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17:19 13.04.2018
Gemobbt: Jüdischer Schüler in Deutschland (symbolfoto). Quelle: Foto: dpa
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Berlin

Als Oskar seinen ersten Schultag in der neuen Schule hinter sich hatte, fragten ihn seine Eltern: „Wie war’s?“ Es sollte beiläufig klingen, konnte es aber nicht sein, denn für Oskar war es das Ende einer langen Leidenszeit. Monatelang wurde der heute 15-Jährige an der Gemeinschaftsschule Friedenau, einem bürgerlichen Stadtteil Berlins, gemobbt, bedroht und verprügelt. Einmal hatten ihn zwei Mitschüler an einer Bushaltestelle in den Schwitzkasten genommen und aus einer Softair-Pistole Plastikteile auf ihn geschossen. Das war ernster, als es klingt. Es sollte ein Vorgeschmack darauf sein, was man mit solchen wie ihm machen sollte. Sein Vergehen: Oskar ist Jude.

Nun lernt er auf einer internationalen Freien Schule, und nach seinem ersten Schultag antwortete Oskar auf das „Wie war’s?“ seiner Eltern: „Toll! Niemand hat mich getreten, niemand hat mich geschlagen!“

Sein Vater Wenzel Michalski erzählt davon, halb erleichtert, halb getroffen. Wie schlimm die Zeit für Oskar wirklich war, kann auch er nur erahnen. Der Schulleiter will lange nichts bemerkt haben. Er unterrichtete Oskar in Mathe und sagte dem Vater: „Der Junge sah nicht traumatisiert aus.“ Als ob ein Lehrer nicht wüsste, sagt Michalski, dass pubertierende Jugendliche alles tun würden, um Verletzungen nicht für jedermann sichtbar werden zu lassen.

Lehrern geht es darum, Konflikte zu vermeiden

Ein Jahr ist das jetzt her, doch für die Michalskis ist keine Ruhe eingekehrt. Wenzel Michalski beschäftigt sich auch beruflich mit Ausgrenzung, er leitet das Berliner Büro der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. Nach den Erfahrungen mit Oskars Schule befürchtet der 55-Jährige, dass das System Schule an ganz vielen Ecken versagt, wenn es um Ausgrenzung und besonders um religiöses Mobbing geht. Dass es vielen Lehrern nur darum geht, Eskalationen zu vermeiden, damit ihnen nicht der ganze Laden um die Ohren fliegt. So wie die Vizerektorin, die auch Klassenlehrerin von Oskars Parallelklasse war. In den Pausen kam der Junge öfter einmal in der Nachbarklasse vorbei, um einen Freund zu besuchen. Mitschüler krakeelten dann manchmal: „Da kommt der Jude!“, und kriegten sich nicht mehr ein. Oskar solle sich von der Klasse fernhalten, hat die Lehrerin seiner Mutter ausgerichtet, er störe den Klassenfrieden.

Sein Sohn wurde Opfer von antireligiösem Mobbing: Wenzel Michalski Quelle: Wenzel Michalski

An der Friedenauer Gemeinschaftsschule kommen viele Schüler aus arabischen und türkischen Familien, 75 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Gemobbt aber wurde nicht nur Oskar, sondern anscheinend alle, die dort nicht zur Mehrheit gehörten: Schwarzafrikanische Kinder, schwule und lesbische Jugendliche, alle bekamen böse Sprüche ab. Oskar bekam Schläge obendrauf.

Der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer hat schon vor Jahren antisemitische Einstellungen bei arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen untersucht. Es beginnt oft mit dem Nahost-Konflikt:. Der Aussage „Bei der Politik, die Israel betreibt, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“ stimmten 44 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen zu. Bei den türkischstämmigen waren es 21 Prozent. Aber auch einen Satz wie „Juden haben in der Welt zu viel Einfluss“ fanden 36 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen gut und 21 Prozent der jungen Deutschtürken. „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“, riefen Demonstranten im vergangen Jahr und verbrannten Flaggen mit dem Davidstern. Die deutsche Gesellschaft war kurz schockiert – und sah dann wieder weg. Woher haben die Jugendlichen diesen Hass? Aus den Moscheen, aus den Familien? Und wie ist ihm zu begegnen?

Demonstranten verbrennen im Dezember 2017 eine Fahne mit einem Davidstern in Berlin-Neukölln – als Reaktion auf die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem. Quelle: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

Die Fälle häufen sich

Zumindest findet das Mobbing aus religiösen Gründen nun nicht mehr nur im Verborgenen statt. „Jetzt geht die Debatte los“, sagt Wenzel Michalski, „aber eben wirklich gerade erst jetzt.“ Angeheizt durch einen weiteren Fall: An der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof wurde ein jüdisches Mädchen über Jahre massiv verbal bedroht, berichtete die „Berliner Zeitung“. So habe ein Mitschüler der damaligen Zweitklässlerin gesagt, dass sie geschlagen und umgebracht werden solle, da sie nicht an Allah glaube.

Seitdem bewegt sich auch die Politik. Die neue Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) verspricht 170 „Anti-Mobbing-Profis“ für Schulen – bundesweit aber eher symbolisch wirksam. Unions-Fraktionschef Volker Kauder fordert eine generelle Meldepflicht für antisemitische Vorfälle an Schulen. Ähnlich sieht es auch der amtierende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), der Thüringer Bildungsminister Helmut Holter (Linke). Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte er: „Ich halte eine solche Meldepflicht für sinnvoll. Wichtig ist, dass dies keine reine Antisemitismusstatistik wird, sondern sinnvollerweise alle Fälle religiösen Mobbings umfasst, egal welche Religion betroffen ist.“

Kommende Woche stellen die KMK und der Zentralrat der Juden in Berlin neues didaktisch aufbereitetes Material zur jüdischen Geschichte vor. Zwei Jahre wurde daran gearbeitet, nun kommt es genau zum richtigen Zeitpunkt. „Das jüdische Leben wird in deutschen Schulen fast ausschließlich mit den Themen Schoah und Faschismus verbunden“, sagt Holter. „Diesen Blick möchten wir weiten.“

Wie impft man Jugendliche gegen Antisemitismus?

Lange galt: Wenn die Schüler nur genug über die Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik der Nazis erfahren, wenn sie Gedenkstätten besuchen und Zeitzeugen treffen, schützt sie das hoffentlich vor einem Hang zu Diskriminierung und Antisemitismus. Das gilt heute nicht mehr: „Die Fälle zeigen, dass die Vermittlung des Holocaust im Geschichtsunterricht allein nicht ausreicht, um Schüler gegen Antisemitismus immun zu machen.“ Und auch Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee (AJC) Berlin, sagt: „Die Erinnerung an den Holocaust ist wichtig für Deutschland. Sie ist aber keine Impfung mehr gegen Antisemitismus. Die Zeiten haben sich geändert.“

Die Haltung ist das Wichtigste“: Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee (AJC) Berlin. Quelle: ajc berlin

Was aber hilft diese Erkenntnis, wenn Lehrer die heiklen Themen im Unterricht ausklammern, um nicht die Lunte an ein Pulverfass zu halten? Berliner Lehrer berichten: „Ich versuche eigentlich meistens, solche Sachen wie Juden oder Israel nicht aufzugreifen. Damit wecke ich schlafende Hunde.“ Ein weiterer Kommentar: „Man braucht eigentlich das Thema Jude oder Judentum nicht anzusprechen, weil es dann gleich eine kleine Intifada im Klassenraum gibt. Die flippen total aus, die bleiben null sachlich. Die brodeln innerlich, die wollen alles loswerden.“

Diese Erfahrungen Berliner Lehrer hat das Berliner AJC gesammelt. Zurzeit werden weitere Interviews in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen geführt.

Deidre Berger vermisst nicht nur dort an vielen Schulen die notwendige Haltung. „Lehrer und Schulleiter müssen deutlich machen, dass Antisemitismus nicht akzeptiert ist in der Schule. Die Haltung ist das Wichtigste.“ Von Haltung spricht auch Helmut Holter: „Deshalb müssen wir auch als Kultusministerkonferenz deutlich machen, dass es hier einer ganz klaren Haltung bedarf. Und diese Haltung heißt: Null Toleranz gegenüber Antisemitismus.“ Und der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, der Diplomat Felix Klein, sagt: „Wichtig ist, dass an den Schulen eine Diskussionskultur entsteht, in der Antisemitismus und religiöses Mobbing, das sich ja auch gegen muslimische Schülerinnen und Schüler richten kann, als Probleme offen anerkannt werden. Hier sehe ich vor allem die Schulleitungen gefordert.“ Mobbing und Übergriffe müssten als „Problem der ganzen Schulgemeinde verstanden werden, das nur gemeinsam gelöst werden kann“.

Lehrer dürfen nicht weggucken

Für Deidre Berger ist die Lösung gar nicht so kompliziert: Anstatt die Schüler mit türkischem oder arabischem Hintergrund besonders in den Blick zu nehmen, vielleicht auch noch an ihre eigenen Diskriminierungserfahrungen zu appellieren, möchte sie klare Regeln und einen Umgang auf Augenhöhe: „Die Schule soll alle Kinder zu individuell verantwortlichen Staatsbürgern erziehen. Und diese Werte sollten stark genug sein, dass sie sagen: Solch eine Haltung geht in diesem Land nicht.“ Oft seien es gerade Schüler mit Migrationshintergrund, die gemobbten jüdischen Klassenkameraden zur Seite springen mit dem Satz: „Das geht in Deutschland nicht.“

Wenzel Michalski hält das für einen zu anspruchsvollen Zugang – gemessen an der Realität: „Wenn auf dem Schulhof geschrien wird: ,Ey, du Jude!’, was anscheinend die ganze Zeit passiert, dann muss die Aufsicht doch etwas sagen! Das muss bei den ganz Kleinen anfangen.“ Wenn die Lehrer hier schon wegguckten, könne auch sonst nicht mehr viel gewonnen werden. Dann gehe es nur noch darum, um jeden Preis Konflikte zu vermeiden – und Dinge als gegeben hinzunehmen.

Konflikte mit den Eltern zum Beispiel müssten öfter ausgetragen werden: „Schulen sind keine Inseln“, sagt Berger, „die Eltern müssen einbezogen werden.“ An dieser Forderung ist – wie an allen anderen Forderungen zum Thema – nichts falsch. Sie zerbricht aber regelmäßig an der ganz realen Sprachlosigkeit zwischen Lehrerkollegium und Eltern.

Und das, meint Wenzel Michalski, hat auch damit zu tun, dass es nach wie vor kaum Rektoren mit Migrationshintergrund gibt. Damals hatte er um ein Gespräch mit den Eltern von Oskars Mobbern gebeten, darunter auch die eines Jugendlichen, der schon vier Schulverweise erlebt hatte und nun den fünften dazubekam. Der Direktor habe abgelehnt. Das Gespräch zu suchen brächte überhaupt nichts. Das seien alles Muslime.

Von Jan Sternberg

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