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Panorama Wovor haben Sie Angst, Reinhold Messner?
Nachrichten Panorama Wovor haben Sie Angst, Reinhold Messner?
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14:00 03.11.2018
Früher brauchte Reinhold Messner gutes Wetter zum Bergsteigen – heute als Regisseur für den Filmdreh. Ein Gespräch über Abenteuer, Gefahr und Freiheit. Quelle: Laurens Hollandse Hoogte/imago

Sie haben sich auf Ihren Abenteuern immer wieder in Lebensgefahr gebracht. Wovor haben Sie Angst?

Ich habe keine üblichen bürgerlichen Ängste. Ich habe aber vor den großen Abenteuern durchaus Furcht gehabt. Die Vorstellung, dass wir blindlings in die Gefahr laufen, ist völlig falsch. Wir sind vorsichtig. Ich hätte oft umkommen können, aber ich habe das vermieden. Das ist ja die Kunst. Die Menschen, die sich für unsterblich halten, bleiben es am Berg nicht lange.

Sind Sie deshalb für eine genaue Vorbereitung bekannt? Sie haben vor der Durchwanderung der Antarktis Ihren Gaskocher hundertmal auseinandergebaut, um ihn im Notfall selbst reparieren zu können.

Ja. Es darf keine Frage mehr geben, auf die ich keine Antwort habe. Trotzdem kann ein Sturm mal nicht wie erwartet 150 Stundenkilometer blasen, sondern 300 Stundenkilometer. Dann wird es kritisch, da fliege ich mit dem Zelt weg.

Sie haben so eine Situation erlebt, und dabei kamen Ihnen am Berg die Schuhe abhanden.

Ja, am Kangchendzönga, da hat ein Sturm uns um 5 Uhr früh das Zelt zerrissen. Dann fliegen die Sachen, die schweben. Und wenn dein Zeug wegfliegt, dann kommst du vom Berg nicht mehr gut runter.

Sie haben Ihre Schuhe aber rechtzeitig wiedergefunden ...

Ja, sonst wäre ich heute nicht hier.

Gehört die Lebensgefahr nach Ihrer Definition zum Abenteuer dazu?

Ja, ein Abenteuer ist schwierig, es ist gefährlich und man selbst exponiert, also weit weg von jeder Sicherheit.

Die Vorbereitung muss also hundertprozentig sein, aber gleichzeitig bedingt ein Abenteuer für Sie die Abwesenheit von Sicherheit?

Wenn die innere Sicherheit hundertprozentig ist, dann brauche ich keine Sicherung. Sicherheit ist eine subjektive Geschichte, die Sicherung hingegen ist eine Geschichte von außen. Es wird bei den Touren jetzt ja auch vielfach wieder alles abgesichert, sodass man nicht mehr runterfallen, aber sofort ins Basislager gehen kann. Da ist die Exposition minimiert. Meine Vorstellung von Alpinismus aber bedeutet da hinzugehen, wo man nicht hingehört.

Aber warum verzichten einige Bergsteiger wie auch Sie damals bewusst auf Sauerstoff oder andere Hilfsmittel? Das ist doch ein Spiel mit dem menschlichen Leben.

Zum Alpinismus gehört eine Periode, die sich allerdings nicht mit Erfolg durchgesetzt hat. Damals hat man auf Bohrhaken oder auf Sauerstoffgeräte verzichtet. Heute gibt es eine ganz andere Entwicklung: Wenn wir heute alle technischen Tricks einsetzen, um einen Gipfel zu erreichen, dann können Sie morgen in den Hubschrauber steigen und auf den Nanga Parbat fliegen. Aber ist das noch Bergsteigen? Es gibt dafür keine Regeln, aber es gibt eine Haltung.

Welches war die größte Gefahr während Ihrer Abenteuer?

Das war eindeutig die Tragödie beim Abstieg vom Nanga Parbat. Die ganze Geschichte ist aus welchen Gründen auch immer so aus dem Ruder gelaufen, dass wir tagelang im Sterbemodus waren. Wir waren beide sicher: Wir kommen hier nicht raus. (Anm. der Redaktion: Reinhold Messner erreichte 1970 gemeinsam mit seinem Bruder Günther den Gipfel, beim Abstieg starb Günther Messner).

Hatten Sie damals Todesangst?

Nein, solange noch Hoffnung da ist, funktioniert der Körper. Der Geist tut alles, um das Leben zu retten. Und die Ängste werden weniger. Wenn es dann zum Sterben kommt und es eine Übergangszeit zwischen Leben und Tod gibt, dann lässt man sich in den Tod fallen. Da ist man damit einverstanden, weil es keine Lösung gibt.

Reinhold Messner in einer Szene des Kinofilms "Messner". Quelle: movienet/dpa

Was haben Ihnen Ihre Abenteuer gegeben, dass Sie diese Todesgefahr auf sich genommen haben?

Ich hatte mehrere Motivationen dafür. Und die Leute, die das noch tun, haben alle ihre Gründe. Diese Motivationen sind alle gleich wertvoll, alle gelten. Aus welchen Gründen jemand auf einen Berg steigt, ist mir völlig gleich. Nur Ausreden brauche ich keine. Wenn die Leute sagen: „Ich steige auf den Kilimandscharo, um Herzkranke zu retten“, dann sage ich: „Nein, dann lerne Arzt und operiere.“

Welches war Ihre Motivation?

Das Spiel weiterzutreiben. Ich habe emotional davon gelebt, das, was die Generation vor mir als unmöglich erklärt hat, möglich zu machen. Das ist mir gelungen.

Sie sind jetzt 74 Jahre alt. Steigen Sie noch auf Berge?

Ja, aber nicht mehr auf so steile und so hohe. Als nächstes fahre ich nach Nepal. Dort gehe ich bis ins Basislager des Mount Everest und besteige mit einer Freundesgruppe einen Fünftausender, vielleicht auch einen Sechstausender. Wir sind ältere Herrschaften und spazieren dahin. Es wird eine anstrengende Geschichte, aber es tut mir gut. Dann fahre ich nach Patagonien zum Filmen, da werden wir auch auf Berge steigen, aber es wird in erster Linie gefilmt. Wir gehen einer Geschichte nach, die 1959 gelaufen sein soll, und suchen sie aufzuklären. Der Film ist wie ein Krimi gemacht.

Träumen Sie jetzt im Alter noch von den großen Abenteuern?

Nein, jetzt träume ich nur davon, wie wir es schaffen, in Patagonien in zwei Wochen alle Bilder in die Kamera zu kriegen, die ich als Regisseur brauche, um die Geschichte zu erzählen.

Heute also filmen Sie. Haben Sie sich früher als Abenteurer verstanden?

Ich war natürlich mit 16 in meiner Vorstellung schon ein Abenteurer. Aber ich habe den Ausdruck dann wieder abgegeben, weil inzwischen ja alles Abenteuer ist. Die werden inzwischen sogar im Reisebüro verkauft. Aber ein Abenteuer ist nicht organisierbar.

Hängt das nicht vom Menschen ab? Ich habe vor Kurzem einen rundum abgesicherten Klettersteig absolviert. Und für mich war das ein riesiges Abenteuer.

Das ist völlig legitim. Gerade wenn Sie weniger Erfahrung haben, erleben Sie das so. Ein Abenteuer kann man auf einer ganz einfachen Kletterroute erleben, am Mount Everest, auf einer schwierigen Wand. Ein Abenteuer darf aber nicht alles inklusive im Reisebüro verkauft werden.

Wären Sie heutzutage ein junger Bergsteiger, was würde Sie reizen?

Ich weiß ein paar Dinge, die an der Grenze des heute Machbaren sind. Die Masherbrumwand ist eine sehr schwierige Wand im Karakorum, die gefährlich ist. Schon zweimal haben die besten Kletterer versucht, sie es zu bezwingen – und es ist nicht gelungen. Das ist also noch ein unmögliches Abenteuer. Für die Besten bedeutet unmöglich, dass sie viele Fragen zu lösen haben und ein großes Risiko eingehen. Sie erleben etwas und nehmen den Tod in Kauf.

Ist es das Risiko wirklich wert?

Das sind die großen Fragen. Unser Tun als Bergsteiger war unseren Angehörigen gegenüber nicht zu verantworten. Aber man konnte mir das nicht verbieten, denn ich entscheide selbst über mein Leben.Trotzdem bin ich aber ja nicht allein auf der Welt. Es gibt im Leben Eltern, Frau, Kinder, aber ich habe das trotzdem getan.

Weshalb?

Weil es mein Leben war. Ich habe eben anders gelebt als viele andere. Man hat mich dafür beschimpft, und das ist auch verständlich. Wenn die Leute heute kommen und sagen: „Ist dir eigentlich bewusst, was du deinen Angehörigen angetan hast?“, dann sage ich: „Hoffentlich einigermaßen. Aber trotzdem hatte ich das Recht, mein Leben selbst zu gestalten.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel wandert 2006 während ihres Urlaubs zusammen mit Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner auf den Monte Rite zum Messner Mountain Museum. Messner erklärte der Kanzlerin bei der Wanderung die Gipfel der Dolomiten die den Monte Rite umgeben. Quelle: Matteo Villanova/dpa

Zur Person: Reinhold Messner

Schon als Fünfjähriger begann Reinhold Messner mit dem Bergsteigen. Er wurde 1944 in Südtirol in Italien geboren und hat seit 1969 mehr als hundert Reisen in die Gebirge und Wüsten dieser Erde unternommen. Dabei gelangen ihm viele Erstbegehungen, die Besteigung aller 14 Achttausender und eine Längsdurchquerung Grönlands. Ihm ging es dabei vor allem darum, möglichst unberührten Naturlandschaften ausgesetzt zu sein, unterwegs mit einem Minimum an Ausrüstung.

Messner ist von diesem Monat an auf Vortragsreise durch Deutschland, unter anderem in Berlin, Halle (Saale) und Lübeck zu Gast. Er berichtet unter dem Titel „Wild – der letzte Trip auf Erden“ über eine der spannendsten Abenteuergeschichten der Menschheit: Der Polarforscher Sir Ernest H. Shackleton will vor mehr als 100 Jahren zu Fuß die Antarktis durchqueren. Frank Wild ist sein zweiter Mann und wird der heimliche Held des Überlebenskampfes. Mit seinem Live-Vortrag würdigt Messner vor allem ihn.

Nachdem das Forscherschiff „Endurance“ vom Packeis eingeschlossen wird, steckt sie einen Winter lang im Weddell-Meer fest. Im Frühjahr wird sie schließlich von den Eispressungen zerstört und sinkt. Drei Monate lang driften die 27 Männer auf dem Eis nordwärts. Als ihre Scholle zerbricht, rudern die Männer auf drei kleinen Rettungsbooten fünf Tage und Nächte lang, bis sie eine einsame, eisige Insel erreichen.

Erstmals nach 20 Monaten haben sie wieder festen Boden unter den Füßen. Shackleton lässt die Mannschaft unter der Führung von Wild zurück. Mit einem Ruderboot und einem kleinen Team will er versuchen, Hilfe zu holen. Nach drei Wochen bricht auf Elephant Island Panik aus.

Als Stellvertreter von „Shack“ gelingt es dem klugen Wild, das Vertrauen auf Rettung aufrecht zu erhalten, Tag für Tag Hoffnung zu vermitteln – einen ganzen antarktischen Winter lang. Messner lässt dieses historische Abenteuer bei seinem Vortrag lebendig werden. Er zeigt historische Film- und Fotoaufnahmen und ergänzt sie durch persönliche Erlebnisberichte.

Es waren Messner und Arved Fuchs, denen es vor knapp 30 Jahren gelang, Shackletons Expedition zu vollenden. In 92 Tagen durchquerten sie als erste zu Fuß die Antarktis. Mehr als 1000 Kilometer legten sie dabei zurück, ohne Motorschlitten oder Hunde. Am 12. Februar 1990 beendeten sie eine Expedition, die bis dahin niemand für möglich hielt.

Messner hat acht Geschwister. Sein jüngerer Bruder Günther Messner starb 1970 bei der Besteigung des Nanga Parbat in Pakistan. Die genauen Todesumstände waren umstritten, Knochenfunde sprachen jedoch für die Version von Reinhold Messner, dass sein Bruder beim Abstieg über die Diamirseite ums Leben kam.

Reinhold Messner hat sein Leben in verschiedenen Phasen eingeteilt. Er sagt: „Ich habe als Felskletterer angefangen, dann war ich Höhenbergsteiger, dann Grenzgänger. Schließlich wurde ich Forscher, dann Politiker, dann Museumsgestalter, 20 Jahre lang. Jetzt mache ich Filme, die Museen habe ich abgegeben.“

Das Dokudrama „Still Alive – Drama am Mt. Kenya“ aus dem Jahr 2016 etwa erzählt die Geschichte von zwei Innsbrucker Medizinstudenten, von denen einer 1970 am Mt. Kenya verunglückte. Im Zentrum steht die spektakuläre Rettungsaktion.

Früher stellte der 74-Jährige sich die Frage, ob es gutes Wetter gibt, um den Berg besteigen zu können. Heute ist er immer noch auf das richtige Wetter angewiesen – allerdings als Regisseur für den Filmdreh.

Tickets für die Vorträge gibt es unter www.messner-live.de

Von Sven Wehde

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