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Panorama Wenden nimmt Abschied von getötetem Jona
Nachrichten Panorama Wenden nimmt Abschied von getötetem Jona
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20:01 06.11.2018
Menschen vor der Kirche in Wenden, in der die Trauerfeier für den getöteten Schüler stattfand. Quelle: Hannah Scheiwe
Wenden

Die Glocken fangen an zu läuten und plötzlich ist es still, mehr als hundert Menschen schweigen, keiner flüstert. Sie alle sind in die Pfarrkirche des 20.000 Einwohner Ortes Wenden gekommen, um Abschied von Jona zu nehmen. Jenem 16-Jährigen, der vergangene Woche während eines Streits von seinem 14-jährigen Mitschüler getötet wurde.

Der Blick der Menschen ist auf die Bildschirme gerichtet, auf denen ein Bild des 16-jährigen Jona zu sehen ist. Der schmächtige blonde Junge ist dort vor einer grünen Landschaft zu sehen, lebendig.

Weil in der kleinen Kirche in der sauerländischen Gemeinde Wenden nicht genug Platz ist für diejenigen, die am Dienstag Abschied von Jona nehmen wollten, wurden rund um die Kirche Bildschirme mit Boxen aufgehängt. Sie sind klein, es ist kaum etwas zu sehen, aber der Ton funktioniert – das reicht, um die Trauernden an dem Abschied teilhaben zu lassen. In dem schlicht gehaltenen Kircheninnenraum ist auf den Holzbänken kaum Platz für mehr als 150 Leute. Nur für die engsten Angehörigen, Freunde, Fußballkameraden und Mitschüler. Die Klassenkameraden kommen mit weißen Rosen in den Raum.

Nur ein paar Kilometer weiter wurde der 16-jährige Jona am Dienstag vergangener Woche gewaltsam getötet. In einem Waldstück nahe der Gesamtschule, die er gemeinsam mit dem 14-jährigen mutmaßlichen Täter besucht hatte, wurde die Leiche einen Tag später gefunden. Sein Klassenkamerad, der sich eigenen Angaben zufolge eine Beziehung mit dem Opfer gewünscht hatte, hat die Tat später gestanden: Er sagte aus, Jona nach einem Streit erwürgt zu haben.

Über den mutmaßlichen Täter, der sich mittlerweile in Untersuchungshaft in einer JVA speziell für jugendliche Täter befindet und psychiatrisch untersucht wird, um Schuldfähigkeit und Verantwortungsreife zu klären, spricht an diesem Tag keiner. Es geht nur um Jona, der „so früh von uns gegangen ist“, wie der Pastor sagt.

In seiner Trauerrede erzählt er von Jonas Leben. „Die Schule war vielleicht nicht ganz so mein Ding, ich bin auch sitzengeblieben, aber es hat keiner geschimpft“, sagt er in der Ich-Perspektive des 16-Jährigen. Was erklärt, warum er gemeinsam mit dem mutmaßlichen Täter in einer Klasse war. Auch eine Freundin des Jungen kommt zu Wort: „Wir hatten eine besondere Bindung, konnten immer rumalbern, und wenn wir zusammen Fußball gespielt haben, hatte ich keine Chance gegen dich“, sagt sie.

Viele Fußballfreunde sind gekommen, manche weinen

Immer wieder geht es ums Fußballspielen. Auch ein Achtklässler, der schon früher zur Trauerfeier kommt, um noch etwas vorzubereiten, kennt Jona vom SV Rothemühle 1959, seinem Fußballclub. „Wir waren im selben Fußballverein“, sagt der kleine Junge mit dem roten Haar. „Ich bin gut mit Jonas Bruder befreundet.“

Auch andere Fußballkollegen sind betroffen, manche weinen. In ihrer Trauer bekommen sie Unterstützung von Bundesliga-Trainer Julian Nagelsmann vom TSG Hoffenheim, der sich mit einer Videobotschaft an sie und die Angehörigen wendet. Das Video postete der Trainer bei Facebook, zu Beginn der Trauerfeier wurde es eingespielt. „Die Gewalt, der Hass, das Unverständnis, das Jona jetzt aus dem Leben gerissen hat, darf nicht der Begleiter sein. Nehmt euch Zeit für Gespräche. Das ist das Schöne an einer Mannschaft, dass immer jemand neben euch steht“, sagte der Fußballer, der im Alter von 20 Jahren seinen Vater verloren hat.

Gefühlt ganz Wenden beobachtet an diesem Dienstagnachmittag die Beisetzung, für die extra durch die Feuerwehr verschiedene Straßen abgesperrt wurden – manche aus nächster Nähe, manche von weiter weg. Zu letzteren gehört eine Mutter mit ihrem Sohn, sie haben sich auf der anderen Straßenseite neben einem Auto positioniert: „Mein Sohn ist mit Jona in einen Mathekurs gegangen“, sagt die Frau mit den blonden, kurzen Haaren. Sie selbst habe ihn nicht gekannt.

Unzählige Kerzen und Blumen auf dem Schulhof

Währenddessen sieht die Gesamtschule, die Jona und der Täter besuchten, bereits am Mittag wie ausgestorben aus. Waren dort am Montag noch Polizisten, welche die Schüler vor Schaulustigen abschirmten, waren am Dienstagmittag weder Polizei zu sehen noch viele Schüler. Manche waren wohl noch im Unterricht, manche schon zu Hause. „Der Unterricht am Nachmittag fällt wegen der Trauerfeier aus“, sagt der stellvertretende Schulleiter Dieter Karrasch.

Die Homepage der Schule ist immer noch inaktiv, allein eine Trauerbekundung und ein Hinweis auf psychologische Betreuung sind dort zu finden. Nur in einer Ecke des Schulhofes ist eine Traube aus etwa fünfzehn Schülern zu entdecken. Sie stehen vor unzähligen roten Kerzen, Blumen und Briefen, die an Jona erinnern, und nehmen Abschied.

Von Hannah Scheiwe/RND

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