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Deutschland / Welt „Bei VW galten nur Ansagen von oben“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Bei VW galten nur Ansagen von oben“
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08:01 30.01.2018
Christoph Lütge, 48, ist Professor für Wirtschaftsethik an der TU München und berät die Ethik-Kommission der Bundesregierung zum automatisierten Fahren.
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Herr Lütge, wie bewerten Sie die Versuche mit Dieselabgasen und Stickoxiden an Affen und Menschen?

Das kann man jetzt nicht aus dem Bauch heraus bewerten. Grundsätzlich kommt es durchaus vor, dass Probanden Stoffen ausgesetzt werden, die potenziell gesundheitsschädlich sind. Sonst wären in vielen klinischen Bereichen keine Studien möglich. Aber dabei müssen die wissenschaftlichen Standards eingehalten werden.

Was heißt das konkret?

Zum Beispiel müssen die Experimente von den zuständigen Ethikgremien genehmigt werden. An der RWTH Aachen war das der Fall. Bei den Versuchen mit Affen in den USA ist es allerdings unklar. Zweitens sollten wesentliche Ergebnisse veröffentlicht werden, auch wenn sie den Auftraggebern nicht gefallen. Das ist offenbar nicht geschehen. Es kann nicht sein, dass man alles in der Schublade verschwinden lässt. Öffentlichkeit und Transparenz sind unabdingbar. Außerdem ist inakzeptabel, dass beim Experiment in den USA ein Fahrzeug mit manipulierter Software zum Einsatz kam. Das Experiment wurde also unter Angabe falscher Tatsachen durchgeführt.

VW-Chef Matthias Müller hat 2015 „schonungslose Aufklärung“ versprochen. Die Experimente wurden jetzt erst durch die Presse bekannt. Was sagt das über den Aufklärungswillen bei VW?

Man muss den Eindruck gewinnen, dass VW die Öffentlichkeit nicht immer proaktiv informiert, sondern nur das zugibt, was man nicht mehr verneinen kann. Das erschüttert die Glaubwürdigkeit.

Wie bewerten Sie insgesamt die Aufarbeitung des Dieselskandals?

Die Ungleichbehandlung der Verbraucher in den USA und in Europa ist problematisch. In den USA werden die Käufer mit hohen Summen entschädigt, hier nicht. Diese Asymmetrie ist schwer zu rechtfertigen. Außerdem weigern sich die Hersteller hier, ihre Autos mit Hardware nachzurüsten, damit sie weniger Schadstoffe ausstoßen. Sie müssen kulanter sein. Schließlich machen sie Milliardengewinne. Das wiegt schwerer als das Experiment mit den Affen, auch wenn das ebenfalls nicht schön ist. Generell bin ich der Meinung, dass in Deutschland zu viel auf dem Rücken der Verbraucher ausgetragen wird. Hauptsache, die Geschäftsmodelle der Unternehmen funktionierten – wie es den Verbrauchern damit geht, ist leider zweitrangig.

Wie können Manager derart ihren ethischen Kompass verlieren?

Das lässt sich nur durch eine gewisse Unternehmenskultur erklären, die offenbar jahrelang bei VW vorgeherrscht hat. Da konnte Kritik kaum zur Geltung kommen. Es galten nur die Ansagen von oben.

Von Christian Wölbert/RND

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