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08:20 27.11.2018
Die Brücke, die trennt: Ein russisches Schiff blockiert am Sonntag die Durchfahrt unter der Brücke von Kertsch, die die annektierte Krim mit Russland verbindet – und den einzigen Zugang vom Asowschen zum Schwarzen Meer beherrscht. Quelle: Alexei Pavlishak/imago
Mariupol/Moskau

Der ukrainische Schlepper ist klein und grau. Er verlangsamt seine Fahrt, um den Zusammenstoß mit dem weiß-schwarz lackierten russischen Schiff, das ihm von links den Weg abschneidet, zu vermeiden. Aber hinter ihm rauscht ein anderer Russe heran.

„Zerquetsch ihn von rechts!“, ruft eine Männerstimme von der Kommandobrücke, „Zerquetsch ihn!“, es folgt ein Schimpfwort.

Das russische Schiff dreht auf den viel kleineren ukrainischen Schlepper zu, wenige Augenblicke später rammt sein Bug dessen Flanke. „Hündin!“, jubelt die Männerstimme.

Am Sonntag lieferten sich Russen und Ukrainer in der Meerenge von Kertsch immer neue Karambolagen auf See – wie Teenager im Autoscooter. Mehrere Videos und Tonaufnahmen zeugen vom Sieg der Russen: Schiffe des russischen Grenzschutzes rammten den ukrainischen Schlepper „Jany Kapu“, beschossen die beiden Schnellboote „Berdjansk“ und „Nikopol“ und kaperten dann alle drei Gefährte. Nach ukrainischen Angaben wurden drei Besatzungsmitglieder verletzt und 23 gefangen genommen.

Die ukrainischen Schiffe waren auf dem Weg vom Schwarzen ins Asowsche Meer. Der Weg führt durch die Straße von Kertsch, hindurch unter einer erst im Mai dieses Jahres fertiggestellten Brücke zwischen Russland und der annektierten Halbinsel Krim.

Putin lässt ständig Antiterroreinheiten patrouillieren

Das 19 Kilometer lange Bauwerk, von Staatschef Wladimir Putin persönlich eröffnet, ist zu einem der zentralen Zankäpfel zwischen Ukrainern und Russland geworden. Putin fürchtet Anschläge auf die politisch wichtige Brücke und lässt deshalb ständig Antiterroreinheiten aller Art in der Gegend patrouillieren, Militär, Polizei und auch den für den Grenzschutz zuständigen Inlandsgeheimdienst FSB.

Die Ukrainer dagegen sehen nicht ein, warum sie sich irgendwelchen Kontrollen durch die Russen unterwerfen sollen. Tatsächlich garantiert das internationale Recht ukrainischen Schiffen die freie Passage durch die Straße von Kertsch – anders wären ukrainische Häfen wie Mariupol auch gar nicht zu erreichen.

Zur fraglichen Zeit am Sonntagabend allerdings, sagen die Russen, hätten die Ukrainer nicht einfach ihren Weg ins Asowsche Meer gesucht, sondern „gefährliche Manöver veranstaltet“. Deshalb habe man am Ende das Feuer auf sie eröffnet.

„Die Ukrainer haben sich wie Straßenrowdys benommen, die im Autoverkehr Zickzack fahren und nicht auf die Befehle der Verkehrspolizei hören. Dann ist diese gezwungen, Gewalt anzuwenden“, sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin unserer Zeitung.

„Es handelt sich um eine sehr gefährliche Provokation, die besonderer Aufmerksamkeit und Klärung bedarf“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag gegenüber Journalisten. Auch Außenminister Sergei Lawrow sprach von einer „eindeutigen Provokation“.

Er könnte innenpolitisch von der Konfrontation profitieren: Russlands Präsident Wladimir Putin. Quelle: Bullit Marquez/AP

Die Ukraine dagegen betont, die Russen hätten durch eine illegale Blockade versucht, den ukrainischen Schiffen den Weg zu versperren – dies sei die wahre Ursache des Konflikts.

Tatsächlich versperrte die russische Seite die Durchfahrt unter der Brücke von Kertsch mit einem quergestellten Tanker. Genau damit maßen sich nach Ansicht von Völkerrechtlern die Russen Befugnisse an, die sie nicht haben.

Nicht nur der Westen, die ­Mehrzahl der gesamten Staatenwelt auf dem Globus hat den ­Anschluss der Halbinsel Krim durch Russland nie akzeptiert. Damit kann Moskau auch keine Hoheit über die Ufergewässer dort beanspruchen.

Putin aber zeigt ungerührt seine eiserne Faust. Am Montag ließen seine Generäle Kampfjets nahe der Brücke übers Asowsche Meer donnern, in nur 20 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Über die Küstenlinien knatterten Hubschrauber, Kriegsschiffe ließen den Radar kreisen.

Auch er könnte innenpolitisch von der Konfrontation profitieren: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko (ganz rechts) liegt vor der Präsidentschaftswahl im März bei den Sympathiewerten weit abgeschlagen. Quelle: Mykhailo Markiv/dpa

Asowsches Meer? Die meisten Europäer hätten Mühe, das Gebiet auf Anhieb auf der Weltkarte zu finden. Doch ausgerechnet hier könnte sich in nächster Zeit die Frage von Krieg oder Frieden auf dem Alten Kontinent entscheiden.

Schon seit Monaten wachsen in der Region, von der westlichen Welt weitgehend unbemerkt, die Spannungen zwischen Ukrainern und Russen.

„Wenn es so weitergeht, endet das alles in einem großen Krieg“, warnte lange vor der jüngsten Zuspitzung Igor Romanenko, ein früherer ukrainischer General. „Wir werden jedenfalls den immer neuen Schikanen der Russen nicht tatenlos zusehen.“ Seit Langem nervt die Ukrainer die zunehmende Einschränkung der freien Schifffahrt durchs Asowsche Meer. Immer wieder müssen ukrainische Schiffe tagelang warten, bevor sie die Meerenge passieren dürfen. Von Durchsuchungen ist die Rede, von Bürokratie von undurchschaubarer Willkür. Russland argumentiert, es gehe lediglich um Sicherheitsfragen.

Deutsche Frachter warten auf Weiterfahrt

Auf beiden Seiten der Meerenge von Kertsch liegen noch Dutzende Schiffe auf Reede und warten auf die Durchfahrt. Darunter sind auch mindestens zwei Frachter von deutschen Reedereien: Die „Schillplate“ unter der Flagge von Gibraltar gehört der Reederei Briese aus Leer (Ostfriesland), sie ist von Berjansk auf dem Weg zum rumänischen Schwarzmeerhafen Constanta. Ganz in der Nähe im Asowschen Meer ankert die „Aberdeen“ der ostfriesischen Reederei Bojen, sie fährt unter der Flagge Luxemburgs und ist von Mariupol auf dem Weg nach Thessaloniki.

Die Reederei hat eigenem Bekunden nach Rücksprache mit der Besatzung der MS „Schillplate“ halten können; es lägen keine Probleme vor, zusätzliche Maßnahmen zur Sicherung des Schiffs seien nicht notwendig. Die Durchfahrt durch die Straße von Kertsch, heißt es, sei für das deutsche Schiff ohne Probleme möglich.

Die unübersichtliche Rechtslage beflügelt Scharfmacher auf beiden Seiten. Das Asowsche Meer wird von beiden Seiten als Binnengewässer behandelt – mit der Folge, dass auch beide Seiten wasserpolizeiliche Kontrollbefugnisse haben. Russische wie ukrainische Schiffe haben das Recht bis vor die jeweilige Küste zu fahren, beide Staaten können überall verdächtige Schiffe kontrollieren. Was aber geschehen soll, wenn diese Kontrollansprüche in der Praxis kollidieren, ist nirgends geregelt.

Idealerweise würden sich, dem Völkerrecht folgend, die Ukraine und Russland das Seegebiet schiedlich-friedlich teilen. Im Jahr 2003 unterzeichneten beide Länder einen Vertrag über die gemeinsame Nutzung des Asowschen Meers, in dem es heißt: „Handels- und Kriegsschiffe (…) unter der Flagge Russlands oder der Ukraine (…) besitzen im Asowschen Meer und in der Straße von Kertsch das Recht auf freie Schifffahrt.“

De facto aber schwingt sich Russland immer stärker auf zu einer Art Oberkontrolleur. Nadelstichen der militärisch hoffnungslos unterlegenen Ukraine folgen immer wieder mächtige Hiebe durch Russland.

„Der Hafen Mariupol wird diskreditiert“

Im März hatte die Ukraine einen russischen Fischkutter gestoppt, dessen Mannschaft keine gültigen Pässe besessen haben soll. Danach begann die russische Küstenwache im Asowschen Meer Frachter anzuhalten, die die ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk ansteuerten. Und kontrollierte sie oft tagelang.

Bis zu 15.000 Dollar koste ein Tag Wartezeit bei Kertsch die Reeder, rechnet Aleksandr Olejnik vor, der Hafendirektor von Mariupol. Mindestens drei Tage dauere heute die Wartezeit alleine bei der Einfahrt, in Extremfällen könne sie auch sieben Tage betragen. Dieselbe Warterei kommt noch einmal bei der Ausfahrt. „Das bedeutet einen großen Verlust für den Schiffseigentümer“, rechnet Olejnik vor. Daran leide auch der Hafen. „So lange Wartezeiten diskreditieren die ukrainischen Häfen am Asowschen Meer, in der Folge kommt es zum Arbeitsplatzabbau und sozialen Problemen – genau das will Russland offensichtlich“, vermutet der Hafendirektor.

Alarmstimmung: Nach der russischen Kaperaktion im Asowschen Meer protestieren wütende Ukrainer vor der russischen Botschaft in Kiew Quelle: SPUTNIK

Von einer Python-Strategie der Russen ist in Mariupol die Rede: Russland drehe, ohne direkt Krieg zu führen, den Ukrainern am Ufer des Asowschen Meers nach und nach die Luft ab. Schon der bloße Bau der Brücke sei eine Benachteiligung Mariupols: Weil die Brücke nur 33 Meter über dem Meer hängt, könnten größere Schiffe den Hafen nicht mehr anlaufen.

In Kiew heißt es, Russlands klares strategisches Ziel liege darin, die Ukraine weiter zu destabilisieren. Auch sei ein kleiner, siegreicher Seekrieg aus Moskaus Sicht gut geeignet, um Wladimir Putins sinkende Popularität zu stabilisieren. Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums heißen 33 Prozent der Russen dessen Politik nicht mehr gut – dies sind in der Tat seine schwächsten Zahlen seit dem Krim-Anschluss.

Aber nicht nur russische Beobachter verweisen darauf, dass die Eskalation auch Putins Amtskollegen Petro Poroschenko nützt. Vier Monate vor den Präsidentschaftswahlen Ende März hängt seine Popularitätsrate bei kläglichen 10,3 Prozent. Das am Montag verhängte Kriegsrecht könnte es dem Präsidenten erlauben, die Wahlen zu verschieben. In Moskau sprechen viele daher von einem Wahlkampfmanöver. Zugleich aber wächst in Moskau wie in Kiew die Sorge, es könne, alle politischen Deutungen hin oder her, in Kürze zu einem echten Krieg rund um die Krim kommen.

Von Paul Flückiger und Stefan Scholl/RND

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