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Deutschland / Welt Das Ende der Generation Revolution
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07:03 19.04.2018
Markenzeichen und Modegag: Olivgrüne Militärkappen, wie sie Fidel Castro zeitlebens trug, wurden zum Symbol für Kubas Revolution. Quelle: Foto: Fotolia
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Havanna

Der unberechenbarste Faktor, mit dem es die Revolution in Kuba in Zukunft zu tun haben wird, ist in den kubanischen Parks zu Hause. Dort, an den öffentlichen Wifi-Plätzen, versammeln sich die meist jungen Kubaner zuhauf, um sich ins Netz einzuloggen und stundenlang zu surfen.

Der Hunger nach Informationen ist groß in diesem Land - dessen Einwohner das Internet erst jetzt, im Jahr 2018, so richtig entdecken.

Inzwischen gibt es fünf Millionen aktive Mobiltelefon-Nummern auf Kuba. Bislang schaffen es die kubanischen Behörden mithilfe des staatlichen Telekommunikations-Monopolisten Etecsa, jene Seiten im Netz zu blockieren oder deren Zugang zu erschweren, die sich kritisch mit der kubanischen Innenpolitik beschäftigen. Die Frage ist aber, wie lange Kuba es noch vermag, seinen Bürgern jene Wahrheiten vorzuenthalten, die der Staat und die Partei für die falschen hält.

Zwar hat Kubas Staatsmacht vorgesorgt und die staatliche Medienlandschaft für die sozialen Netzwerke und die neuen Medien vorbereitet. Kubas Revolution – so war der Plan der ewigen Castro-Brüder – sollte schon im Netz sein, wenn auch alle seine Bürger dort endlich ankommen.

Brüder, nicht nur im Geiste: Der damalige kubanische Präsident Fidel Castro (l) spricht mit seinem Bruder Raul Castro. Quelle: EPA

Diesen Plan muss nun jemand anderes zu Ende bringen. Denn die Ära der Revolutionäre in Kuba ist Geschichte. Nach mehr als 59 Jahren mit Fidel Castro und Bruder Raúl Castro an der Spitze des sozialistischen Karibikstaates beginnt auf Kuba tatsächlich eine neue Ära. Nach dem Tod seines Bruders Fidel im November 2016 gibt jetzt auch der inzwischen 86-jährige Raúl Castro das Amt des Staatschefs in Havanna ab.

Nachfolger soll Raúl Castros rechte Hand Miguel Díaz-Canel werden. Ein Mann, der seine Loyalität zu den Revolutionären von einst viele Jahre in verschiedenen Positionen unter Beweis stellen konnte. Aber eben auch ein Mann, der die Revolution nur von Erzählungen kennt. Díaz-Canel wurde ein Jahr nach der Machtübernahme von Fidel Castro geboren.

„Rechte Hand von Raúl Castro: Der designierte Nachfolger als Präsident, Miguel Diaz-Canel (rechts). Quelle: EFE

Es war im Januar 1959, als die Castros gemeinsam mit dem Argentinier Ernesto Guevara, genannt Che, im Triumphzug in Havanna einzogen. In Deutschland regierte zu dieser Zeit Konrad Adenauer, die USA unter Präsident Dwight D. Eisenhower schossen das erste Mal erfolgreich zwei Affen in den Weltraum.

Die Castros erlebten als Staatschefs die Kuba-Krise und das Ende des Kalten Krieges, sie wurden Helden der internationalen Linken und zum Sinnbild des Widerstands gegen den Kapitalismus des Westens. Dass Fidel Castro, der Mann mit der prägnanten Mütze und den Überlängen-Reden, sich trotz der Übermacht des Nachbarn USA 59 Jahre an der Macht halten konnte, gilt bis heute selbst manchen Kubanern als kleines Wunder.

Die Revolutionsführer Fidel Castro (rechts) und Camilo Cienfuegos am Tag des Sieges gegen Fulgencio Batista 1959. Quelle: dpa

Mehr Demokratie wagen?

Díaz-Canel ist es, der sich nun mit der heranwachsenden neuen kubanischen Internetgeneration auseinandersetzen muss. Ganz allein will Raúl Castro seinen politischen Ziehsohn allerdings doch nicht lassen. Er will Generalsekretär der Kommunistischen Partei bleiben. Castros Amtszeit als KP-Chef dauert noch bis zum nächsten Parteitag 2021. Er wäre dann 90 Jahre alt. Knapp drei Jahre lang könnte er also noch im Hintergrund die Strippen ziehen – und aufs Bremspedal treten, wenn er das eigene Erbe gefährdet sieht.

Dabei ist es ein durchaus schwieriges Erbe, das der jüngere der Castro-Brüder hinterlässt. Als er 2008 Präsident Kubas wurde, übernahm er ein Land, in dem die meisten Leute keine Computer oder Handys besaßen und eine Erlaubnis brauchten, wenn sie ausreisen, ein privates Unternehmen führen oder Ferienanlagen betreten wollten. Castro reformierte und öffnete das System, an dessen Gestaltung er so lange mitgewirkt hatte. Und schuf gleichzeitig neue Probleme.

Zwischen Bilderbuch-Lebensstil und der Realität liegen Welt

Kuba hat fast 600.000 private Unternehmer, einen geschäftigen Immobilienmarkt und einen dynamisch wachsenden Flughafen. Die Auslandsschulden sind beglichen, die Touristenzahlen haben sich mehr als verdoppelt, seit Castro und US-Präsident Barack Obama die diplomatischen Beziehungen 2015 wieder aufnahmen. Trotz des Einbruchs im Verhältnis unter Obamas Nachfolger Donald Trump kommen jährlich fünf Millionen Besucher.

Dort, wo mithilfe privater Investoren Geld fließt, wandelt sich das Bild der Insel. Besonders deutlich wird das auf der Uferpromenade Havannas. Dort wechseln sich frisch renovierte Bars und Clubs mit heruntergekommenen Spelunken ab. Doch das ist nur die eine Seite des Wandels.

Denn zwischen dem Lebensstil, den die Devisen bringenden Touristen pflegen, und der harten kubanischen Realität liegen Welten. In den Touristenorten gibt es frisches Obst, Fleisch und Gemüse, das für den Durchschnittskubaner kaum bezahlbar oder gar nicht zu haben ist. Jene, die „Zugang“ zu den Touristen haben und über Trinkgelder oder Rechnungen an Dollars oder Euros kommen, sind die großen Gewinner der Öffnung: die Touristenführer, die Betreiber der legendären Oldtimer, die über Havannas Straßen rollen, der privaten Restaurants.

Revolutionsgemälde in Havanna. Quelle: EFE

Gleichzeitig beschäftigt Kubas sozialistische Planwirtschaft bei niedriger Produktivität immer noch drei von vier kubanischen Arbeitern. Das durchschnittliche Monatsgehalt von Staatsbediensteten beträgt 31 Dollar (25 Euro) – zu wenig, um davon zu leben. Der Staat weiß nicht so recht mit diesen Gewinnern umzugehen, die ihm einerseits neue Einnahmen verschaffen, andererseits aber auch die Ungleichheit vergrößern.

José Daniel Ferrer, eine der wichtigsten Figuren der kubanischen Opposition, berichtet von Repressionen gegenüber selbstständigen Unternehmern. „Die Unterdrückungsmechanismen haben in den letzten zehn Jahren sogar zugenommen“, sagt der 47-Jährige. Wie viele andere Oppositionelle saß auch er bereits vor Jahren im Gefängnis, geändert habe sich an der Situation der Menschenrechte seitdem nichts.

Opposition in Bedrängnis

Dabei wolle die Opposition doch nur das, was auch die Linke in anderen Teilen der Welt wolle. Die kolumbianische FARC-Guerilla etwa habe es geschafft, feste Plätze im Parlament zu bekommen, weil sie ihre Waffen niederlegte. Ausgehandelt wurde der Friedensvertrag ausgerechnet in Kuba mit Unterstützung des Castro-Regimes. Von diesen ausgehandelten Rechten kann die kubanische Opposition nur träumen. „Wir wollen eine Volksabstimmung, eine Initiative, in der die Kubaner über den weiteren Kurs ihres Landes abstimmen können“, sagt Ferrer – und zieht dabei gleich auch noch einen Vergleich mit der Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien.

Nach dem Abgang der Revolutionsführer stellen viele Kubaner die Sinnfrage – wenn auch kaum öffentlich. Braucht Kuba mehr Demokratie? Wie umgehen mit dem boomenden Tourismus, der die Wirtschaft und die sozialistische Ideologie gleichermaßen vor eine Zerreißprobe stellt? Und: War nicht der Kapitalismus der Feind der Revolution – und bringt nicht ebendieser Kapitalismus die rasantesten Veränderungen mit sich? Die renovierten Fassaden, die restaurierten Kirchen?

Dunkle Spelunken und frisch renovierte Bars: Die Uferpromenade in Havanna ist im Wandel – wie das ganze Land. Quelle: dpa

Öffnung – oder neue Revolution

Es sind diese Fragen, die Kubas Führung so nervös machen. Reformen, Veränderungen, Wandel – auf all das reagieren Kubas Spitzenfunktionäre extrem gereizt. „Erwarten Sie nicht, dass Kuba auch nur einen Millimeter von seinen Prinzipien abweicht oder aufhören wird, den Sozialismus aufzubauen“, sagte Kubas Außenminister Bruno Rodriguez kürzlich am Rande des Amerika-Gipfels in Lima. Es war eine klare Ansage an all jene Kräfte, die sich mit dem personellen Wechsel auch eine inhaltliche Neuausrichtung versprechen. Nichts soll auf eine Eigendynamik hindeuten, die sich mit dem Wechsel an der Spitze ergeben könnte.

Entsprechend zurückhaltend reagiert die Bevölkerung. Der vor allem im Ausland gelesene regierungskritische Blog „14ymedia“ der Aktivistin Yoanni Sanchez sieht die Kubaner den historischen Wechsel mit Apathie verfolgen. Vor allem die Jugend lasse die Staffelübergabe an der Spitze des Staates teilnahmslos über sich ergehen.

Priester kritisieren „Abwesenheit des Rechtsstaates“

Vor ein paar Wochen haben drei katholische Priester Castro, den die Opposition einen Despoten nennt, zu „Wahlen in Freiheit“ aufgefordert. Die Geistlichen kritisierten die „Abwesenheit des Rechtsstaates“. Die kubanische Revolution vor sechs Jahrzehnten sei notwendig gewesen, schrieben die Priester. Weil die kommunistische Partei die einzige zugelassene politische Kraft sei, habe man es niemals zugelassen, auch eine andere Stimme zu hören. Dieser totalitäre Stil habe alle Schichten der Gesellschaft durchdrungen. Daraus folge, dass sich die Kubaner nicht mehr trauten, öffentlich ihre Meinung zu sagen. „Die Kubaner wissen, dass sie keine Meinungsfreiheit haben, sie passen darauf auf, was sie sagen, was die denken und fühlen, weil sie mit Angst leben.“

Es ist wohl kein Zufall, dass derart kritische Stimmen ausgerechnet nun aufhorchen lassen, wo die Macht der Revolutionsführer zu Ende geht. Nachfolger Díaz-Canel jedenfalls wird ohne den Gründer-Mythos auskommen müssen. Oppositionspolitiker Ferrer glaubt deshalb, dass sich der neue Mann an der Spitze nur mit einem Öffnungskurs langfristig halten kann: „Tut er das nicht, wird ihn die kubanische Bevölkerung irgendwann von der Macht verjagen.“ Es wäre eine neue Revolution.

Von Tobias Käufer

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