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14:00 08.12.2018
„Schenkt Liebe statt Geschenke“ oder „Schenkt Zeit statt Geschenke“ sind Initiativen, die in letzter Zeit immer mehr Zulauf bekommen. Das Bedürfnis nach liebevoller Gemeinschaft an Weihnachten wächst – und immer öfter ganz ohne religiöse Bezüge. Quelle: Kira auf der Heide/Unsplash
Hannover

Stefanie Wedemann glaubt nicht an Gott. Woran sie jedoch glaubt, ist Weihnachten. Weihnachten als Fest der Liebe und des Miteinanders. Wedemann arbeitet als Altenpflegerin. Jedes Jahr, sagt sie, muss sie mit ansehen, wie Senioren den Heiligen Abend unglücklich allein in ihrer Wohnung verbringen, muss das stille Leid der Gepflegten sehen, denen die Gesellschaft fehlt, die ein jeder mit Weihnachten verbindet.

Insgesamt 2,5 Millionen Deutsche verbringen den 24. Dezember laut Gesellschaft für Konsumforschung allein. Auch Wedemann fühlte sich in der Vergangenheit an Weihnachten manchmal einsam, ausgeschlossen von der Besinnlichkeit der vielen anderen. Bis Freunde sie einluden und ihr zeigten, was Weihnachten auch bedeuten kann. Chaotisch war’s damals, aber liebe- und stimmungsvoll.

Jetzt, 2018, will sie diese Erfahrung weitergeben. Ende Oktober veröffentlichte sie einen Aufruf bei Ebay Kleinanzeigen: „Wenn abzusehen ist, dass du Weihnachten allein verbringen wirst, meld‘ dich gerne: Du kannst den Abend bei uns verbringen, mit leckerem Essen und gemütlichem Zusammensitzen.“

Ein neuer Geist der Weihnacht

Mit ihrem Angebot ist Wedemann nicht allein. Mittlerweile finden sich auf Ebay Kleinanzeigen mehr als 30 Anzeigen, in denen Personen und Familien zur gemeinsamen Feier einladen. Auf Facebook ist das Angebot noch größer: Dort bringt die Gruppe „Weihnachten (nicht) allein 2018“ ebenfalls Menschen zusammen, die das Fest der Liebe sonst ohne Gesellschaft verbrächten.

Binnen kürzester Zeit wuchs die Gruppe auf 1200 Mitglieder. Sie kommen aus allen Schichten der Gesellschaft und allen Altersgruppen. Die 23-jährige Jurastudentin ist genauso Teil der Gruppe wie der 45-jährige Kranfahrer und die 62-jährige Tierpflegerin. Gleiches Phänomen tritt derzeit auf Twitter zutage, wo sich, initiiert von evangelischer Kirche und Telefonseelsorge, wiederum Hunderte zu kleinen Spontangemeinschaften zusammenschließen.

Ein neuer Geist der Weihnacht geht um in Deutschland. Dem alljährlich wiedergekäuten Stöhnkonzert über Weihnachtsstress und -egoismus setzt er Taten statt Phrasen entgegen. Wohl als Reaktion auf die Erfahrung, dass Weihnachten in vielen Fällen nichts mehr mit der Wärme, Besinnlichkeit und Gemeinschaft zu tun hat, nach der die meisten sich sehnen. Zumindest in der Statistik zeigt sich diese Unzufriedenheit ganz deutlich.

Ausgewogenes Meinungsbild:: 47 Prozent der Deutschen empfinden die Weihnachtszeit als besonders stressig, 49 Prozent sehen das nicht so. Quelle: RND/YouGov

So zeichnen sämtliche Studien zum Thema, etwa vom Meinungsforschungsinstitut Forsa, der Gesellschaft für Konsumforschung oder der Universität Erlangen-Nürnberg, ein Bild wider die Besinnlichkeit: Je nach Umfrage fühlt sich jeder Vierte oder sogar jeder Zweite in der Weihnachtszeit durchgehend gestresst. Forscher der Universität Göttingen kommen sogar zu dem Ergebnis, die Deutschen fühlen sich im Advent wesentlich unwohler und unzufriedener als während des restlichen Jahres (wobei dieser Effekt bei gläubigen Christen deutlich weniger stark ausgeprägt ist).

Das allgemeine Gefühl: Der Wunsch nach Ruhe und Zuneigung wird zerstört vom Kreischen der alljährlichen Betriebs-, Schul-, Kindergarten- und Freundesweihnachtsfeiern, vom Ruf nach passenden Geschenken und von einem wuseligen Nebeneinander, das kaum Nähe zulässt.

Der Marsberger Psychologe Wolfgang Heiler beschreibt Weihnachten in einem Interview zudem als den Zeitpunkt, bis zu dem ein jeder versucht, sämtliche aufgelaufenen Vorhaben und Aufgaben des Jahres noch schnell durchzudrücken. Währenddessen das Fest und Geschenke zu organisieren und dabei die allzu oft empfohlene innere Ruhe zu finden ist kaum möglich. Laut Heiler entsteht dadurch eine Kluft zwischen Erwartung und Realität, die oftmals in Unzufriedenheit mündet. Zumal – und jetzt wird’s kompliziert – zwar erstens die adventliche Ruhe als erstrebenswert gelte, jedoch zweitens ebenso der Weihnachtsstress.

Soziale Initiativen erfreuen sich ungeahnter Nachfrage

Soll heißen: Wer im Advent nicht gestresst wirkt, gilt schnell als unproduktiv. So müsste der ideale Adventsverbringer also ein gestresster Ruhepol sein. Solche Menschen finden sich jedoch nur recht selten. Deutlich häufiger ist die Spezies, die sich im Advent gestresst fühlt, aber gern ruhiger und liebevoller wäre. Und diese Spezies breitete sich in der Vergangenheit rapide aus, ehe ein Teil von ihr sich neu orientierte und sich nun an der Wiederbelebung der weihnachtlichen Idee versucht.

So wuchsen aus der Unzufriedenheit mit dem Status quo in den vergangenen Jahren unzählige Initiativen und Aktionen, meist auf lokaler Ebene. In einigen Großstädten beispielsweise verwandeln Studenten und Familien ihre Wohnungs- und WG-Türen nun in Adventskalendertürchen: Bis zum 22. Dezember laden sie andere zum Beisammensein in gemütlicher Runde ein.

Viele Städte stellen seit einigen Jahren zudem Weihnachtsbäume auf, an die Kinder aus weniger wohlhabenden Familien ihre Wunschzettel hängen können. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, kann diese Wünsche erfüllen. Zudem laden auch immer mehr Restaurants, Vereine und Initiativen im Advent Bedürftige zum Essen ein und entwickeln ein kleines Programm mit Lesung, Gesang und kleinen Spielen. Viele dieser Aktionen erfreuen sich ungeahnter Nachfrage.

Abkopplung von religiösen Motiven

Anders als früher rührt dieses Engagement heute oftmals nicht mehr aus christlicher Überzeugung, sondern eben aus dem Bedürfnis, Weihnachten wieder als Fest der Liebe zu verstehen. Wo früher Religion stand, kleben heute alternative Etiketten, am häufigsten das der Achtsamkeit. Dutzende Bücher sind zum Thema erschienen. „Achtsam in der Weihnachtszeit“ heißen sie oder „Christmas-Karma: Kleine Momente der Achtsamkeit“.

Achtsamkeitsblogs, -podcasts, -ratgeber folgen in der Regel zwar keinen religiösen Motiven, verbreiten jedoch dasselbe Verständnis des Advents als Zeit des Miteinanders und der Reflexion und erheben ebenfalls Liebe und Aufmerksamkeit zu den kostbarsten Geschenken dieser Zeit. So finden auch die Bewegungen „Schenkt Liebe statt Geschenke“ oder „Schenkt Zeit statt Geschenke“ seit einiger Zeit immer mehr Zulauf.

Es zeigt sich also, dass das besinnlich-soziale Verständnis von Weihnachten wieder zunehmende Zustimmung erfährt, während Weihnachten sich von seiner eigentlichen Begründung, der Geburt Christi, entkoppelt. Heute weiß einer Forsa-Umfrage zufolge nicht einmal mehr jeder zehnte Deutsche, was genau an Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Und selbst wenn dieses Wissen besteht, spielt Jesu Geburtstag laut einer Umfrage des evangelischen Magazins „chrismon“ nur für ein Viertel der Bevölkerung noch eine Rolle.

Glaubensunabhängiges Bedürfnis nach Gemeinschaft

Auf dieser Grundlage argumentiert beispielsweise der Neurowissenschaftler Sam Harris („Das Ende des Glaubens“): Alles, was der Mensch an Weihnachten schätze, sei heute weltlich, ähnlich Thanksgiving und Halloween. Auch Ulrike von Chossy und Michael Bauer, Autoren des Ratgebers „Erziehen ohne Religion“, stellen ein glaubensunabhängiges Bedürfnis nach Gemeinschaft und schönen Momenten zu Weihnachten fest.

Neben der Entkopplung vom Glauben findet zeitgleich, wenn auch deutlich langsamer, eine Entkopplung des Weihnachtsfests von der Familie statt. Zwar feiern die meisten den Heiligen Abend Umfragen zufolge immer noch mit der Familie – weil diese Feiern jedoch immer wieder mit Streit, Stress und Ärger verbunden sind, wächst die Gruppe derer, die lieber eine liebevolle Gemeinschaft suchen, als sich stur der Tradition zu verschreiben.

„Das ist einfach eine Herzenssache“

Auch Stefanie Wedemann, die am 24. Dezember Fremde unter ihren Weihnachtsbaum lädt, ist ein ehrliches, warmes Weihnachten lieber als ein strikt familiäres. „Das ist einfach eine Herzenssache“, sagt sie. Wedemann lebt im niedersächsischen Zetel, einem Ort umgeben von nichts und wieder nichts. „Hier kannst du heute sehen, wer morgen zu Besuch kommt“, sagen die Leute hier.

Was es am Heiligen Abend zu essen gibt, wenn Wedemanns Besuch kommt, kann sie noch nicht sagen. Das spricht sie mit denen ab, die kommen werden. Vier bis fünf weitere Gäste, das wäre ideal. Dann träfe man sich, würde sich kennenlernen und erst mal miteinander reden. Nach der Bescherung für die Tochter gäbe es Essen, anschließend Beisammensein. Vielleicht bringt ja jemand einen Salat oder einen Nachtisch mit, mal schauen. Alles kann, nichts muss.

Ob Wedemann nicht nervös ist, einfach Fremde zu sich einzuladen? „Ein wenig, ja. Aber es wäre doch blöd, es nicht trotzdem auszuprobieren.“ Geschenke erwartet sie keine. „Denn das schönste Geschenk“, sagt Wedemann, „ist das Zusammensein.“

Wer Weihnachten zusammen mit Stefanie Wedemann und ihrer Tochter im niedersächsischen Zetel feiern möchte, ist eingeladen, sich mit einer kurzen Vorstellung unter der Mail­adresse stefaniewedemann@web.de zu melden.

Von Julius Heinrichs

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