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Deutschland / Welt Eltern sollen Erziehungspflicht nicht abwälzen
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18:07 23.10.2017
Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann. Quelle: dpa
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Fellbach

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat in der Debatte um die Unterrichtsqualität und wachsende Herausforderungen für die Lehrer an die Eltern appelliert, nicht immer mehr Aufgaben an die Schulen abzugeben. Eltern seien nicht nur erziehungsberechtigt, sondern auch erziehungsverpflichtet, sagte Eisenmann am Montag bei einer Fachtagung in Fellbach und erntete dafür Beifall von den 250 Teilnehmern.

Als sie in die erste Klasse gekommen sei, habe sie schwimmen, Radfahren und Rollschuhlaufen können, sagte Eisenmann. Das sei heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Für auffälliges Verhalten von Kindern würden zunehmend die Lehrer verantwortlich gemacht. Eltern handelten oft nach dem Motto: „Macht mal und zwar so, dass das Kind nicht frustriert wird.“

Nicht nur Qualitäts-, sondern auch eine Erziehungsoffensive

Das ist Wasser auf die Mühlen der Lehrer. „Wir begrüßen, dass Frau Eisenmann so deutlich auf die Verantwortung der Eltern hinweist“, sagte der Grundschulrektor Michael Gomolzig vom Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE). Mit den Rechten der Eltern seien eben auch Pflichten verbunden. Der Ausbau der Ganztagesschulen führe überdies dazu, dass Mütter und Väter Zuständigkeiten verstärkt an die Schulen übergeben.

Als Beispiel nannte der VBE-Sprecher die Beschwerde einer Mutter, die darauf bestand, dass die Lehrerin ihrer Tochter das Binden der Schnürsenkel der Sportschuhe abnimmt. Auch das Argument, dass es nicht Aufgabe der Lehrerin sein könne, 28 Schülern beim Schuhe Anziehen zu helfen, habe die Frau nicht überzeugt.

Im eigenen Unterricht erlebe er immer häufiger, so Gomolzig, dass Schüler ihr Material nicht mitbrächten. Er frage sich, wie er mit einer Klasse Fortschritte erreichen solle, wenn ein Fünftel den Füller, das Lineal oder ein anderes erforderliches Utensil regelmäßig nicht dabei habe. Neben einer Qualitätsoffensive tue auch eine Erziehungsoffensive Not, unterstrich Gomolzig.

Entlastung von Verwaltungsaufgaben

Für Eisenmann ist auch wichtig, dass die Eltern die Leistungsfähigkeiten ihrer Kinder richtig einschätzen. In Heidelberg und Tübingen besuchen 78 beziehungsweise 72 Prozent der Kinder nach der vierten Klasse ein Gymnasium. Nach Worten Eisenmanns wechseln bei solchen Übergangsquoten auch etliche Kinder in den Klassen 6,7,8 auf eine andere Schulart. Das werde immer als ein „Runterwechseln“ empfunden - obwohl es darum gehe, dass ein junger Mensch eine seiner Begabung entsprechende Schule besuche.

Weiteres Thema der Konferenz war das mangelnde Interesse an Schulleiterposten, insbesondere an Grundschulen. Eisenmann sieht dort Handlungsbedarf und kündigte ein Konzept zur Stärkung der Schulleitungen und deren Entlastung von Verwaltungsaufgaben bis Ende des Jahres an.

Der Schulexperte der CDU-Fraktion, Karl-Wilhelm Röhm, sprach sich für mehr Geld für Grundschulrektoren aus, aber auch für Entlastung der Schulleitungen. Der FDP-Bildungsexperte Timm Kern betonte, wenn jede Schule von Schulverwaltungsassistenten unterstützt würde, könnten sich die Leiter wieder verstärkt ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden. In einem Modellversuch arbeiten bereits solche von den Kommunen bezahlten Verwaltungsexperten an einigen großen beruflichen Schulen.

Polizeibeamte verdienen weniger als Pädagogen

Eisenmann verwies darauf, dass sie als Landesministerin auch einen Blick auf die gesamte Besoldungsstruktur haben müsse. So verdienten Polizeibeamte auch in sehr verantwortlichen Positionen deutlich weniger als Lehrer. Die Pädagogen in Deutschland lägen bei der Besoldung auch im internationalen Vergleich weit vorn, nach einer neuen Studie auf Platz drei nach Luxemburg und der Schweiz.

VBE-Landeschef Gerhard Brand verwies darauf, dass Rektoren einer kleinen Grundschule weniger verdienten als Lehrer in der Sekundarstufe. Die Position sei „nur noch etwas für grenzenlose Idealisten“. Eine Höherstufung auf von derzeit A12 (Einstieg mit rund 3500 Euro) mit Zulage (113 bis 200 Euro) auf A13 (Einstieg mit über 4100 Euro) würde das Land 160 Millionen Euro kosten. Bei einem Kultusetat von 10,6 Milliarden Euro sei das verkraftbar.

Von dpa/RND

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