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Panorama Jenseits des Wurfzelts: So campt man heute auf Festivals
Nachrichten Panorama Jenseits des Wurfzelts: So campt man heute auf Festivals
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12:03 08.09.2018
Höher, größer, kreativer: Vom umgebauten Militärlastwagen bis zu ganzen Fan-Städten ist auf Festivals alles an Unterkünften zu finden. Quelle: Jacqueline Schulz
Elend/Wacken

Der Wohnlastwagen

Außendusche, Bett, Kühlschrank, Küche und Musikanlage: Der IFA L60 ist ein Hingucker – und übersteht im Notfall sogar Giftanschläge. Quelle: Jacqueline Schulz

Festival: Rocken am Brocken. Bewohner: 2.

Der Gegenverkehr staunte nicht schlecht, als Max auf dem Hinweg den Kyffhäuser hochfuhr, um sich eine Bockwurst zu holen. Denn eigentlich ist der IFA L60 mit Kofferaufbau ein Militärfahrzeug, gebaut in der ehemaligen DDR. Für Sandfahrten kann der Reifendruck reduziert werden, für den Fall eines Giftanschlags ist das Innere des Koffers hermetisch abriegelbar.

Das ist heute längst nicht mehr nötig. Jetzt fährt Max den Lkw eben zum Bockwurstholen – und danach zum Festival Rocken am Brocken in Elend bei Sorge im Harz. Bei Ebay hat Max aus Jena dieses Relikt der Vergangenheit gekauft. Fünf Jahre hat der Umbau gedauert, und noch immer fehlen Kleinigkeiten.

Schon jetzt lebt es sich jedoch gut in dem Gefährt: Max verpasste ihm eine Außendusche, Bett, Kühlschrank, Küche und Musikanlage. Auf dem Dach sammelt eine Fotovoltaikanlage den Strom für sämtliche Geräte. Die zugehörige Speicherstation hat Max selbst gebaut. In einem Holzkasten stehen fest verschraubt drei Lkw-Batterien, zigfach miteinander verkabelt. Wie er das geschafft hat? “Wenn man sich da ein bisschen einliest, geht das schon“, sagt Max.

Vaters Traum

Retroromantik mit Solarstrom: Bullis wie dieser sind heute wieder heißbegehrte Liebhaberobjekte. Quelle: Jacqueline Schulz

Festival: Rocken am Brocken. Bewohner: 2.

10 000 Euro investierte der Familienvater in seinen Bulli, damit seine Kinder damit die Welt bereisen. Allein: Seine Kinder denken nicht daran – Aaron und seine Freundin hingegen schon. Ihnen überließ der Vater den Wagen zu einem Spottpreis, froh, ihn noch einmal auf die Reise zu schicken.

Das Paar baute einen Wohnwagen daraus. Unter dem Bett ist Platz für Gepäck, dahinter liegt eine kleine Küche, an den Wänden hängen zwei Lampen und Regale, den Strom dafür liefert eine Solaranlage. Vor einigen Wochen ist der Wagen fertig geworden, die Eltern halfen beim Umbau.

Jetzt, in den Semesterferien, soll der Bulli seine erste Reise wagen. Ins französische Département Ardèche reisen die zwei. Vorher jedoch machen sie bei Rocken am Brocken halt.

Der Schnapsladen

Voll ausgestattet, inklusive Rasenmäher: Der Dithmarscher Kornpalast. Quelle: Jacqueline Schulz

Festival: Wacken. Bewohner: 15.

Noch bevor auf dem Wacken Open Air die ersten Gitarrenklänge dröhnen, wummern im Dithmarscher Kornpalast bereits die eigenen Boxen. Ein 15-köpfiges Festival-Fan-Team, entstanden aus einer Vierer-Studenten-WG, hat ihn errichtet. Ist die Sonne dem Dunkel gewichen, schmeißen die Freunde hier ihre Partys. Bunt-grelle Scheinwerfer leuchten dann von der improvisierten Lkw-Bühne, eine Nebelmaschine schafft Clubatmosphäre, vier riesige Boxen tun ihr Übriges.

Das ist ein Festival im Festival – eines, auf dem der Oldesloer Weizenkorn omnipräsent ist. Warum das so ist? “Weil den hier in der Region alle trinken. Der ist eine Instanz.“ Das Schnapslogo prangt auf Stickern und T-Shirts der Fans. Die Brennerei hat nichts dagegen, denn bessere Werbung als glücklich-grölende Partyveranstalter gibt es wohl kaum.

Zumal: Die Kornfreunde verpassten der Brennerei Positiv-Schlagzeilen. Aus 339 leeren Flaschen bauten die Freunde die weltweit größte zusammengesetzte Kornflasche. Der zugehörige Zeitungsartikel hängt einlaminiert auf einem riesigen Reißbrett, auf dem ansonsten Fotos vergangener Jahre kleben.

Deren Motive wirken surreal, denn die Dithmarscher schleppen Sachen aufs Festival und fotografieren sie , deren Sinnhaftigkeit sich auch beim zweiten Darübernachdenken nicht erschließt – einen Rasenmäher etwa. “Der ist manchmal weg – aber am Ende steht er immer wieder hier. Passt also.“

Der Fanverein

“Für die anderen sind wir mittlerweile zu einer Institution geworden“: Das Camp im Camp der Rendsburger Wacken-Fans. Quelle: Jacqueline Schulz

Festival: Wacken. Bewohner: 40.

“Erst sind wir gekommen wie alle anderen auch“, sagt einer der Rendsburger Wacken-Fans. “Über die Jahre ist es dann ein wenig eskaliert.“ Mit eskaliert meint er das Wachstum ihres Quartiers zu einem eigenen, kleinen Campgelände.

Eine Hantelbank findet sich darauf, ein Aquarium mit Plastikfischen, ein Dekosarg plus Plastikskelett, ein riesiges Kruzifix sowie ein Spieltisch, der zu einer alternativen Runde Schiffe versenken einlädt. Für jedes versenkte Kästchen gibt’s hier einen Schnaps. Wer es lieber ruhig angeht, findet auf einem von sechs überdachten Sofas Platz. Und der Balkon eines Bauwagens bietet einen weiten Ausblick.

Acht Stunden dauert der Aufbau ihres Platzes. Damit er bereits steht, wenn die übrigen Fans zum Festival strömen, reisen die Wacken-Freunde so früh wie möglich an: “Für die anderen sind wir mittlerweile zu einer Institution geworden. Da müssen wir jedes Jahr etwas Neues bieten.“

Geplant wird dieses Neue bei regelmäßigen Treffen. So gründeten die Rendsburger ihren eigenen Club, in dem sie die Aufbauten des jeweils nächsten Jahres planen. Eines haben sie jedoch immer dabei: Bier, 1620 Liter insgesamt.

Überlebenstipps für Einsteiger: So wird der Festivalbesuch unvergesslich

Etwas wackelig, aber garantiert nicht nass von unten: Autozelte erfreuen sich großer Beliebtheit Quelle: Jacqueline Schulz

Immer obenauf

Es muss ja nicht immer gleich XXL bei der Unterkunft sein. Ebenso beliebt ist das Schlafen im eigenen Wagen – oder besser: auf dem eigenen Wagen. Modelle fürs Autozelt gibt es in Grün, Braun und sogar in Rot.

Platz zum Austoben: Selbstgebautes, sei es ein Pool oder fahrbare Untersätze, wird stets gern gesehen. Quelle: Jacqueline Schulz

Individuelle Ausrüstung

Nicht nur die Festivaltickets werden teurer, die Ausstattung ebenfalls – und auch individueller. Während sich die einen Besucher Pools aus Maischebottichen bauen, installieren andere ihren Bierhahn direkt am Camper. Günstiger, aber genusslos: der Sauftrichter. Der halbe Liter trinkt sich damit in Sekunden.

Wie man sein Zelt unter Tausenden wiederfindet? Eine möglichst originelle Beschriftung kann helfen. Quelle: Jacqueline Schulz

Kommentare zur Weltlage

Wo ließe sich besser ein Statement setzen als auf Festivals, wo Tausende sie lesen? Ihre Aussagekraft ist beschränkt. Dafür sind die meisten umso witziger.

Wer die Härten des Festivalalltags noch nicht kennt, sollte sich vorsichtig herantasten – und gelegentlich auch mit Alkoholfreiem der Dehydrierung vorbeugen. Quelle: Jacqueline Schulz

Zu viel des Guten

Festivals sind der Albtraum eines jeden Asketen. Massen zelebrieren hier den Massenkonsum. Die Spuren sind nicht immer schön.

Von Jacqueline Schulz (Fotos) und Julius Heinrichs (Text)

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