Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Deutschland / Welt „Fake News“: Wenn die Lüge siegt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Fake News“: Wenn die Lüge siegt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:08 04.08.2018
Wer demonstrativ lügt, zermürbt auf Dauer seine Gegner: Diese Taktik führte unter anderem zum Erfolg der Brexit-Kampagne und zur Wahl Donald Trumps. Quelle: iStockphoto
Hannover

Kürzlich hatte Donald Trump wieder einen seiner postfaktischen Tage. Er nannte das aktuelle Wirtschaftswachstum in den USA (4,1 Prozent im zweiten Quartal 2018) eine historische Rekordmarke. Den Einwand, dass es unter Barack Obama schon mal höhere Wachstumszahlen gab, wischte er vom Tisch: Über 2 Prozent Wachstum sei sein Vorgänger nie hinausgekommen.

Die Wahrheit ist: Unter Obama lag sogar in 15 Quartalen das Wachstum höher als 2 Prozent. Mitunter erreichte es sogar Werte um 5 Prozent, etwa im ersten Halbjahr 2014. Trump ist das alles ganz egal. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der US-Präsident sich nicht seine eigenen Realitäten hinbiegt.

Die “Washington Post“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede öffentliche Äußerung Trumps auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Bisher, in etwas mehr als 500 Tagen Amtszeit, zählt die US-Tageszeitung mehr als 3250 Aussagen, die entweder falsch oder irreführend sind. Die Lüge, man kann es kaum anders sagen, ist zu Trumps wichtigstem Kommunikationsmittel geworden.

Trumps Wähler feiern die Lügen

Das Besondere nach anderthalb Jahren im Amt ist: Seine Anhänger stört das nicht. Neulich, bei einer Rede in Texas, applaudierten sie sogar, als er eine eigenwillige Losung ausgab: “Was ihr seht und was ihr lest, ist nicht das, was wirklich passiert.“

Trumps Wähler haben sich längst arrangiert mit den falschen Behauptungen. Mehr noch: Sie feiern die Lügen – mal als geniale Verhandlungsstrategie, mal als Ausdruck der notwendigen Unberechenbarkeit. Vor allem aber gilt ihnen das Schwindeln, Übertreiben und Verdrehen von Fakten als schillerndes Symbol für Trumps Unangepasstheit: Trump, der Mann der “alternativen Fakten“, lässt sich durch die lästigen Faktenhuber in Washington, Berlin und Brüssel nicht irritieren oder gar in die Irre führen.

Im Gegenteil: Trump verbringt einen erheblichen Anteil seiner Arbeitszeit damit, renommierte Medienunternehmen wie die “New York Times“ oder das Fernsehnetzwerk CNN seinerseits als “Fake News“ (deutsch: gefälschte Nachrichten) zu beschimpfen. Und zwar derart rabiat, dass der Herausgeber der “New York Times“, A. G. Sulzberger, den Präsidenten kürzlich in einem persönlichen Gespräch warnte, dass die aufrührerische Rhetorik aus dem Weißen Haus “zu einem Anstieg der Drohungen gegen Journalisten beiträgt und zu Gewalt führen wird“.

Das Neue ist die demonstrative Lüge

Trumps Antwort kam wenige Stunden später per Twitter und ließ weder Reue noch Einsicht erkennen: Der US-Präsident teilte mit, er habe lange mit Sulzberger über “die enorme Menge an Fake News gesprochen, die die Medien veröffentlichen“ – und wie diese Fake News zum Begriff “Volksfeind“ geführt hätten. “Traurig!“

Die Lüge ist seit der Antike ein fester Bestandteil der Politik. Auch andere US-Präsidenten haben gelogen. Richard Nixon sagte in der Watergate-Affäre nicht die Wahrheit, Ronald Reagan verschleierte den Iran-Contra-Deal, Bill Clinton log mit Blick auf seine Praktikantin. Über all diesen Fällen aber lag etwas Verbindendes: Unwahrheit bedeutete Peinlichkeit.

Das Neue bei Trump und anderen Populisten, die gerade so erfolgreich die Politik erobern, ist die demonstrative Lüge. Es ist eine Lüge, die nicht mehr verschämt versteckt, sondern offensiv genutzt wird: als Machtbeweis. Dem demonstrativen Lügner geht es nicht darum, hier und da verdruckst die Unwahrheit zu sagen, um insgesamt gut dazustehen. Ihm geht es um die Zerstörung eines ganzen Systems.

Populisten erreichen drei Ziele auf einmal

“Das Konzept der objektiven Wahrheit verschwindet aus der Welt“, schrieb George Orwell einst in der Finsternis des Zweiten Weltkriegs, alarmiert von den faschistischen Propagandalügen jener Zeit. Die moderne, demonstrative Lüge des 21. Jahrhunderts enthält, wie die damaligen, eine versteckte Botschaft an eigene Anhänger: Wenn wir nur zusammenhalten, gilt am Ende unsere eigene Wahrheit.

Darin liegt etwas Anziehendes, ein Versprechen an all jene, die sich eingeengt fühlen von schlechten Nachrichten, von unüberschaubaren Komplexitäten – oder der bloßen Anwesenheit anderer, die es besser wissen. Zu Trumps Repertoire gehört es, mit wegwerfender Geste und augenrollend über “Experten“ zu reden: Hat man nicht schon lange genug auf solche Typen gehört?

Viel schöner ist es doch, mit einer Lüge die Realität zu verändern – oder es zumindest für einen wohligen Moment so erscheinen zu lassen. Populisten erreichen damit drei Ziele auf einmal: Zum einen können sie Dinge behaupten, die objektiv nicht stimmen. Damit suggerieren sie gleichzeitig politische Handlungsspielräume, auch wenn diese eigentlich nur durch einen nicht hinnehmbaren Preis zu erreichen wären. Die Kampagne zum Brexit, die wohl wirkungsmächtigste Wahrheitsverdrehung der vergangenen Jahrzehnte, ist dafür ein gutes Beispiel.

Das permanente Bewerten von Lügen ermüdet

Das permanente Entdecken und Bewerten von Lügen erfordert beim Zuhörer gedankliche Hochleistungen – und führt irgendwann zur Ermüdung. Der Harvard-Wissenschaftler Daniel Gilbert beschreibt, was passiert, wenn eine Lüge auf das Gehirn trifft. Erst einmal, für einen kurzen Moment, halten wir jede Aussage für richtig. Das Gehirn muss die Information erst einmal so akzeptieren, wie sie ist, damit es sie überhaupt verarbeiten kann.

Erst in einem zweiten Schritt folgt eine Art Zertifizierungsprozess, ein interner Faktencheck: Ist die Information plausibel? Passt sie zu den übrigen Informationen? Von wem stammt sie? Der Haken ist: Während der erste Schritt, also das Akzeptieren als Wahrheit, automatisch und von allein passiert, kostet der zweite Schritt Mühe. Fehlt die Zeit oder die Energie, sich mit der Lüge zu beschäftigen, kann der zweite Prozess leicht unterbrochen werden. Die Botschaft wird als wahr abgespeichert.

Fieberkurve: Die “Washington Post“ Quelle: RND

Trump nutzt diese menschliche Schwäche aus und feuert Lügen aus allen Rohren. An Spitzentagen wurden dem US-Präsidenten mehr als 50 öffentliche politische Lügen und Unwahrheiten nachgewiesen. Die Gehirne ermüden irgendwann. Das macht die Lügen, wenn sie mit großer Reichweite unters Volk gebracht werden, auf Dauer so schwer zu bekämpfen.

Gleichzeitig spaltet die politische Dauerlüge die Gesellschaft. Wer sich nicht mehr auf wissenschaftliche Fakten einigen kann, wird in der Sache nicht zusammenfinden. Der politische Streit wird ersetzt durch einen Glaubenskrieg, bei dem es nur noch Sieger und Verlierer, aber keine vom besseren Weg Überzeugten mehr geben kann.

In den USA sind die Debatten bereits heute durch jene Unerbittlichkeit gekennzeichnet. Aber auch in Europa wird der Ton in den Parlamenten rauer. Im Internet werden aus politischem Kalkül Falschmeldungen über Flüchtlingskriminalität verbreitet. Die AfD etwa arbeitet neuerdings mit einem eigenen “Newsroom“ an der Meinungsführerschaft im Netz.

Denkfabrik zur Unterstützung europäischer Populisten

Trumps ehemaliger Chefberater Steve Bannon will jetzt eine politische Stiftung für europäische Populisten gründen, um sie im Meinungskampf gegen alles Althergebrachte zu unterstützen. Die Denkfabrik soll “The Movement“ (Die Bewegung) heißen und über die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien in den europäischen Einzelstaaten die Europa-Wahl 2019 beeinflussen. Ultimatives Ziel der Stiftung ist die Abwicklung der EU.

Man sollte diese Anzeichen durchaus ernst nehmen. Bannon hat mit Breitbart News ein machtvolles US-Onlineportal geleitet, das durch die Veröffentlichung von Falschmeldungen und Halbwahrheiten groß geworden ist. Ein besonders treuer Breitbart-Leser sitzt heute im Weißen Haus: Donald Trump.

Von Dirk Schmaler/RND

Deutschland muss sich den Folgen des Klimawandels anpassen. Grünen-Chefin Annalena Baerbock fordert für entsprechende Maßnahmen einen Fonds im Wert von zwei Milliarden Euro. Und sie hat auch schon eine Idee, wo das Geld herkommen soll.

04.08.2018

Die Bundesregierung hat die Beschränkungen für Afghanistan-Abschiebungen aufgehoben, die Entscheidung über die Ausreise liegt letztlich aber bei den Bundesländern. Die meisten schieben weiterhin nur Straftäter und Gefährder ab. Nur Bayern nutzt die neuen Möglichkeiten.

04.08.2018

Andrea Nahles blickt auf einen turbulenten Start als SPD-Chefin zurück. Ein Gespräch über die ungewisse Zukunft der Großen Koalition, Kernanliegen der Sozialdemokraten – und die Suche nach dem nächsten Kanzlerkandidaten.

04.08.2018