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Panorama Warum betreibt die Arbeiterwohlfahrt Schwerin eine Kita auf Mallorca?
Nachrichten Panorama Warum betreibt die Arbeiterwohlfahrt Schwerin eine Kita auf Mallorca?
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07:00 11.10.2018
Beliebter Urlaubsort der Deutschen: die Insel Mallorca. Hier gründete die Awo Schwerin eine Kita – und wird dafür jetzt kritisiert. Quelle: Stephanie Schuster/dpa
Schwerin/ Santa Maria del Camí

Seit zwei Jahren betreibt der Awo-Kreisverband Schwerin-Parchim eine Kindertagesstätte auf der Urlaubsinsel Mallorca, in der 7000-Seelen-Gemeinde Santa Maria del Camí. Aber warum genau auf Mallorca? Um die Frage ist jetzt eine Debatte entbrannt.

Deutsche Kindergärten im Ausland sind zwar generell nicht unüblich, aber normalerweise hauptsächlich in Hauptstädten angesiedelt, wo beispielsweise Kinder von deutschen Mitarbeitern der Botschaften oder großer Unternehmen betreut werden, erklärt der Awo-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Etwas anderes ist es auf einer Urlaubsinsel wie Mallorca: „Internationale Arbeit ist ja eigentlich zu unterstützen, aber in diesem Fall stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit“, so Stadler. Der Bundesverband habe bis vor kurzem gar nichts von dem Awo-Kindergarten des Kreisverbandes Schwerin auf Mallorca gewusst.

Rechtfertigung des Awo-Kreisverbandes Schwerin: Fachkräftegewinn auf Mallorca

Der Kreisverbands Schwerin-Parchim rechtfertigt das Projekt: „Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe“, nennt Bernd Sievers, Vorstandsvorsitzender des Kreisverbands, als Gründe, die so auch im Verbandsstatut der Arbeiterwohlfahrt festgehalten seien. Außerdem sollten durch die Kita spanische Fachkräfte für die Awo in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen werden, heißt es weiter in einer Pressemitteilung.

Ob der Fachkräftemangel nicht auch verursacht wird dadurch, dass die Awo Schwerin - größter Einzelverband in Mecklenburg-Vorpommern - bei einer Tarifgemeinschaft, in der sich der Landesverband mit verschiedenen Kreisverbänden zusammengeschlossen hat, nicht mitmacht? So lautet ein Kritikpunkt. Ver.di zufolge würden die Kita-Erzieherinnen der Schweriner Awo 400 Euro weniger Einstiegsgehalt verdienen als Kolleginnen in der kommunalen Kita, in anderen Bereichen sei die Lücke noch größer.

Wurde die Awo-Kita auf Mallorca der Leiterin Bartsch zuliebe gegründet?

Der zweite Kritikpunkt ist persönlicher und betrifft die Leiterin der Awo-Kita auf Mallorca: Ariane Bartsch. In Schweriner Awo-Kreisen kursiert die Geschichte, dass Bartsch, die in Schwerin zu den Awo-Führungskräften gehörte und Leiterin für die Bereiche Kita und Familie ist, vor drei Jahren ihrem auf Mallorca lebenden Ehemann auf die Insel habe folgen wollen. Deshalb sei dort nach einer beruflichen Perspektive für sie gesucht worden.

Erst gründete der Awo-Kreisverband Schwerin-Parchim eine Tochtergesellschaft nach spanischem Recht, mit der die Schwerinerin seit 2015 in Räumen einer Internationalen Schule auf Mallorca einen bilingualen Kindergarten aufbaute. Als der Awo nach einem Jahr überraschend von der Schule gekündigt worden sei, wie es in einem Reisebericht des Schweriner Awo-Vorstandes steht, suchten Bartsch und ihr Ehemann nach einer Immobilie – die sie in Santa Maria del Cami fanden.

Awo Schwerin investierte einiges an Geld in Kita auf Mallorca

Die Awo Schwerin kaufte das Haus für 160000 Euro und ließ es sanieren, seit 2016 wird dort die Kita betrieben. Bartsch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland zu der aufgekommenen Kritik an der Kita nur: „Es ist ein wunderschöner Kindergarten und es ist traurig, was daraus jetzt gemacht wird.“

Dass der Kindergarten „wunderschön“ ist, will der Awo-Bundesvorsitzende Stadler gar nicht bestreiten – und hat nun doch eine detailreiche Untersuchung des Landesverbandes zu der Kita angeordnet, der ihm zufolge Maßnahmen folgen könnten. Nicht nur der Awo-Bundesverband habe bis vor kurzem gar nichts von der Kita gewusst, sondern auch dem Landesverband Mecklenburg-Vorpommern war diese offenbar unbekannt. „Wir haben keinen vollständigen Einblick in die Arbeit der Kreisverbände“, sagt Stadler. „Wir erwarten aber ein Gespür beziehungsweise eine Sensibilität der Awo-Funktionäre und -Kreisverbände, dass sie sich bei besonderen Projekten nochmal an die höhere Ebene wenden und Rücksprache halten. Das hätten wir im Fall der Kita auf Mallorca erwartet.“

Bundesvorsitzender Stadler: Kita auf Mallorca ist einzige Auslandskita der Awo

Dass es sich bei der Kita um ein besonderes Projekt handelt, wird schon dadurch deutlich, dass es sich dem Awo-Bundesvorsitzenden zufolge um eine Ausnahme handelt: „Meines Wissens nach ist es die einzige Awo-Kita im Ausland“, sagt Stadler. „Der Kreisverband Schwerin spricht von weiteren Projekten in Togo und Gambia, aber bei denen handelt es sich um ehrenamtliche Projekte und nicht um Institutionen, wie eine Kita es ist.“ Er spricht von einer „Frage der Verhältnismäßigkeit“, die es nun zu prüfen gilt.

Von Hannah Scheiwe

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