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Panorama Mehr als 30 Tote bei schweren Regenfällen
Nachrichten Panorama Mehr als 30 Tote bei schweren Regenfällen
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20:47 09.09.2009
Bei schweren Regenfälle in der Türkei sind mehr als 30 Menschen gestorben. Quelle: afp

Der Mann sitzt auf einem umgestürzten weißen Bus. Um ihn herum eine reißende, braune Flut, die fast bis zu dem Mann heranreicht. Wenige Meter entfernt arbeiten sich vier Retter Schritt für Schritt heran, sie werfen ein Seil. Der Mann auf dem Bus fängt es auf, und die anderen ziehen ihn durch das reißende Wasser zu sich heran. Als er die Gruppe erreicht, wird er umarmt und geküsst.

Die dramatische Rettung des Mannes auf dem Bus am Mittwochmorgen spielt sich nicht in einem überfluteten Flusstal ab, sondern mitten auf einer vierspurigen Autobahn der türkischen Metropole Istanbul. Sintflutartiger Regen hat Abflusskanäle und kleine Flüsse anschwellen lassen und schließlich die zum Istanbuler Flughafen führende Autobahn im Stadtteil Ikitelli in einen zwei Meter tiefen Fluss verwandelt. In nur einer Stunde prasselte so viel Niederschlag aus den grauen Wolken herab wie sonst in zwei Monaten.

Istanbul erlebe die schlimmste Katastrophe seit Jahren, sagt Gouverneur Muammer Güler: „Keine Infrastruktur kann damit fertig werden.“ Güler erwähnt die Infrastruktur, weil zu diesem Zeitpunkt bereits Kritik an den Behörden laut wird: Warum taumelte die Zwölf-Millionen-Stadt in diesen Albtraum, obwohl Meteorologen doch schwere Regenfälle vorausgesagt hatten? Warum ist die Stadt nicht besser auf solche Naturereignisse vorbereitet?

In Ikitelli kämpfen an diesem Morgen Hunderte Menschen um ihr Leben. Mehr als 30 verlieren in der Türkei den Kampf. Sieben Arbeiterinnen einer Textilfabrik ertrinken in einem Werksbus, der sie frühmorgens zur Schicht bringt. Als das Fahrzeug von den schlagartig ansteigenden Wassermassen eingeschlossen wird, können sich die Insassen vorne im Bus retten – die sieben Frauen in den hinteren Reihen sterben, weil der Bus dort keine Fenster hat.

Auf einem Parkplatz für schwere Lastwagen kommen unterdessen mindestens acht Fahrer ums Leben, die in ihren Führerhäusern schlafen. „Ich wurde wach von einem Geräusch“, sagt ein geretteter Fahrer im Fernsehen. „Ich rief die anderen an: ,Steht auf, die Flut kommt.‘ Dann war ich plötzlich im Wasser und klammerte mich an einem Baum fest.“

Ganz in der Nähe sind Hubschrauber der Armee im Einsatz. Sie pflücken rund ein Dutzend Menschen vom Dach einer Fabrik. Schlauchboote der Feuerwehr kämpfen sich gegen die starke Strömung auf der überfluteten Autobahn zu Bussen und Autos vor. Mit einem Stein schlägt einer der Feuerwehrleute die Scheiben eines städtischen Busses ein und holt zwei völlig verängstigte Fahrgäste heraus.

Verstärkt wird die Fassungslosigkeit angesichts der mitunter apokalyptischen Szenen im Laufe des Vormittags durch die Ankunft von Plünderern in dem betroffenen Gebiet. Fernsehbilder aus einem Hubschrauber zeigen ein Dutzend Männer, die Jagdgewehre aus einem liegen gebliebenen Lastwagen holen. Die Lage erinnert an das Chaos nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans im Jahr 2005.

Schon am Dienstag hatte es in nordwestlichen Außenbezirken Istanbuls heftig geregnet; mindestens sechs Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Und der Regen geht weiter, sagen Meteorologen. Nach einer kurzen Atempause wird am Freitag eine neue Unwetterfront über der Stadt erwartet. „Der Niederschlag könnte anderthalbmal so heftig werden“, sagt Bürgermeister Kadir Topbas.

Das klingt kaum vorstellbar. In nur einer Stunde gehen in Ikitelli am Mittwochmorgen 90 Liter Regen pro Quadratmeter nieder, zweimal so viel wie sonst in einem ganzen September. Umweltschützer und Regierungsvertreter glauben darin die Auswirkungen der Erderwärmung zu erkennen. „Überflutungen werden zunehmen“, sagt Umweltminister Veysel Eroglu.

Aber es ist zu einfach, alles auf die weltweiten Klimaveränderungen zu schieben. Bürgermeister Topbas räumt ein, dass in Istanbul vielerorts Häuser gebaut worden ist, wo eigentlich keine Gebäude hingehören, sondern Abflusskanäle. Das Problem ist nicht neu – die Stadtentwicklung von Istanbul ist seit Jahrzehnten ein Wildwuchs, bei dem die Behörden meistens untätig zuschauen. Oft und gerne versprechen Lokalpolitiker strengere Kontrollen gegen illegale Bautätigkeit. Doch getan wird kaum etwas.

von Susanne Güsten

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