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Deutschland / Welt Holter: Lehrer auf den Stand ihrer Schüler bringen
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08:31 20.05.2018
Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter (Die Linke), ist in diesem Jahr Präsident der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK). Quelle: dpa
Erfurt

Herr Holter, wie waren Sie in der Schule?

Die zehnte Klasse und das Abitur habe ich mit Eins gemacht. In der Grundschule stand immer unterm Zeugnis: Helmuts Schrift muss besser werden.

Wie sieht für Sie heute die ideale Schule aus?

Kinder und Jugendliche sollten in der Schule eine umfassende humanistische Bildung erfahren - von Sport bis Physik. Also: Wissen sammeln, Schlüsse ziehen und Wissen anwenden können. Gleichzeitig sollte sie soziale Kompetenzen von Schülern entwickeln helfen. Die ideale Schule ist für mich das sozio-kulturelle Zentrums des Dorfs, der Stadt oder des Stadtviertels.

Wenn Sie der Schule in Deutschland eine Note geben müssten: Wo steht sie da?

Über alles gesehen ist Deutschland leider nur Mittelmaß, es gibt also eine 3.

KMK will keine Ausputzerrolle spielen

Will der Bund deshalb neben der ständigen Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder, der Sie in diesem Jahr als Präsident vorstehen, mit dem Bildungsrat ein zweites Schulgremium installieren?

Wenn das der Weg sein soll, um zügig einheitliche Bildungsstandards und vergleichbare Abschlüsse überall in Deutschland hinzubekommen, bitte!

Also schafft sich die KMK ab?

Wir werden in dem anstehenden Prozess, in dem es um die Lockerung des Kooperationsverbots zwischen Ländern und Bund sowie die Digitalisierung der Schulen geht, keine Ausputzerrolle spielen. Der Rat soll seine Empfehlungen geben, aber die KMK beziehungsweise die Länder entscheiden. Was wir nicht brauchen ist, dass wir uns in einem Dauerdiskussions-Prozess verlieren.

Länder wollen Richterspruch termingerecht umsetzen

Das Bundesverfassungsgericht entschied 2017, dass für die Zulassung zum Medizinstudium die Abiturnoten bis Ende 2019 länderübergreifend vergleichbarer werden müssen. Wie weit sind die Länder?

Daran arbeiten mehrere Arbeitsgruppen in der KMK, weil die Angleichung beim Abitur notwendigerweise auch andere Abschlüsse betrifft. Derzeit diskutieren wir, dies über einen Länderstaatsvertrag zu regeln. Es ist nicht mehr viel Zeit, aber ich gehe davon aus, dass die Länder den Richterspruch termingerecht umsetzen.

Der Bund hat den Ländern Milliarden für Bildung und Digitalisierung versprochen. Wo soll er dafür künftig mitreden in der Schule?

Da ist noch vieles unklar. Denn der Bund legt hier ein kommunales Investitionsprogramm auf. Das heißt: Länder und Kommunen als Schulträger sollen einen Eigenanteil leisten. Ich erwarte, dass 2019 das Geld vom Bund fließt. Vorher müssen wir noch eine Reihe offener Fragen klären.

Datenschutz und Medienkompetenz werden immer wichtiger

Was soll mit dem Digitalpaket des Bundes in den Schulen ausgerichtet werden?

Es geht zum einen um die technischen Voraussetzungen – also Geräte, Anbindung, Netzwerke. Für wichtiger halte ich es, Lehrer beim Digitalwissen mindestens auf den Stand ihrer Schüler zu bringen. Die wiederum sollten schon sehr früh lernen, im Netz zwischen Fakten, Meinungen und Fake News zu unterscheiden.

Wird ein eigenes Schulfach für Medienkompetenz benötigt?

Es gibt zwei Wege: Ein eigenes Schulfach, in dem Medienkompetenz gelehrt wird oder das Thema spielt in allen Fächern eine Rolle. In Thüringen haben wir einen fächerübergreifenden Kurs, der in diesem Schuljahr auch auf die Grundschulen ausgeweitet wurde. So oder so: Datenschutz und allgemeine Medienkompetenz werden immer wichtiger. Und beginnen übrigens schon in der Kita.

Analoge und digitale Welt in der Schule verzahnen

Sollen schon die Kleinsten mit Smartphone und Tablet umgehen?

Was heißt sollen? Die meisten tun es doch schon. Ich befürworte die Verzahnung von analoger und digitaler Welt. Die Kinder sollten noch eine eigene Handschrift lernen, mit Büchern umgehen und mit den Händen basteln können. Auf der anderen Seite sind smarte Geräte Teil ihrer Lebenswirklichkeit, mit der sie auch sicher umgehen sollten. Ich finde, auf die Dosis kommt es an.

Bis 2025 soll das Recht auf Ganztagesbetreuung in der Grundschule umgesetzt sein. Gleichzeitig gehen durch ansteigende Geburtenraten und Migration 1,3 Millionen Kinder mehr in die Schulen als 2013 prognostiziert. Haben wir nicht schon heute Lehrermangel?

Die eigentlich wunderbare Entwicklung stellt die Länder vor ein Riesenproblem. Erstens ist der Boom ungleich auf Städte und dörfliche Regionen verteilt. Zweitens: Als die demografische Kurve nach unten zeigte, ist viel Personal abgebaut worden. Es fehlen im Moment viele Lehrer im Alter zwischen 35 und 50 Jahren. Im Osten sind zwei Drittel der Lehrerschaft über 50. Wir kriegen das nötige Personal gar nicht, weil der Lehrerberuf in Sachen Perspektive kein gutes Image hat. Jetzt müssen wir die Ausbildungskapazitäten radikal nach oben fahren - und zwar in allen Fächern. Die Zeit drängt. Jeder weiß: Wer heute das Studium beginnt, steht in acht Jahren als ausgebildete Lehrkraft zu Verfügung.

Gemeinsame Kampagne zur Lehrergewinnung

Im Zweifelsfall geht die dann nach Bayern oder Baden-Württemberg, wo am besten bezahlt wird. Wie wollen Sie das lösen?

Der Wettbewerb tobt. Nun rächt sich die letzte Föderalismusreform, mit der festgelegt wurde, dass die Besoldungen im öffentlichen Dienst in den Ländern festgelegt werden. Als KMK haben wir entschieden, gemeinsam eine Kampagne zur Lehrergewinnung anzuschieben, die dann in jedem Land noch untersetzt werden kann. Lehrer müssen wieder mehr Wertschätzung erfahren müssen. Statt immer bloß zu kritisieren, sollten wir ihnen einmal mehr danke sagen als üblich.

Ein Dankeschön wird kaum reichen, wenn Lehrer zunehmend verbalen oder sogar handgreiflichen Attacken ausgesetzt sind. Was hilft dagegen?

Die Herausforderungen heißen Inklusion, Integration und Digitalisierung. Viele Lehrer sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit und Langzeiterkrankungen nehmen zu. Dazu kommt eine gesellschaftliche Entwicklung, in der auch bei Schülern Hemmschwellen für Beleidigungen oder gar Angriffe immer weiter sinken. In akuten Fällen müssen Lehrer sofort Hilfe und Solidarität ihres Kollegiums und der Vorgesetzten erfahren. Die Situation zeigt, welch hohe Anforderungen der Lehrerberuf heute stellt. Es geht nicht nur um Fächerkompetenz, sondern die Fähigkeit, auch auf der sozialen Ebene Probleme anzusprechen und zu lösen.

Viele Kinder und Jugendliche bleiben sich selbst überlassen

Delegieren Eltern heute zu viel in Richtung Schule?

Es ist festzustellen, dass viele Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen bleiben. Vieles verschiebt sich in Richtung Schule. Wenn Toleranz und demokratische Werte aus der Schule in die Gesellschaft zurückstrahlen ist das ja gut. Aber es bedarf eben Demokraten, diese Werte innerhalb und außerhalb der Schule zu verteidigen.

Ist fehlendes Demokratieverständnis vor allem ein Problem des Ostens?

Ich würde daraus kein Ost-West-Thema machen. Denn die Tendenz ist überall zu beobachten. Allerdings haben wir in Thüringen bei der Juniorwahl zum Bundestag festgestellt, dass die Bereitschaft weit rechts zu wählen beinahe doppelt so hoch war wie im Bundesdurchschnitt.

Von Thoralf Cleven

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