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Christian Wulff meldet sich zurück

Ex-Bundespräsident Christian Wulff meldet sich zurück

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hält an der Uni Heidelberg eine Rede – und kehrt nicht nur thematisch, sondern auch äußerlich zu seinem alten Selbst zurück.

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„Das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt“: Wulf genießt den Auftritt in der Uni Heidelberg.

Quelle: dpa

Hannover/Heidelberg. Auf dem Heidelberger Weihnachtsmarkt vermischt sich der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln mit dem würzigen Rauch gebratener Würste. Am Mittwochabend liegt festlicher Glanz über dem gerade eröffneten Areal, doch die Menschentraube, die sich zwischen Buden im Schatten der alten Universität drängt, hat wenig Interesse daran.

Wichtiger als die Eröffnung des Weihnachtsmarktes ist die Rückkehr eines Politikers: Erstmals nach seinem Rücktritt am 17. Februar hält Altbundespräsident Christian Wulff in der Öffentlichkeit eine Rede. Die Hochschule für jüdische Studien der Heidelberger Universität hat ihm dafür das repräsentativste Umfeld geöffnet, dass sie zu bieten hat: Die alte Aula, eine prachtvolle Komposition aus farbenfrohen Gemälden der Klassik, Blattgold und filigranem Stuck in dunklem Eichenholz gibt einen Eindruck von der Würde und Ehrfurcht der Wissenschaft, die sie im 19. Jahrhundert ausstrahlte.

Würde? Ehrfurcht? Ist das der richtige Rahmen für einen Mann, der vom höchsten Staatsamt zurücktreten musste, weil immer mehr Vorwürfe persönlicher Vorteilsnahmen im Amt erhoben wurden? Und gegen den immer noch die Staatsanwälte in Hannover ermittelt?

„Ja, es ist der richtige Ort“, betont Johannes Heil, der Leiter der Hochschule, die mehrmals im Jahr zu den „Heidelberger Hochschulreden“ einlädt und mit ihnen Prominenz anlockt. Die Einladung zum Vortrag hatte Wulff noch im Amt bekommen. „Und es ist richtig, dass die Einladung nicht an das Amt geknüpft wird“, sagt Heil. Er knüpft an Wulffs legendären Satz an, der Islam gehöre zu Deutschland  und erteilt dem Amtsnachfolger im Schloss Bellevue, Joachim Gauck, gleich noch eine herbe Rüge. Der hatte nämlich erklärt, er unterscheide zwischen den Menschen, die zu Deutschland gehören, und deren Glauben. Heil wird scharf: „So hat man Juden im 19. Jahrhundert behandelt. Man hat sie als Menschen toleriert, ihren Glauben aber verworfen.“

Es ist also ein freundlich gewogenes Umfeld, dass den 53-Jährigen „jungen elder Statesman“ (Heil über Wulff) erwartet – und ein interessiertes dazu, der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Karten waren schon vor Wochen vergriffen. Wulff, den manche schon in scharfer Form als „Outlaw“ diskreditierten, hat den Menschen noch etwas zu sagen.  Der Satz über den Islam fällt nicht, aber der Privatier Wulff setzt in seinem Vortrag dort an, wo er nach Einschätzung vieler in seiner Amtszeit ein Zeichen gesetzt hat. Er redet über den Zusammenhalt in einem multikulturellen Deutschland, dass Menschen mit Migrationshintergrund eher als solche mit Zuwanderungsgeschichte bezeichnet werden müssten und Verallgemeinerungen auf Abwege führen. Ehrenmorde, sagt Wulff, gebe es nicht nur unter Moslems, auch die  Mörder der Terrorzelle NSU hätten nach diesem Grundsatz getötet. Und Parallelwelten gebe es eben auch unter Deutschen.

„Natürlich bringt Zuwanderung auch Zumutungen mit sich“, räumt Wulff ein. Aber das Gegenteil von Vielfalt sei eben Einfalt – „und wer will schon einfältig sein“, fragt er die etwa 150 Zuhörer. Das frühere Staatsoberhaupt wünscht sich ein Deutschland, in dem Menschen mit Herz und nicht nur mit Verstand zusammenleben – und eines, das sich ein wenig am US-amerikanischen Traum orientiert, wonach jeder, unabhängig von Herkunft oder Glauben, es zu etwas bringen kann, wenn er hart arbeitet. „Das Deutschsein kennzeichnet sich heute dadurch, dass man sich zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt und nicht dadurch, dass die eigenen Vorfahren hier schon immer gelebt haben.“

Wulff scheint mit der Integration sein Thema auch als Altbundespräsident gefunden zu haben. Bereits Ende Oktober war er mit seinen Heidelberger Thesen bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung im Ferienhaus des ersten Bundeskanzlers am Comer See in Italien aufgetreten und hatte intern seine Partei zu einer „erfolgreichen Integrationspolitik“ ermahnt – ein Zeichen dafür, dass sein Wort in der Partei wieder etwas gilt.

Auch äußerlich hat der 53-Jährige wieder Statur gewonnen. Im Juli kursierten Fotos vom ihm, die ihn abgemagert und mit tiefen Falten im Gesicht zeigten. Es folgte der Streit um das Buch seiner Ehefrau Bettina „Jenseits des Protokolls“, den Wulff dem Vernehmen nach nur dadurch beenden konnte, dass er seine Frau zum Rückzug aus der Öffentlichkeit drängte. Jetzt in Heidelberg verfliegt der Eindruck des von Schmach Gezeichneten. Wulff – wieder mit randloser Brille statt wuchtigem Horngestell – präsentierte sich in alter Form. Auch in der Diskussion mit den Gästen.

Wann denn der Fußballer Mesut Özil Bundespräsident werde, fragte einer. „Ich weiß nicht, ob der das wirklich will“, gibt Wulff zurück und baut den Fußball in seine Integrationsargumentation ein: „Alle spielen nach den selben Regeln für unser Land, egal, wo sie herkommen und an welchen Gott sie glauben.“ Nur zur Tagespolitik will er sich nicht mehr äußern. Wie er zum Betreuungsgeld stehe? „Dem Glatteis der Aktualität habe ich entsagt“,sagt er und wird mitviel Applaus verabschiedet.

„Was privat vorgefallen ist, ist mir egal. Was er zur Integration sagt, ist absolut korrekt“, sagt der Jurastudent Jonas Drögemüller nach dem Vortrag. Ein bisschen mehr Kontroverse hätte sie sich schon gewünscht, bemerkt die Uni-Sekretärin Claudia Brendel. Aber mit der Universität Heidelberg hat Wulff dann doch den richtigen Ort für seine Rückkehr in die Öffentlichkeit gewählt: Wer will an einem Ort des freien Geistes schon ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft kritisieren?

Verfahren zieht sich hin

Während Christian Wulff die ersten vorsichtigen Schritte zurück in ein öffentliches Leben geht, steuert das juristische Verfahren gegen ihn auf ein Ziel zu. Seit neun Monaten prüft die Staatsanwaltschaft Hannover, ob sich der frühere Bundespräsident als Ministerpräsident der Vorteilsannahme strafbar gemacht hat. Es geht um seine Beziehungen zum Film-Unternehmer David Groenewold, gegen den ebenfalls ermittelt wird. Ein Abschlussbericht des Landeskriminalamtes liegt vor, die Anwälte von Wulff und Groenewold können dazu Stellung nehmen. Von diesen Aussagen hängt dann ab, ob noch weitere Zeugen vernommen werden sollen.

Groenewold war Nutznießer der Arbeit Wulffs als Ministerpräsident, denn die Landesregierung hat für eines seiner Unternehmen eine Landesbürgschaft erteilt. Außerdem hat sich Wulff politisch immer wieder für die Filmbranche stark gemacht. Auf der anderen Seite stehen zwei Ferienaufenthalte des Ehepaars Wulff auf Sylt und ein Aufenthalt in einem Hotel in München. Groenewold hat Teile der Übernachtungskosten übernommen. Wulff behauptet, ihm diese später in bar erstattet zu haben. Die Glaubwürdigkeit dieser Erklärung wird aber angezweifelt, da Wulffs Privatkonto zum Zeitpunkt der Aufenthalte erheblich überzogen war. Aus den Ermittlungsakten waren mehrfach Details an die Öffentlichkeit gelangt – was erhebliches Aufsehen verursachte.

Geschenke von Freunden dürfen auch Amtsträger wie Wulff entgegennehmen. Verboten sind Geschenke von Menschen, die mit ihm als Amtsträger zusammenarbeiten und die das als eine Gegenleistung für eine Diensthandlung ansehen – also beispielsweise für eine Landesbürgschaft, wie sie Groenewolds Firma zuteil wurde. Ob Groenewold wirklich ein langjähriger enger Freund von Wulff war, kann bezweifelt werden. Der Kontakt der beiden hat sich offenbar erst über die Arbeit entwickelt. Als Ministerpräsident war Wulff zuständig für die Filmförderung.

Alexander Dahl / Klaus Wallbaum

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