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Panorama Wie halten Sie es mit der Religion, Matthias Matschke?
Nachrichten Panorama Wie halten Sie es mit der Religion, Matthias Matschke?
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22:00 01.03.2019
Matthias Matschke bei der Aufzeichnung der WDR-Talkshow Kölner Treff. Quelle: Krick/Future Image/Imago

Herr Matschke, bei guten Komikern schwingen nicht selten Menschlichkeit und Melancholie mit. Man sagt: „Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid.“ Können Sie mit diesem Satz etwas anfangen?

Ja. So ist es. Da ist viel Leidensbewältigungsarbeit im Spiel. Es wird bei guter Komik immer auch die dunkle Seite mit angesprochen – und zwar vorsätzlich. Man lacht quasi über dem Abgrund. Witz ist ja nicht erst seit Freud im Grunde die Bewältigung der Dunkelheit.

Sprechen wir über Professor T. aus der gleichnamigen ZDF-Reihe. Die dritte Staffel läuft am 8. März an. Der Mann hat eine Meise. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesem Jasper Thalheim?

Der ist mir nicht ganz koscher, aber unser Verhältnis ist trotzdem gut. In der neuen Staffel geht es viel um Sex und Kampf. Es kommt zu ungeahnten Körperkontakten in verschiedenster Form. Wir haben viel Spaß gehabt, uns das auszudenken.

Professor T. ist ja nicht nur komisch. Ihn umweht auch eine gewissen Tragik. Er nervt und tut einem gleichzeitig leid. Könnten Sie privat mit ihm befreundet sein?

Das bezweifle ich. Ich glaube, dass der eine unüberwindbare Störung hat. Ich weiß nicht, was die Frauen an dem finden. Und als Mann würde ich immer fragen: Was soll man mit dem? Was will der eigentlich? Den intellektuellen Schwanzvergleich kann man auch vergessen – den wird er gewinnen. Der T. ist sich selbst zu viel und zu wenig zugleich. Dem ist auf Erden nicht zu helfen.

Sie spielen oft schief ins Leben gebaute, mehr oder weniger verzauselte Typen. Und dann sind sie zum Beispiel im Paardrama „Südstadt“ plötzlich ein tieftrauriger, enttäuschter Akademiker oder ein stringenter Ermittler wie im Magdeburger „Polizeiruf“. Nervt das manchmal, wenn alle Welt einen hauptsächlich für lustig hält? Wegen „Ladykracher“, „Pastewka“ und „Sketch History“?

Falsch eingeschätzt zu werden ist ein Vorteil. Das habe ich auch beim „Polizeiruf“ in Magdeburg gemerkt. Die Stadt hat keinen allzu guten Ruf – dabei ist es eine ganz tolle Stadt, in der man viel lernen kann. Ich weiß einfach, dass ich in beiden Häfen zu Hause bin. Ich muss akzeptieren, dass mich manche Leute nur von da kennen und nicht von da.

Ihr Genre heißt „Schauspiel“ und nicht „Komik“.

So ist es. Ich glaube, die Skeptiker sind nach „Helen Dorn“ verstummt. Danach konnte keiner mehr etwas sagen. Und „Der Fall Barschel“ war dann ja auch nicht durchgehend lustig.

Können Sie sich eigentlich selbst gut herausfordern, oder brauchen Sie Menschen, die sagen: Du kannst das?

Ich bin mir immer sicher, dass ich etwas nicht kann. Ich denke immer: Das schaffst du nie, du bist so schlecht, was hast du dir da zugemutet?! Aber ich fordere mich dennoch heraus. Bei „Professor T.“ zum Beispiel habe ich Kampfkunsttechniken neu erlernt. Solche Fertigkeiten dienen mir als eine Art trojanisches Pferd: Ich lerne dabei en passant ganz neue Eigenschaften der Figur kennen.

Sind Sie bei der Arbeit großzügig mit sich?

Überhaupt nicht. Ich kann es nicht ertragen, wenn ich schludere! Ich glaube aber nicht, dass Szenen beim Dreh besser werden, wenn man sie wiederholt. Das muss schon schnell gut sitzen. Es ist der Moment, der entscheidet. Wenn man es noch mal macht, wird es oft hohler. Die Unschuld des ersten Augenblickes ist das große Geheimnis unserer Kunst.

In der neunten Staffel von „Pastewka“, die Amazon kürzlich veröffentlich hat, ist die unschuldigste Figur ja die des von Ihnen gespielten Halbbruders Hagen. Es gibt großartige Momente, wenn Hagen seine Familienbesoffenheit zelebriert.

Ja. Im Grunde ist Hagen derjenige, der alle Säume, die da auseinanderliegen, wieder zusammennähen will. Der ist nur glücklich, wenn er alle zusammenbringen kann. Und das schafft er auch auf diesem „Schloss Veganistan“, wie Bastian es einmal nennt.

Familienfoto bitte! Matthias Matschke (rechts) in „Pastewka“. Quelle: Brainpool

Sie haben Deutsch und Religion studiert. Einfache Frage: Warum?

Weil ich aus einer Lehrertradition komme. Meine Mutter war Lehrerin, mein Großvater war Lehrer. Und ich war ein sehr spießiger Geselle und dachte, man macht eben das, was alle gemacht haben. Ich hatte aber auch Freude an der Idee zu unterrichten – gerade Religion. Das war für mich das befreiendste Fach in der Schule, weil dort alles stattfand, was sonst nur en passant zur Sprache kommt. Das hing ganz klar mit dem Lehrer zusammen: Mein Religionslehrer war Arnulf Zitelmann, der Theologe und Philosoph. Kürzlich habe ich ihn wiedergetroffen, 88 Jahre ist er jetzt alt. Zuletzt hat er ein 1000-seitiges Buch über Johannes Kepler geschrieben. Wir haben damals über alles, alles, alles gesprochen, was das Menschsein ausmacht. Über die religiöse Komponente, über Dorothee Sölles Ansatz „Atheistisch an Gott glauben“.

Was hat Sie an Ihrem Lehrer denn so fasziniert?

Diese Gespräche haben mich und alle anderen Schüler total in den Bann gezogen. Ich hatte Lust, mich auf diese Spur zu begeben und auch so ein Ritter für die Freiheit zu werden. Dass es um Religion ging, war da fast nebensächlich. Wir übten das konsequente, freie Denken – bis hinein in die Position des anderen. Das ist die Voraussetzung, um frei sagen zu können: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Das war unsere Hauptaufgabe: zu erkennen, was das Menschsein für einen Wert besitzt. Im Moment würde ich mir wünschen, dass das Bewusstsein dafür wieder mehr in den Vordergrund geriete.

Welche Rolle kann dabei die Religion spielen?

Als erstes würde ich jeder Religion vorschreiben wollen, dass sie ihren Alleingültigkeitsanspruch aufgibt. Das müsste das neue Credo sein. Arnulf Zitelmann spricht von der „Prozesstheologie“; er ist der Überzeugung, dass Religion ein Prozess ist, der sich nicht aufhalten lässt – wie sollte das auch gehen? Und auch ich glaube fest daran, dass Religion in Bewegung ist. Dass zum Beispiel der Vernunftanteil steigt und sich das Bewusstsein dafür, was den Wert des Menschen ausmacht, nicht in Rankingshows ausdrückt, sondern in der simplen Tatsache, dass er existiert – und allein deshalb schon über Würde verfügt. Das ist etwas verloren gegangen. Und ich denke, dass Religion das gut beschreiben könnte: dass man eine grundsätzliche Akzeptanz des Menschen voraussetzen muss. Einfach, weil es ihn gibt. Das hat zum Beispiel automatisch zur Folge, dass man ihn nicht umbringen darf.

Aber zum Wesenskern vieler Religionen gehört die Abgrenzung?

Das stimmt. Das Judentum ist ein exklusiver Kreis, für den man sich, falls man nicht dazugehört, sehr aufwendig bewerben muss. Das Christentum hat sich auch nicht gerade sehr höflich verhalten in der Anwerbung, der Islam genauso wenig. Und der Buddhismus ist zwar keine Eroberungsreligion, aber trotzdem sehr expansiv – obwohl der bei uns ja immer als friedliche Tchibo-Wellness-Religion gesehen wird. Die große Frage lautet am Ende: Wie kann man jedem einzelnen Menschen die Möglichkeit zur Transzendenz geben, ohne ihm etwas vorzuschreiben und ohne andere dabei einzuschränken? Kant wäre schon mal ein guter Ansatz: Handle so, dass dein Handeln Allgemeingültigkeit haben könnte.

Wie halten Sie es denn mit der Religion?

Jemand hat mal über sein Verhältnis zu Gott gesagt: „Wir grüßen uns, aber wir reden nicht miteinander.“ Das finde ich eine sehr schöne Formulierung. Das nehme ich für mich auch so in Anspruch. Das ist der Stand der Dinge. Aber es kann sich alles immer ändern. Es ist eben ein Prozess. Man kann sich auf das Philosophische beschränken, etwa mit Kants Frage: Was kann ich wissen? Aber das reicht eben manchmal nicht. Das umschreibt noch nicht das Menschsein und all seine Möglichkeiten. Daher fragt Kant auch noch: Was darf ich hoffen? … Und findet keine Antwort.

Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke), die Ermittler des „Polizeiruf“ in Magdeburg, stehen angespannt vor dem Kommissariat. Quelle: MDR/Stefan Erhard

Hat denn der Beruf des Schauspielers die Hoffnungen erfüllt, die Sie an ihn hatten?

Mehr noch: Meine Hoffnungen haben mich überholt. Es ist mehr, als ich mir jemals erhofft habe. Ich habe mich dafür aus dieser Spießigkeit und Bürgerlichkeit herausentwickeln müssen, aus der ich komme. Mein Vater ist zwar ganz schön spießig, aber er ist auch meschugge – und zwar das gute meschugge. Der hat auch Quatsch im Kopf. Ich habe diese Lust am Absurden mitbekommen und kann sie jetzt ganz anders ausleben.

Wann haben Sie Ihre Spielleidenschaft entdeckt?

Ich bin in Südhessen aufgewachsen. 1992 ging ich nach Berlin und habe als allererstes Stück an der Volksbühne „Murx den Europäer!“ von Christoph Marthaler gesehen, eine heute legendäre Inszenierung. Und ich dachte sofort: Wenn ich so etwas einmal machen dürfte! Was man am Theater lernt, ist die Nachahmung des Menschen. Ich halte das nicht für ehrenrührig, wenn man das so nennt: Ich bin ein Nachmacher. Und das Imperfekte daran ist gerade das Positive. Dass ich eben nicht eins zu eins imitieren kann, macht das Geheimnis aus. Es ist ein Artefakt, bei dem der Fehler die Kunst ist. Und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich bei dieser Sache mitmischen darf.

Und dann haben Sie Anke Engelke getroffen …

Und zwar im Jahr 2000 bei den Dreharbeiten zum Film „LiebesLuder“ von Detlev Buck, in dem wir beide mitspielten. Und am Set hat sie mir von so einer Fernsehsache erzählt, die sie gerade mache, die heiße „Ladykracher“ – und ob ich denn auch so etwas mal probieren würde? Und ich habe gesagt: Ja, na klar. Dann passierte erst mal nichts. Und dann traf ich zufällig im Theater meinen damaligen Agenten, der sagte: Da kam so eine komische Anfrage, irgendeine Witzeshow, das haben wir abgesagt. Und ich sagte: Nein! Ich will das unbedingt machen. Das war der Anfang.

Ladykracher“ wird sicher nicht weitergehen – wie sieht es denn mit „Pastewka“ aus?

Da wird es eine zehnte und finale Staffel geben. Die neunte Staffel – die erste mit Amazon – war ja schon ganz anders als die davor, und das finde ich toll: dass man mit solchen in die Jahre gekommenen Figuren noch mal eine neue Ebene erreicht.

Sie sind leidenschaftlicher Fotograf. Können Sie mir erklären, was Sie an der Fotografie fasziniert?

Eigentlich mache ich beim Fotografieren, was ich immer mache: Menschen beobachten. Mich interessieren fast nur Menschen. Ich mag die Auseinandersetzung mit diesem Bild, das einem da entgegenkommt. Daraus ein Abbild zu machen, eine Imago, fasziniert mich. Bei bestimmten Situationen oder Szenen gibt es so einen Funken bei mir, bei dem ich Lust verspüre, das abzubilden. Entweder als Schauspieler. Oder eben als Fotograf.

Wenn wir an die Flut von digitalen Fotos denken, all die Instagram-Bilder und Optimierungs-Apps – sind es dann eigentlich goldene Zeiten für die Fotografie oder besonders düstere?

Nicht düster. Die Ästhetik wandelt sich einfach sehr stark. Aber das ist normal in diesem Medium. Es ist ex­trem in Bewegung, das war es schon immer – ob das eine Einlochkamera war oder dann eine Festbrennweite, die Schwarzweißfotografie mit Tiefenschärfe, dann die Farbfotografie: Alles, was wir heute als normal wahrnehmen, war irgendwann mal ein revolutionärer Schritt. Es waren alles eruptive Revolutionen. Und das ist bei Instagram-Filtern heute genauso. Daran stoßen wir uns jetzt zwar die Hörner ab, aber es ist der normale Gang der Dinge. Ich folge vielen Fotografen bei Instagram – und da sieht man trotz der Filter sofort, wer ein Auge hat und wer nicht.

Die dritte Staffel von „Professor T.“ läuft am 8. März an: Jasper Thalheim (Matthias Matschke), Daniel Winter (Andreas Helgi Schmid) und Anneliese Deckert (Lucie Heinze). Quelle: Martin Rottenkolber

Zur Person: Matthias Matschke

Das Fernsehen hat ihn bekannt gemacht, aber seine künstlerische Keimzelle ist das Theater: Matthias Matschke, geboren 1968 in Marburg, wuchs in Südhessen auf und bewarb sich nach dem Abitur an der Otto-Falckenberg-Schule für Darstellende Kunst in München – wo er abgelehnt wurde. Er studierte dann zunächst Deutsch und Religion auf Lehramt, bevor er im Alter von 24 Jahren an der Hochschule der Künste in Berlin ein Schauspielstudium begann.

Nach Engagements am Schauspiel Frankfurt und an der Volksbühne Berlin startete im Jahr 2000 mit Detlev Bucks Kinokomödie „LiebesLuder“ seine Filmkarriere. Hier war es auch, wo Matschke Anke Engelke kennenlernte – und Mitglied des Ensembles ihrer Sat.1-Sketchshow „Ladykracher“ wurde. Seit 2005 spielt er in Bastian Pastewkas Sitcom „Pastewka“ dessen Halbbruder Hagen.

Seit 2016 war Matschke zudem als Kriminalhauptkommissar Dirk Köhler an der Seite von Claudia Michelsen im „Tatort“ aus Magdeburg zu sehen, ist kürzlich aber ausgestiegen. Am 8. März (20.15 Uhr) startet im ZDF die dritte Staffel von Matschkes Reihe „Professor T.“ über den neurotischen Kriminalpsychologen Jasper Thalheim.

Von Imre Grimm

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