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Deutschland / Welt Erdogan-Besuch in Deutschland: Der unbequeme Gast
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19:58 26.09.2018
Der Staatsbesuch rückt näher: Vor dem Brandenburger Tor ist schon geflaggt. Quelle: Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Berlin

Eine Sache hat Elif G. in ihren 13 Jahren in Deutschland gelernt: Am Ende geht es immer um die Wirtschaft. Anders kann sie sich nicht erklären, dass dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nun der rote Teppich ausgerollt wird – trotz Menschenrechtsverstößen, Angriffen auf den Rechtsstaat und monatelanger Beschimpfung der Bundesregierung. „Die Interessen des Kapitals überwiegen“, sagt sie.

Elif G. steht in einem kleinen Café im Berliner Szenebezirk Kreuzberg, eine Frau Ende 40, angegraute Haare, weiche Stimme, leichter Akzent. Sie schenkt türkischen Tee ein und reicht dazu süßes Baklava. Das Kottbusser Tor mit seinen türkischstämmigen Gemüsehändlern, Friseuren und Handyverkäufern ist direkt um die Ecke. Manch einer hier freut sich auf Donnerstagabend, wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum dreitägigen Staatsbesuch nach Berlin kommt.

Elif G. gehört nicht dazu. Niemals würde sie Erdogan als „meinen Präsidenten“ bezeichnen, wie es der deutsche Nationalfußballer Ilkay Gündogan getan hat. Sie würde sich auch nicht mit einer tür­kischen Fahne an die Straße stellen, um der Kolonne des Staatschefs ­zuzujubeln. Stattdessen sagt sie einen Satz, der ihr nur zögerlich über die Lippen kommt. „Meine Kinder und ich lieben unser Land und unsere Heimat, aber mit dieser Diktatur kann man dort nicht mehr leben.“

Plötzlich stand die Polizei vor der Tür

Es ist mehr als nur ein Gefühl, das Elif G. beschreibt. Ihre Tochter, Politikwissenschaftlerin und in der sozialistischen Bewegung aktiv, hat am eigenen Leib gespürt, was es heißt, in der Türkei gegen Er­dogan zu sein. Anfang des Jahres stand die Polizei vor der Tür, durchsuchte die Wohnung. Danach fühlte sich die junge Frau in ihrem Heimatland nicht mehr sicher. Zusammen mit ihrem Bruder zog sie zur Mutter nach Deutschland. Inzwischen haben sie einen Asylantrag gestellt, das Verfahren läuft. „Meine Kinder wollen nicht mehr in der Türkei leben“, sagt Elif G. „Sie haben keine Kraft mehr.“

Geschichten wie die von Elif G. gibt es viele. Und trotzdem ist der Rückhalt, den Erdogan unter den Türken in Deutschland genießt, nach wie vor groß. 65,7 Prozent der Deutschtürken gaben ihm bei der letzten Wahl ihre Stimme. Das umstrittene Verfassungsreferendum unterstützten 63,1 Prozent. Erdogan polarisiert, er hat die Auslandstürken gespalten. Sie lieben ihn oder sie hassen ihn, einen Mittelweg gibt es nicht mehr.

Schon das Staatsbankett, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag zu Ehren des türkischen Gastes ausrichtet, führte zu heftigem Streit. Hingehen oder nicht, lautete die Gretchenfrage in Berlin. Christian Lindner, Robert Habeck, Alexander Gauland und andere Spitzenpolitiker haben ­abgesagt. Cem Özdemir hingen will hingehen. Erdogan müsse ihn und die deutsche Opposition aushalten, ließ der frühere Grünen-Chef wissen.

Hauptsache kein neuer Stadion-Auftritt

Am Sonnabend eröffnet Erdogan die neue Ditib-Moschee in Köln. Auch dieser Termin ist brisant, die Ditib steht organisatorisch in direkter Verbindung zur staatlichen Religionsbehörde in Ankara. Seit dem ­vereitelten Putschversuch in der Türkei stehen Ditib-Imame in dem ­Verdacht, Erdogan-Gegner in Deutschland ausspioniert zu haben. Die Bundesregierung hat inzwischen ihre Unterstützung von Ditib-Projekten beendet, angeblich prüft sogar der Bundesverfassungsschutz eine Beobachtung des Moschee-Vereins. Angesichts all dieser Probleme ist die Bundesregierung schon froh, dass der unbequeme Gast dieses Mal auf Großkundgebungen verzichtet. Erdogan vor Tausenden Anhängern im Fußballstadion oder der Großraumhalle – diese Bilder hätten gerade noch gefehlt.

Gemessen an dem großen Streit sind die Wünsche von Elif G. in Kreuzberg ausgesprochen bescheiden. „Wir wollen doch nur in Freiheit leben und eines Tages sterben“, sagt sie. „Mehr nicht.“

Von Manuel Niemann und Andreas Niesmann

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