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Deutschland / Welt Die zwei Gesichter des Kronprinzen
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21:36 03.04.2018
Reformer in Riad: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman Quelle: dpa
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Dschidda

Die Revolution fand in einem Stadion nahe Dschidda statt: Mehr als 6000 Fans erlebten zu Ostern ein Konzert des ägyptischen Sängers Tamer Hosny, eines Megastars in der arabischen Welt. Im Publikum saßen erstmals in Saudi-Arabien Frauen und Männer. Mehr noch: Menschlicher Gesang galt im Königreich lange Zeit als Sünde, weil er den Teufel anlockt.

Der Teufel war über Ostern in Saudi-Arabien nicht zu sehen, umso präsenter war dagegen der Mann, der sein Land in neue Zeiten führt: Kronprinz Mohammed bin Salman bereitet die Saudis in einer „Schock-Therapie“, wie er selbst sagt, auf die Epoche nach dem Öl vor. Traditionen fallen ohne Rücksicht, der Gottesstaat soll praktisch über Nacht in eine moderne Volkswirtschaft umgewandelt werden. Kein Wunder, dass der Westen neuerdings fasziniert nach Riad blickt. Mohammed bin Salman liefert schöne, hoffnungsvolle Geschichten, auch weil er das PR-Handwerk für Inszenierungen nach westlichem Geschmack versteht.

Der Kronprinz gibt als erster saudischer Würdenträger einem US-Magazin ein Interview – und lässt erkennen, dass es auch in der arabischen Welt an der Zeit ist, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Das kommt tatsächlich einer kleinen Revolution nahe und könnte echte Bewegung in die seit vielen Jahren erstarrte Nahostpolitik bringen.

„Wir haben keine Einwände gegen andere Menschen“, sagt Salman. Es sind Worte, die man nur allzu selten in dieser Region hört. Dass der Aufruf an die arabische Welt, die Wirklichkeit zu akzeptieren, ausgerechnet aus Riad kommt, hat aber zugleich etwas Befremdliches. Denn so fortschrittlich Salman im eigenen Land auch wirkt – in der Außenpolitik agiert er aggressiv, gnadenlos und allein auf die eigene Macht bedacht. Er hat den Krieg im Jemen angezettelt, der sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt hat. Salman, so viel Zynismus darf sein, spendete am Wochenende bei den UN großzügig für die Opfer. Die Blockade des kleinen Nachbarn Katar, die der Kronprinz im Sommer organisiert hat, brachte viel Unordnung in die Region. Viel mehr hat Salman damit aber nicht erreicht.

Der Kronprinz will der mächtigste Mann der arabischen Welt werden, und dieser Weg führt nur über einen offenen Konflikt mit dem Iran. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: Tod und Cholera im Jemen, Kriegsgefahr in Katar – und nun eben auch ein offenes Bündnis mit Israel gegen die Machthaber in Teheran. In die Faszination, die der Reformer Salman im Westen auslöst, mischen sich also zumindest Zweifel. Die US-Administration hat ihren wichtigsten Verbündeten gegen den Erzfeind Iran sicher. Die Europäer aber, die weiter an den Reformprozess in Teheran glauben, sind um die Sorge vor einem neuen Kriegsschauplatz in der Welt reicher.

Von Jörg Kallmeyer

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