. So seltsam das auch klingen mag: Die neuen Rechten, die in diesen Tagen den Diskurs wieder stärker mitbestimmen, wären kaum ohne die 68er möglich gewesen. Inhaltlich sind sie in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von allem, wofür 68 stand. In der Form allerdings, und letztlich auch in der Haltung, beziehen sich die Neurechten selten bewusst, oft aber unbewusst auf die von ihnen so verhassten 68er.

Befremdliche Wandlungen

Der Früh-68er und Autor Matthias Matussek etwa hat kürzlich seine für viele befremdliche Wandlung vom bekennenden Kommunisten zum Protagonisten der neuen rechtsintellektuellen Szene beschrieben: “Die flotte Antwort wäre: Indem ich mir treu geblieben bin, eben antiautoritär!“ In einem langen Aufsatz erklärt er, wie er als 68er an den Frauen und am Dagegensein seine Freude hatte – bis die “Linke“ irgendwann den Diskurs erobert hatte und aus ihnen, ihrer Kultur und ihren angeblichen Denkverboten in seinen Augen die Herrschenden wurden: mit ihrer Political Correctness und ihren Protagonisten in Medien, Politik und Wirtschaft.

Da zog Matussek – und mit ihm eine Reihe anderer Alt-68er – auf die andere Seite. “Mein Thema war Herrschaftskritik, mein Plädoyer war das Recht des Einzelnen auf Dissidententum“, schreibt er. Dabei soll es wohl bleiben. Nur dass Matussek nicht mehr den Krieg in Vietnam beklagt, sondern die seiner nicht ganz konsistenten Meinung nach staatlich beförderte Einwanderung von Muslimen.

Kollektive Erfahrung prägt eine Generation

Und so sind die 68er vielleicht tatsächlich nicht mehr die eine Generation, die heute gemeinsam die Republik verändert. Es sind Menschen wie Matussek auf der einen, Menschen wie Claussen auf der anderen Seite – und Millionen andere dazwischen. Es war ja gerade das Besondere, dass sich im Jahr 1968, gespeist aus vielen Lebensläufen, für kurze Zeit ein Einheitsgefühl bilden konnte. Danach war der kulturelle und politische Zeitgeist vielleicht nie wieder so stark und so kohärent.

Lange Haare, kurze Röcke, Nazi-Eltern und Beatmusik, die Mauer und der Kommunismus, freie Liebe, das Attentat auf Rudi Dutschke, der Straßenprotest – aus all dem ist vor 50 Jahren eine kollektive Erfahrung erwachsen, die aus einer Alterskohorte tatsächlich so etwas wie eine Generation geformt hat. Zumindest für einen Moment. Einiges davon hat sich gehalten – bis ins Rentenalter.

In dem alten Gasthaus in Norddeutschland startet an diesem Abend keine Revolution. Das Konzert bleibt eine Erinnerung an eine Zeit, in der die Welt und ihre Bewohner für einen Moment sehr leicht sortierbar waren. Das hat sich heute geändert. Aber auch das hätten sie ja wissen können. Bob Dylan hat es gesungen: “The times they are a changin’“.

Von Dirk Schmaler

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