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Deutschland / Welt Apokalypse mit Ansage in Idlib
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09:06 06.09.2018
Mutter aller Schlachten“: Seit Jahren gilt Idlib Quelle: Foto: Michael Klimentyev/Sputnik/dpa
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Tunis/Damaskus

Es ist ein Drama mit Ansage: Die Vereinten Nationen befürchten ein Blutbad, 800 000 neue Flüchtlinge und ein humanitäres Desaster, wie es das selbst in Syrien bisher noch nicht gab. US-Präsident Donald Trump warnt vor Hunderttausenden von Toten. Mit der heraufziehenden Schlacht um Idlib mündet der syrische Bürgerkrieg in sein katastrophales Finale.

Der Weltsicherheitsrat tritt Freitag zusammen, während zu gleicher Stunde die Präsidenten von Russland, dem Iran und der Türkei in Teheran über das Schicksal der letzten Rebellenbastion entscheiden. Das Assad-Regime hat in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, dass es das von einer undurchsichtigen Rebellenallianz kontrollierte Gebiet zurückerobern will, „koste es, was es wolle“. Auch Russland, die Schutzmacht Assads, spricht von einer Eiterbeule, die entfernt werden muss. Die Türkei betrachtet die Nordregion zwar als ihre Einflusszone, fühlt sich aber ebenfalls von der massiven Präsenz der Al-Kaida-Ex­tremisten in der Stadt bedroht. Auch wenn die USA nun deutlich vor einer humanitären Katastrophe gewarnt haben, scheint das Schicksal der Stadt bereits besiegelt.

Idlib, letzte Hochburg der Rebellen: Die aktuelle Lage in Syrien. Quelle: Dpa

Die humanitäre Lage in Idlib ist schon heute besorgniserregend. In der letzten Hochburg der Assad-Gegner leben gut drei Millionen Menschen, rund eine Million von ihnen sind Kinder. Die Hälfte der Bevölkerung sind Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens, die sich in den Wirren des Krieges in die Enklave gerettet haben. Hunderttausende leiden unter erbärmlichen Umständen, leben in Zeltlagern – und warten nun voller Angst auf die nächsten Tage und Wochen.

Syrer versuchen einen Brand nach einem Luftangriff im Bezirk Jisr al-Shughur in der Provinz Idlib zu löschen. Russische Kampfflugzeuge sollen die von den Rebellen kontrollierte nordwestliche Provinz Idlib am 4. September zum ersten Mal seit drei Wochen angegriffen haben, berichtete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Quelle: AFP

Gleichzeitig beherbergt Idlib die bisher höchste Konzentration an bewaffneten Aufständischen. Von den geschätzten 40 000 bis 70 000 Kämpfern gehört knapp die Hälfte zur Al-Kaida-nahen Hayat Tahrir Sham (HTS). Diese Dschihadisten, in deren Reihen viele Ausländer kämpfen, lehnen Verhandlungen ab und bereiten sich auf die „Mutter aller Schlachten“ vor. Sie kontrollieren 60 Prozent der Provinz, sprengten Brücken und legten Befestigungswälle an, um den Vormarsch der Assad-Armee zu erschweren.

Unter dem Eindruck der drohenden Regimeoffensive schlossen sich Anfang August alle Nicht-Al-Kaida-Kämpfer zur Nationalen Befreiungsfront (NLF) zusammen, einem vom nördlichen Nachbarn Türkei unterstützten Kampfverband. Dessen ideologische Bandbreite reicht von der moderaten Freien Syrischen Armee über Muslimbrüder-Brigaden bis zu harten, nationalistischen Salafisten.

Ein Großteil der Zivilisten jedoch könnte in den nächsten Wochen zwischen die Fronten geraten. „Hier gibt es sehr viel mehr Babys als Terroristen“, sagt Jan Egeland, Chef der UN-Katastrophenhilfe in Syrien. „Wir appellieren an die Vernunft.“ Der Vernunft stehen allerdings handfeste nationale Interessen der großen vier Akteure auf dem Schlachtfeld Syrien entgegen.

Russlands Präsident Wladimir Putin. Quelle: AP

Russlands Strategie: Moskau inszenierte sich zunächst als Mittler, der als einziger noch das Blutvergießen von Idlib verhindern könnte. Dazu bot Präsident Wladimir Putin bei seinem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel vor knapp drei Wochen auf Schloss Meseberg an, seinen Schützling Assad von einer offenen Feldschlacht abzuhalten – allerdings nur, wenn Europa dafür im Gegenzug die ersten Milliarden für den Wiederaufbau lockermacht. Damals ließ er seinen Sondergesandten für Syrien, Alexander Lavrentiev, erklären, eine Großoperation in Idlib stehe nicht zur Debatte. Die Kanzlerin aber beharrte auf der Brüsseler Linie – ohne einen glaubwürdigen politischen Übergangsprozess in Syrien werde kein Geld fließen. Gleichzeitig gab sie dem Kremlchef zu verstehen, eine millionenfache Rückkehr von Flüchtlingen aus Europa und den Nachbarstaaten Libanon, Jordanien und Türkei sei nur zu verantworten, wenn die Menschen sich ihres Lebens unter Assad sicher sein könnten. Nach dieser Abfuhr drehte sich die Moskauer Rhetorik. Russlands Außenminister Sergei Lawrow nannte die Rebellenprovinz eine „Eiterbeule, die entfernt werden muss“. Die syrische Armee stünde bereit, das Terroristenproblem zu lösen, hieß es aus dem Kreml. Die Führung in Damaskus habe jedes Recht, die Terrorbedrohung auf seinem Territorium zu eliminieren.

Nach drei Wochen Pause nahm die russische Luftwaffe am Dienstag dann auch ihre Luftangriffe wieder auf. Gleichzeitig verlegte Moskau zehn weitere Kriegsschiffe und zwei U-Boote ins östliche Mittelmeer. Sie sind mit Mittelstreckenraketen ausgerüstet, die jeden Ort in der Provinz Idlib treffen können.

Irans Präsident Hassan Rohani. Quelle: imago/Xinhua

Der Iran-Plan: Der Iran ist am Freitag Gastgeber des wahrscheinlich letzten Syrien-Gipfels vor Beginn der Offensive. Nach Teheran eingeladen hat Präsident Hassan Rohani Kremlchef Wladimir Putin und seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Irans Hardliner und ihre schiitischen Milizenverbände setzen auf einen totalen Sieg ihres Verbündeten Assad. Die moderateren Politiker jedoch wissen, neben einem Inferno von Idlib könnten selbst die Schrecken der Schlacht von Aleppo 2016 verblassen. Sollte es zur humanitären Katastrophe kommen, würde sich die Islamische Republik international weiter isolieren und auch ihre europäischen Partner, die bislang an dem Atomvertrag festhalten, gegen sich aufbringen. Und so versuchte Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif zuletzt, Befürchtungen zu zerstreuen. Man wolle Schäden für die Bevölkerung vermeiden und militante Assad-Gegner aus der Enklave vertreiben mit „möglichst geringen humanitären Kosten“.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Quelle: AP

Die Angst der Türkei: Der Türkei fällt als unmittelbarer Grenznachbar eine Schlüsselrolle zu, auch wenn Ankara die Offensive des Regimes, unterstützt von iranischen Bodentruppen und russischen Kampfflugzeugen, weder politisch noch militärisch abwenden kann. Zwölf Militärposten mit 1300 Soldaten, die mit Boden-Luft-Raketen ausgerüstet wurden, hat Ankara wie einen Ring um das Gebiet gelegt. Militärisch jedoch werden sie wenig ausrichten können. Präsident Erdogan fürchtet vor allem, der Vormarsch des Regimes könnte einen Massenansturm Verzweifelter auf das türkische Territorium auslösen, wohin sich in den vergangenen sieben Jahren bereits 3,5 Millionen Syrer geflüchtet haben. „Gott bewahre, wenn diese Gebiete mit Raketen beschossen werden, dann gibt es da ein sehr schlimmes Massaker“, sagte er gestern. Außenminister Mevlút Cavusoglu räumte am Wochenende in Moskau indirekt ein, Ankara habe keinen wirklichen Einfluss auf die Dschihadisten vor seiner Haustüre, und gab grünes Licht für eine Offensive. Seine Regierung verstehe die Sicherheitsbedenken Russlands in Idlib, erklärte er: „Die Kämpfer müssen von den Zivilisten getrennt und die Terroristen unschädlich gemacht werden.“ Wie das geschehen soll, dazu schwieg er.

US-Präsident Donald Trump. Quelle: AP

USA ohne Einfluss: Die heraufziehende Idlib-Schlacht erhöht auch das Risiko einer Konfrontation zwischen den USA und Russland. US-Präsident Donald Trump beschwor Moskau, ein militärisches Vorgehen zu stoppen. „Die Russen und Iraner würden einen schwerwiegenden humanitären Fehler machen, wenn sie bei dieser möglichen menschlichen Tragödie mitmachen“, twitterte der US-Präsident. „Hunderttausende Menschen könnten getötet werden. Lasst das nicht zu.“ Trumps Sicherheitsberater John Bolton drohte seinem russischen Kollegen Nikolai Patruschew an, sollte Assad erneut chemische Waffen einsetzen, werde Washington „sehr hart“ reagieren.

Dennoch lässt sich die Tragödie von Idlib wohl kaum noch abwenden. „Idlib ist nun das nächste Ziel“, kündigte Diktator Bashar al-Assad bereits im Juli an. „Das Ende ist nahe“, titelten Flugblätter, die Hubschrauber kürzlich im Norden Syriens abwarfen. „Nehmt unsere Versöhnungsofferte an“, beschwor das Regime die Bewohner. „Sie wird euch von der Herrschaft der Terroristen befreien, und das Leben eurer Familien retten.“ Seit vier Wochen rollt nun ein endloser Konvoi von Lastwagen, beladen mit Panzern, Geschützen und Munition, gen Norden. Auf dem Militärflughafen von Hama, 20 Kilometer von der Front entfernt, herrscht Hochbetrieb. Der Dreier-Gipfel am Freitag in Teheran wird diese massive militärische Dynamik wohl nicht mehr aufhalten. Experten gehen davon aus, dass Russland und der Iran mit der Türkei wahrscheinlich nur noch abstecken werden, in welchen Etappen dieses letzte Gemetzel des syrischen Bürgerkriegs ablaufen wird.

Von Martin Gehlen

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