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Deutschland / Welt Notre-Dame: Die dauernde Unfertigkeit gehört zu uns
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18:52 16.04.2019
Feuerwehrleute und Spezialisten begutachten das Dach der Kathedrale Notre-Dame. Der Wiederaufbau wird wohl sehr lange dauern. Quelle: Marcel Kusch/dpa
Berlin

Wer in den Monaten vor der Katastrophe das Glück hatte, noch einmal durch die Pariser Kathedrale Notre-Dame gehen zu können, der blieb hinten, auf der Nordseite des Baus, fast unweigerlich an einer Reihe von Bildern, Beschreibungen und Jahreszahlen stehen. Dort fand sich eine Ausstellung über die Erbauung der Kathedrale, die im Jahr 1163 begann und einen ersten Abschluss nach knapp 200 Jahren erreichte.

Schon diese Zeitspanne umfasst Generationen. Architekten wechselten, Baupläne wurden weitergegeben, eine Lebensaufgabe immer wieder vererbt. Und auch in den Jahren danach haben die Generationen neues gebaut, altes zerstört, es wurde gerettet und restauriert. Wer für einen Moment in der Beschreibung des Baus der Notre-Dame versank, spürte, welch unendliche Arbeit in dieser Kirche steckt. Es macht den Verlust durch den Brand noch schmerzhafter.

Die Zerstörungen der Montagnacht betreffen dabei nicht einmal in erster Linie nur das Christentum, dessen Gotteshaus beschädigt wurde. Die Verluste müssen in einer kulturellen Dimension betrachtet werden. Zwölf Millionen Menschen aus aller Welt haben die Kathedrale jährlich besucht, Notre-Dame ist die am meisten besuchte Sehenswürdigkeit der Welt. Sie hat diese Anziehungskraft, weil sie ein Spiegelbild der europäischen Geschichte ist, weil sich die Epochen in ihren Fassaden wiederfinden, weil Notre-Dame so mächtig und grazil zugleich mitten in Paris auf einer Insel in der Seine steht. Weil sie so schön und so unbegreiflich war und noch immer ist. Wer Notre-Dame besucht hat, hat Europa besucht.

Große Feuer, die Städte zerstören – eine menschliche Urkatastrophe

Die Feuerkatastrophe ist aber auch deshalb so unbegreiflich, weil sie eine menschliche Urkatastrophe ist. Das brennende Haus ist eine Kindheitsangst, und tatsächlich waren Flammen über viele Jahrhunderte eine der größten Gefahren für den Menschen. Selbst Großstädte brannten nieder, Chicago und New York haben dieses Trauma erlebt; auch Hamburg im Jahr 1842, als in drei trockenen Maitagen rund 1700 Häuser der Innenstadt verbrannten und 20.000 Menschen obdachlos wurden.

In der Kathedrale Notre-Dame in Paris ist am Montagabend ein Feuer ausgebrochen.

Es sind Ereignisse, die heute normalerweise nicht mehr geschehen – durch andere Baumaterialien, Informationen in Echtzeit, Schutzmaßnahmen und Feuerwehren auf High-Tech-Niveau. Dafür birgt die Gegenwart neue Gefahren: soziale und politische, demografische und eben solche, die sich gerade aus dem technischen Fortschritt ergeben.

Wer heute auf einer Nachrichtenwebsite von einer Katastrophe liest, der hat es meist mit Neuzeit-Problemen zu tun. Am Montagabend in Paris war es offenbar nicht so. Nach dem, was wir bisher wissen, war es ein großes Unglück, eines aus einer vergangenen Zeit. Eine Zerstörung, die sich aus den Arbeiten ergab, die Kathedrale zu erhalten und weiter zu vererben, so wie es hunderte Jahre zuvor immer wieder geschehen ist.

Im Zentrum Frankreichs und Europas darf es keinen leeren Fleck geben

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon am Abend des Brandes angekündigt, dass Notre Dame wieder aufgebaut wird. Er hat nicht gesagt: egal, was es kostet. Aber er hat es gedacht und damit den einzig richtigen Weg gewählt. Wenn sich die Schöpfer der Kirche im zwölften Jahrhundert die Frage nach Bauzeiten und Kosten gestellt hätten, dann hätte es Notre-Dame nie gegeben. Im Zentrum Frankreichs und Europas würde heute ein leerer Fleck sein.

Eine Kathedrale ist niemals fertig, an Ihr wird immer gebaut, irgendwo ist immer ein Gerüst. Sie ist eben jenes Spiegelbild unserer europäischen Kultur, die ebenso niemals vollendet ist und wie ihre Bauwerke durch bessere und schlechtere Zeiten geht.

Die dauernde Unfertigkeit zu akzeptieren, spendet in diesen Momenten der Zerstörung Trost. An Notre-Dame wird jetzt wieder gebaut, viele Jahre lang. Die Arbeiten werden vielleicht wieder in eine nächste Generation vererbt werden. Aber sie werden irgendwann in einer Wiedereröffnung und einer großen Feier enden. Es wird ein Tag sein, an dem sich gezeigt hat, dass es sich gelohnt hat, nicht zu verzagen, auch wenn die Aufgaben unlösbar scheinen. Und es wird ein großer Moment für Frankreich und für Europa, das viel zu oft in der Gegenwart an sich selbst verzagt. Alles kann wieder aufgebaut werden, alles kann erhalten werden, wenn nur die richtigen Baumeister am Werk sind.

Von Gordon Repinski/RND

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