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Panorama Wie man das „Sekundenglück“ lernen kann
Nachrichten Panorama Wie man das „Sekundenglück“ lernen kann
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14:00 10.11.2018
„Es sind die einzigartigen tausendstel Momente – das ist, was man Sekundenglück nennt“, singt Herbert Grönemeyer – und trifft damit einen Nerv. Quelle: iStock
Hannover

Die Erinnerung ist noch sehr lebendig: Es war einer dieser wunderbaren Spätsommertage. Die Felder hinter unserem Haus waren in warmes, honiggelbes Licht getaucht, die Sonnenstrahlen brachen sich in den Blättern der Bäume. Ein leichter Wind ging – kein Mensch weit und breit, nur die Kinder, der Hund und ich und vor uns der See, der verheißungsvoll im Sonnenlicht glitzerte.

Es war nicht einfach irgendein See, sondern der, in dem man eigentlich unter keinerlei Umständen baden durfte. Wir hatten schon oft darüber gesprochen, die brütenden Vögel und man wisse ja schließlich auch nicht so genau, was sich alles unter der Wasseroberfläche verberge – wir schauten uns vielsagend an, keiner sprach ein Wort.

Nur Sekunden später hatten sich die Kinder ihre Schuhe ausgezogen und tapsten vorsichtig ins Wasser. Es dauerte kaum länger, ehe sich mein Sohn auch vom Rest seiner Kleidung befreit und ins Wasser gestürzt hatte. Der Hund tat es ihm gleich. Die Kleine quietschte vor Vergnügen.

Einer dieser besonderen Momente

Und ich stand da, an mein Fahrrad gelehnt, und konnte mein Glück kaum fassen: Eine unglaubliche Wärme flutete meinen Körper, alles schien plötzlich so leicht, der Alltag und mit ihm all die großen und kleinen Sorgen waren auf einmal unendlich weit weg. Wir hatten uns, diesen bezaubernden Ort, es war einer dieser Momente, der an Schönheit und Einzigartigkeit einfach durch nichts zu überbieten ist.

Es war einer jener Momente, den Herbert Grönemeyer in seinem Song „Sekundenglück“ so treffend umschreibt: „Und du denkst, dein Herz schwappt dir über / Fühlst dich vom Sentiment überschwemmt / Es sind die einzigartigen tausendstel Momente/ das ist, was man Sekundenglück nennt“.

Sekundenglück – der Begriff trifft die Empfindung so auf den Punkt, dass man sich für einen Moment fragt, warum man nicht selbst schon viel früher darauf gekommen ist, warum dieses unglaublich überwältigende Gefühl nicht vorher schon einen Namen hatte.

Natur und Ganz-bei-sich-Sein

Es sei die nervöse, unruhige Zeit gewesen, die ihn zu seinem neuen Album „Tumult“ inspiriert habe, sagte Grönemeyer erst kürzlich. Sein „Sekundenglück“ ist da ein Kontrapunkt. Das Lied widmet sich den leisen, intimen Momenten, dem großen Glück im Kleinen, ebenjenen „tausendstel Momenten“, wie wir einen davon an jenem Spätsommertag am See erlebt haben.

Dem Musikvideo nach, das Grönemeyer liebevoll um seinen Song gestrickt hat, haben diese Sekundenglückmomente tatsächlich viel mit der Natur und dem Ganz-bei-sich-Sein zu tun: Fans und Freunde hatte der Sänger über Facebook darum gebeten, ihm Videobotschaften zu senden, in denen deutlich wird, „wie es aussieht, wenn sie plötzlich vom Glück überfallen werden“. Die Resonanz dürfte selbst einen so lang schon vom Erfolg verwöhnten Menschen wie Grönemeyer überwältigt haben.

In unzähligen Videoschnipseln ist dort zu sehen, wie Menschen vom Glück beseelt am Strand die Meereslinie entlanglaufen, Kinder völlig enthemmt in einer Pfütze herumspringen, liebevolle Umarmungen vor großartigen Panoramen gibt es da und ein Mädchen, das ganz bei sich auf einer Schaukel, die an einem Ast baumelt, vor sich hin träumt – keine Spur von dicken Autos, prächtigen Villen und überkandidelten Zusammenkünften.

Die Skandinavier sind die Glücklichsten

„Die Sättigung im Außen, also in materiellen Dingen, ist längst da“, sagt Achtsamkeitstrainer Helmut Nowak. Der Wohlstand hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erhöht, gleichzeitig ist das Glücks- und Zufriedenheitsgefühl laut Nowak gesunken. Immerhin belegt Deutschland im aktuellen Weltglücksreport der Vereinten Nationen noch einen passablen 15. Platz, landet damit aber regelmäßig deutlich hinter den skandinavischen Ländern, die sich hartnäckig an der Spitze des weltweiten Rankings festgesetzt haben.

Die deutsche Glücksforscherin und Autorin Maike van den Boom ist im vergangenen Sommer von Bonn in die schwedische Metropole Stockholm gezogen. Stets dem Glück auf der Spur, hatte sie die skandinavischen Länder schon zuvor regelmäßig bereist und eine Ahnung davon bekommen, woher das stabil hohe „Lebensglück“ dort rührt: Vertrauen, die Freiheit, man selbst zu sein, Gemeinschaft und eine starke Verbundenheit zur Natur. Das, so van den Boom, sei ein guter Nährboden für das Sekundenglück und sei fernab materieller Errungenschaften zu finden.

Hier leben die glücklichsten Menschen der Welt Quelle: RND

Die Autorin spricht absichtlich nicht von Zufriedenheit, denn dieser Zustand habe etwas Behäbiges gehabt und das werde ihrer neuen Heimat und all den anderen Glücksländern, die sie bereist hat, nicht gerecht. Glück sei ein quirliges Würmchen, für das man durchaus etwas tun müsse.

Ein Gemeinschaftsgefühl zum Beispiel entstehe nicht von selbst. Das harsche Klima, sagt van den Boom, habe die Bewohner der skandinavischen Länder seit jeher dazu bewogen, zusammen Dinge in Angriff zu nehmen und dadurch soziale Kontakte intensiv zu pflegen. Und dafür strengt sich bis heute jeder an. „Das Vertrauensniveau ist extrem hoch“, sagt sie.

Karlheinz Ruckriegel, Professor für Volkswirtschaft und Glücksforscher an der Technischen Hochschule in Nürnberg, bestätigt van den Booms Einschätzung. Für Länder wie Deutschland beobachtet er einen gegenläufigen Trend. Denn wenn sich andererseits der Schwerpunkt auf die negativen Gedanken und Gefühle richte, dann sei oftmals ein Tunnelblick die Folge. Entwicklungshistorisch sei das zwar lange sinnvoll gewesen, denn „die Ängstlichen haben überlebt“. Heute aber müsse die Gesellschaft sich fragen, ob diese stärkere Gewichtung der negativen Gefühle überhaupt noch sinnvoll sei.

Wichtig ist eine klare Vorstellung vom Weg zum Glück

Glück, glaubt Ruckriegel, kann man lernen. Doch dafür müsse man raus aus dem Tunnel, offen sein und eine klare Vorstellung vom Weg zum Glück haben, sprich sich realistische und sinnvolle Ziele setzen. Sinnhaft ist nach Ansicht des Glücksexperten, „die psychischen Grundbedürfnisse zu stärken“: das persönliche Wachstum, die sozialen Beziehungen und die Beiträge zur Gesellschaft. Unweigerlich kommen einem da wieder die Skandinavier in den Sinn.

Und das Sekundenglück, welche Rolle spielt das? Van den Boom glaubt, dass „die Zehner“, wie sie das „Sekundenglück“ auch nennt, viel damit zu tun haben, wie sehr es einem gelingt, man selbst zu sein. Das ist es wohl, was Grönemeyer mit „Ich sehe mir heute verdammt ähnlich“ meint. Achtsamkeitstrainer Nowak bringt es auf den Punkt: „Es geht darum, den Fokus auf das Jetzt zu richten, es zu würdigen und es so unmittelbar zu erfahren, kurzum um das Glück im Sein.“

In der Natur, glaubt van den Boom, gelingt das besonders gut. Seitdem sie als Folge ihrer Recherche zu ihrem neuen Buch „Acht Stunden mehr Glück“ in Schweden lebe, sei sie viel häufiger draußen unterwegs, weil sie sich ihrer Umgebung angepasst habe: Die Skandinavier gehen bei jedem Wetter raus. „Das Rausgehen und die Bewegung erden auch mich.“ Beim Anblick der Schären etwa, dieser kleinen felsigen Inseln rund um Stockholm, überkomme sie immer wieder dieses unglaubliche Glücksgefühl.

Es braucht den Sand im Glücksgetriebe

Gleichzeitig warnt van den Boom aber auch davor, sich allzu sehr auf die ganz besonderen Glücksmomente zu fokussieren. Es gäbe einen Grund, weshalb wir sie nicht ständig erlebten: „Stellen Sie sich vor, Sie wären ständig frisch verliebt. Sie würden wahnsinnig werden!“ Es braucht den Sand im Glücksgetriebe in Form von Krisen und Herausforderungen, um diese Zehnermomente wertschätzen zu können.

Volkswirt Ruckriegel formuliert es nüchterner: Wenn das Verhältnis von positiven und negativen Gefühlen bei 3:1 im Tagesdurchschnitt liegt, dann kann von subjektivem Wohlbefinden die Rede sein. Seine Empfehlung ist das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs: Das lasse das Negative in den Hintergrund rücken und stärke die positiven Emotionen.

„Und du denkst, dein Herz schwappt dir über, fühlst dich vom Sentiment überschwemmt ... das ist es, was man Sekundenglück nennt“, singt Grönemeyer. Die Szene am See, das war so ein Moment.

Von Carolin Burchardt

In unruhigen Zeiten braucht es einen Kontrapunkt. Mit seinem Hit „Sekundenglück“ hat Herbert Grönemeyer den Nerv der Zeit getroffen und einem übermächtigen Gefühl einen Namen gegeben: Sein „Sekundenglück“ ist zugleich eine Besinnung auf das große Glück im Kleinen.

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