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Panorama Grenfell Tower: Schmerz und Wut zum Jahrestag
Nachrichten Panorama Grenfell Tower: Schmerz und Wut zum Jahrestag
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07:30 14.06.2018
Rauch und Flammen steigen aus dem brennenden Grenfell Tower empor Quelle: AP
London

Wenn Christos Fairbairn die Augen schließt, schlagen die Erinnerungen wie Blitze in seine Gedanken ein. Die Wohnungstür. Der Rauch. Das Treppenhaus. Und wie er durch die Hölle rannte, atemlos, panisch, hinunter vom 15. Stockwerk, wo er lebte, vorbei an Wohnungen, in denen Familien mit nassen Handtüchern am Boden kauerten und auf Hilfe warteten, weil ihnen das die Notrufzentrale geraten hatte. Er rannte durch die 4. Etage, wo nur wenige Stunden zuvor ein Kühlschrank explodiert war und weshalb kurz darauf der Grenfell Tower lichterloh in Flammen stand. Fairbairn entkam dem Inferno an jenem 14. Juni 2017. Der Sozialbau im Londoner Westen ragte stundenlang wie eine riesige brennende Fackel in den Nachthimmel. 72 Menschen starben bei der Katastrophe, einer der größten der vergangenen Jahrzehnte im Vereinigten Königreich.

Der 67 Meter hohe Sozialbau ist mittlerweile komplett verhüllt von weißen Planen, an der Spitze haben sie Banner angebracht mit grünen Herzen und den Worten „Grenfell – forever in our hearts“, „für immer in unseren Herzen“. Doch die helle Verschleierung kann zwar das Gerippe, aber nicht das dunkle Schrecken übertünchen, das die Menschen in dem Viertel verfolgt.

Angehörige von Opfern erzählen von bewegenden Erlebnissen

Zu tief sitzen der Schmerz, die Trauer, die Wut. Das zeigt auch das Ausmaß der öffentlichen Anhörung, die vor einigen Wochen begann und akribisch von der Öffentlichkeit verfolgt wird. Es geht unter anderem um die Fragen, wie es zu dem Feuer kommen konnte und wie ein solches Desaster in Zukunft vermieden werden kann. Überlebende und Angehörige von Opfern erzählen in bewegenden Statements von ihren Erlebnissen, Brandschutzexperten werden gehört sowie Stadtrat, Vertreter der Mieter-Initiative, Sozialarbeiter und Feuerwehrleute.

„Grenfell kann ein Wendepunkt in der Geschichte sein“

Zudem müssen sich beteiligte Bauunternehmer und Verantwortliche des Gebäude-Managements erklären. „Grenfell kann ein Wendepunkt in der Geschichte sein“, sagt ein ehemaliger Bewohner, der wie so viele Aktivisten seit einem Jahr „um Gerechtigkeit kämpft“ und auf die Kehrtwende hofft. Immerhin, die Mieterinitiative von Grenfell hatte regelmäßig vor mangelhaftem Brandschutz gewarnt, lange vor dem Inferno. Und stieß wiederholt auf taube Ohren. Dabei war auch die Fassadenverkleidung Thema – bevor sich genau diese in der schicksalhaften Nacht als Brandbeschleuniger entpuppte. Berichten zufolge hatten wohlhabende Nachbarn sie gewünscht, weil der schmucklose Turm die Aussicht störte. Für die Ummantelung aber wurde aus Spargründen entflammbares, günstiges Material benutzt statt der teureren, feuerfesten Ausführung. Wer ist Schuld? Das soll nun geklärt werden.

Die Fassade aus günstigen Baumaterialen wirkte wie Brandbeschleuniger. Quelle: AP

Der Londoner Bezirk Kensington und Chelsea gehört zu den reichsten im Königreich. Nirgendwo sonst aber sind gleichzeitig die sozialen Unterschiede größer. Die Ärmsten der Gesellschaft in Sozialwohnungen teilen sich die Nachbarschaft mit den Reichen und klagen, dass sie seit Jahren von den Entscheidungsträgern vernachlässigt, von Geld und Macht verdrängt würden. Der verkohlte Betonklotz steht als Symbol für all das, was schiefläuft auf der Insel. Die jahrelange Sparpolitik, die Kürzungen im Sozialsystem, horrende Immobilienpreise in London, auch in Folge von Luxussanierungen mit entsprechenden Folgen für die bisherigen Bewohner, Einschnitte im Öffentlichen Dienst.

Theresa May zog sich den Zorn der Menschen zu

Der Ärger auf die Politik und insbesondere die Regierung wurde noch größer nach der Katastrophe, als zunächst nicht die Bezirksverwaltung Hilfe bot, sondern Freiwillige einsprangen, um den Traumatisierten Kleidung, Essen und Trost zu spenden. Premierministerin Theresa May zog den Zorn der Menschen auf sich, weil sie bei ihrem ersten Besuch statt Überlebender lediglich Einsatzkräfte traf.

Ursache für den verheerenden Brand war ein Kühlschrank, der in dieser Wohnung explodierte. Quelle: AP

Diese Woche entschuldigte sie sich öffentlich dafür. Sie werde dieses Versäumnis „für immer bereuen“. 203 Haushalte benötigten damals eine neue Unterkunft und die konservative Regierungschefin hatte nach dem Desaster allen, die vor dem Nichts standen, zügige Hilfe und eine neue Wohnung innerhalb von drei Wochen versprochen. Aus diesen Wochen wurden Monate. Aus den Monaten wurde mittlerweile ein Jahr. Noch immer leben 43 Haushalte in Hotels.

Zu vielen befolgten den tödlichen Rat der Notrufzentrale

Nach der Anhörung, geleitet von einem pensionierten Richter, soll irgendwann der Strafprozess folgen. Die Polizei ermittelt gegen drei Dutzend Firmen wegen des Einsatzes von untauglichem Material, gegen Verantwortliche im Stadtbezirk, gegen die Hausverwaltung und gegen die Feuerwehrführung, deren Strategie „Stay put“, „an Ort und Stelle bleiben“ lautete.

Es dauerte Stunden, bis die Rettungskräfte ins Gebäude vordringen konnten Quelle: AP

Eine Brandschutzingenieurin kam in ihrem Bericht für die richterliche Untersuchung zu dem Ergebnis, dass den Bewohnern in jener Nacht fälschlicherweise aufgetragen wurde, in ihren Wohnungen auszuharren. Zu viele befolgten den tödlichen Rat der Notrufzentrale – und verbrannten in ihrem Zuhause.

Prüfungen in Deutschland dauern an

In Deutschland wurden nach der Katastrophe zahlereiche Hochhäuser erneut auf ihren Feuerschutz überprüft. In Wuppertal und in Dortmund waren nach dem Unglück in London Hochhäuser wegen Brandschutzmängeln geräumt worden. Dennoch seien die Arbeiten auch ein Jahr nach dem Vorfall in London noch im Gange, sagte Thomas Herbert, Vorsitzender des für Baurecht zuständigen Ausschusses bei der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau.

Wie Herbert erklärt, sind im deutschen Bauwesen zwei baulich getrennte Rettungswege verbreitet. Ein Rettungsweg sei für die Evakuierung von Bewohnern gedacht, der andere für den Löschangriff der Feuerwehr: „Wenn ein Rettungsweg ausfällt, dann ist zumindest noch ein zweiter da. Das war in London nicht der Fall.“

Von Katrin Pribyl/RND

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