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Panorama Jens R. handelte in Suizidabsicht
Nachrichten Panorama Jens R. handelte in Suizidabsicht
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20:59 09.04.2018
Trauer am Kiepenkerl-Denkmal: Helfer versammeln sich am Anschlagsort in der historischen Innenstadt von Münster. Quelle: dpa
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Münster

Es muss auch gute Zeiten im Leben des Jens R. gegeben haben. Zeiten, in denen er viel Geld verdiente, weil er das Patent an einer von ihm entwickelten Lampe gewinnbringend verkaufen konnte. Schon als Student entwarf er einen Spiegelschrank fürs Badezimmer, für den er auf einer Designausstellung in Frankfurt/Main den ersten Preis der Besucherjury erhielt. Jens R. galt in seinem Fach als Talent. Doch die guten Zeiten waren offenbar selten – jedenfalls wenn man seiner eigenen Sicht auf sein Leben folgt.

Zwei Tage nach der Amokfahrt von Münster wurden am Montag weitere Details über den 48-jährigen Industriedesigner bekannt. Dem Mann, der am Sonnabend seinen VW-Campingbus in eine Gruppe von Restaurantgästen in der historischen Innenstadt steuerte und dabei zwei Menschen tötete und mehr als 20 verletzte – anschließend erschoss er sich selbst. Diese Details bestätigen vor allem das Bild eines einsamen, verbitterten und zugleich aggressiven Mannes. So soll R. sich bei einem Sturz im Treppenhaus vor einigen Jahren schwere Rückenverletzungen zugezogen haben, von denen er sich trotz einer Operation nie wieder richtig erholt habe.

Für seine physischen Probleme machte er die Ärzte verantwortlich, die bei ihm gepfuscht hätten. Die Schuld an seinen psychischen Problemen suchte R. bei seinen Eltern, die ihn in seiner Kindheit misshandelt hätten – so schildert er es in Mails und Briefen, die er offenbar in den vergangenen Wochen an Bekannte schickte und über die mehrere Medien am Montag berichteten. Auch seine Nachbarn überzog er mit falschen Vorwürfen, Verdächtigungen und Intrigen. Nach den Berichten über die Amokfahrt tauschten sie sich in den vergangenen Tagen aus, glichen ihre Eindrücke von Jens R. ab. Überrascht war offenbar keiner von ihnen: „Ich glaube, wir haben es ihm alle zugetraut“, sagte eine frühere Nachbarin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

„Ermittlungsbehörden sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte“

Die neuen Einzelheiten erklären wohl den aufwendigen Lebensstil von Jens R., der fünf teils teure Autos besaß und neben zwei Wohnungen in Münster auch über zwei weitere Wohnungen in Pirna und Heidenau bei Dresden verfügte. Seine geballten Vorwürfe gegen nahezu den gesamten Rest der Welt geben auch einen möglichen Hinweis auf ein Motiv: Offenbar empfand Jens R. eine gewaltige Wut auf alle Menschen in seiner näheren und ferneren Umgebung, fast wahllos machte er sie für seine körperlichen und seelischen Probleme verantwortlich.

die Ermittler überzeugt davon, dass der Täter in Suizidabsicht handelte. „Nach der bisherigen Analyse und Auswertung der vorliegenden Dokumente, Spuren und Aussagen sind die Ermittlungsbehörden sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte“, erklärte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Montagabend zu den bisherigen Ergebnissen. Bei der Durchsuchung der Wohnung des ledigen und kinderlosen Mannes sei unter anderem ein über einen Balken gelegtes Hanfseil mit Henkersknoten gefunden worden. Dieses Seil sei ein „eindeutiger Hinweis“.

Für die Suizidabsicht spreche auch die Tatsache, dass sich der Mann unmittelbar nach dem Stillstand des Fahrzeugs erschossen hat. Im Magazin der im ehemaligen Jugoslawien hergestellten Pistole hätten sich noch weitere Patronen befunden. „Offensichtlich wollte sich der Täter nach der Todesfahrt direkt selber richten“, erklärte der Leiter der Ermittlungskommission, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, in einer gemeinsamen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft. „Bei einer Gesamtschau der Indizien sind wir uns sicher, der Täter handelte in Suizidabsicht.“

Täter hatte keinen Waffenschein

Diese eindeutige Suizidabsicht habe der Mann entgegen anderslautender Berichte im Zeitraum vor der Tat weder dargelegt noch gegenüber Dritten geäußert. „Die mehrfach wahllos an Dritte übersandten Nachrichten enthalten keine ausdrückliche Ankündigung einer Selbsttötung. Sie sind jedoch Ausdruck einer zumindest temporären, psychischen Labilität“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Für die Ermittler sind noch viele Fragen offen. So wollen sie mit einem Bewegungsprofil klären, wo sich R. in den vergangenen Wochen überhaupt aufgehalten hat. Unklar ist auch, woher R. die Waffe hatte, mit der er sich nach der Amokfahrt erschoss. Einen Waffenschein besaß er laut Innenminister Reul nicht. Die Zahl der Toten der Amokfahrt könnte sich auch noch erhöhen: Drei Verletzte, die derzeit in der Uniklinik Münster behandelt werden, schweben laut den Angaben der Ärzte noch in Lebensgefahr. Die mehr als 20 Verletzten stammen demnach überwiegend aus der Region Münster und den Niederlanden. Bei den Toten handelt es sich um eine 51-Jährige aus dem Landkreis Lüneburg sowie einen 65-jährigen pensionierten Lehrer aus Gronau.

Diskutiert wird in der Stadt jetzt vor allem auch über den künftigen Schutz von Großveranstaltungen: Am 9. Mai beginnt in Münster der Deutsche Katholikentag, zu dem Zehntausende Gäste erwartet werden. Sowohl die Veranstalter als auch die Stadt kündigten an, jetzt ihre Sicherheitskonzepte zu überprüfen.

Von Thorsten Fuchs/RND

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