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Deutschland / Welt „Wir brauchen flexiblere Arbeitszeiten“
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05:03 01.08.2018
Die Tourismusbranche wird unterschätzt, meint Thomas Bareiß, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Quelle: EPA
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Berlin

Flexiblere Arbeitszeiten und gleiche Rahmenbedingungen für den Wettstreit mit Anbietern wie Airbnb – das fordert das Bundeswirtschaftsministerium zum Schutz der Tourismusindustrie. Die Branche boomt, nicht zuletzt immer mehr Chinesen entdecken Deutschland als Urlaubsziel.

Herr Bareiß, Sommerzeit ist Reisezeit - wie geht es der deutschen Tourismus-Wirtschaft?

Dem deutschen Tourismus geht es sehr gut, wir verzeichnen in diesem Jahr wieder Rekordzahlen. Vor allem aus dem Ausland kommen immer mehr Gäste zu uns. Die Zahl der chinesischen Besucher in Deutschland etwa ist allein im vergangenen Jahr um 10,6 Prozent gewachsen. Die besuchen nicht nur Neuschwanstein und die Großstädte sondern zunehmend auch ländliche Regionen an den Küsten oder in den Bergen. Ich finde, das ist ein toller Erfolg einer Branche, die viele als Wirtschaftsfaktor immer noch nicht ernst nehmen.

Wie bedeutend ist der Wirtschaftsfaktor Tourismus?

Sehr! Drei Millionen Beschäftigte arbeiten in der Tourismuswirtschaft. Das sind mehr Menschen als im Automobilbau oder in der chemischen Industrie. Die Wertschöpfung liegt bei 105 Milliarden Euro, was einem Anteil von etwa 4 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland entspricht. Es ist schade, dass wir angesichts solch erfreulicher Zahlen so wenig über Tourismus als Wirtschaftszweig diskutieren. Auch die Probleme dieser Branche nimmt kaum jemand wahr.

Wo drückt der Schuh?

Es wird für Hotels und Gaststätten immer schwieriger, geeignete Fachkräfte zu finden. Motivierte Mitarbeiter sind die Grundlage von erfolgreichem Tourismus. Das schönste Bergpanorama nützt ihnen nichts, wenn Sie kein Personal haben, das sich um die Gäste kümmern kann.

Was kann man dagegen tun?

Es würde vielen Tourismusbetrieben helfen, wenn die strengen Arbeitszeitregeln flexibler gestaltet würden, ohne die Beschäftigten über Gebühr zu belasten. Arbeitnehmerschutz und unternehmerische Interessen müssen besser in Einklang gebracht werden. Hier ist mehr Flexibilität nötig.

Die Gesetze sind dazu da, um die Arbeitnehmer zu schützen.

Und daran will ich auch nicht rütteln. Aber: Man muss auch an das Wohl der Betriebe denken. Teilweise müssen Restaurants in Stoßzeiten Ruhetage außerhalb der Reihe einlegen, weil ihnen die Leute fehlen, um den Andrang zu verkraften. Das kann nicht sein. Wir sprechen immer von flexibleren Arbeitswelten aber scheuen uns, über das zu reden, was daraus folgt.

Sie fordern unbegrenzte Arbeitszeit für Service-Kräfte?

Nein. Ich fordere die Umstellung von einer Tages- auf eine Wochenarbeitszeit. Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden damit deutlich mehr Flexibilität gewinnen. Wenn die Sonne scheint und der Laden brummt, arbeitet man länger, bei schlechtem Wetter oder Flaute im Betrieb geht man eher nach Hause. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen würden davon profitieren.

Klingt nach einer Regelung, die vor allem auf Kosten der Arbeitnehmer geht…

Flexibilität gilt für beide Seiten. Für einen Beschäftigten kann es doch sehr reizvoll sein, vier Tage zu arbeiten und dann drei frei zu haben. Ich würde solche Absprachen einfach gerne in die Hände von Betrieben und Mitarbeitern geben. Ich glaube, die Leute sind mündig genug, um selbst zu entscheiden, wann sie arbeiten wollen und wann nicht.

Was treibt Sie noch um?

Was mir große Sorgen macht, ist der Bereich der Plattform-Ökonomie. Angebote wie der Zimmervermittler Airbnb werden immer populärer und machen damit klassischen Beherbergungsbetrieben Konkurrenz.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Was spricht dagegen?

Im Prinzip nichts, wenn die Rahmenbedingungen die gleichen sind. Sind sie aber nicht. Eine Pension etwa hat ganz andere bürokratische Anforderungen als eine Privatperson, die ihre Zimmer über das Internet vermietet. Beide konkurrieren aber um die gleichen Kunden. Das gleiche Prinzip gibt es inzwischen auch bei Essen.

Wirklich?

Klar. Auf Plattformen wie „Eatwith“ können Menschen wie Sie und ich einen freien Platz am Abendessenstisch verkaufen. Andere zahlen 30 Euro und essen einfach mit. So ein Angebot steht in direkter Konkurrenz zum Italiener um die Ecke, der hohe und teure Auflagen an seine sanitären Einrichtungen hat - und alle paar Wochen Besuch von Wirtschaftskontrolleuren oder dem Gesundheitsamt bekommt. Da gibt es keine Waffengleichheit.

Was wollen sie dagegen tun?

Bürokratie abbauen, Behördenprozesse digitalisieren. Überbordende Auflagen für kleine Unternehmer müssen weg, damit die wieder Luft zum Atmen haben. Damit wäre schon viel gewonnen.

Von Andreas Niesmann / RND

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