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09:05 21.09.2017
Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: imago stock&people
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Berlin

Der Weg ist nicht lang, sie geht ihn oft in diesen Wochen, er soll sie bürgernaher erscheinen lassen. Einige Hundert Meter durch eine Fußgängerzone, dann erreicht Angela Merkel den Veranstaltungsort. So fing es an auf der Sommertour durch die Küstenbäder, so ist es auch in der Endphase des Wahlkampfes. Aber der Weg ist in den vergangenen Wochen immer schwieriger geworden. Irgendetwas hat sich verändert in Deutschland, und Angela Merkel spürt diese Veränderung jeden Tag.

Umringt von einem Dutzend Bodyguards läuft Merkel an diesem Tag von der Hafenpromenade in Schwerin bis zur Markthalle. Es sind nur rund 80 Meter, aber überall trillert und johlt es, es ist kein freundlicher Lärm.

Je näher sie der Front von gut drei Dutzend NPD-Aktivisten kommt, umso härter werden ihre Gesichtszüge. Die Unterlippe gerät in den festen Biss des Oberkiefers.

Momente später erreicht Merkel den Saal, freihalten durch etliche Polizisten. Drinnen sagt Merkel: Leute aus dieser Gegend seien schwer in Euphorie zu versetzen, aber wenn sie mal jemand akzeptiert hätten, „dann hält das für immer“. Es ist, in Teilen, eine glatte Fehleinschätzung.

Merkel führt Umfragen wieder deutlich an

Deutschland, im Sommer 2017. Lange Zeit schien dieser Wahlkampf für Kanzlerin Angela Merkel langweilig zu werden, spannungsfrei, es würde um nichts gehen. Das kurze Hoch im Frühjahr ihres Kontrahenten Martin Schulz hat sich als ein Ausreißer herausgestellt. Seit dem Frühling führt Merkel die Umfragen wieder deutlich an, niemand im In- oder Ausland bezweifelt eine neue Kanzlerschaft. Langeweile also. Oder Souveränität, je nach Sichtweise.

Aber in den letzten Wahlkampfwochen des Jahres hat sich etwas verändert, nicht nur bei den Auftritten der Kanzlerin, sondern im ganzen Land. Plötzlich ist nicht mehr die Überlegenheit der Kanzlerin das beherrschende Thema in der politischen Debatte. Plötzlich ist es der Aufschwung der Rechtspopulisten, der sich spätestens seit Anfang Dezember unaufhörlich fortsetzt. Man liest von ihm in den Analysen der Demoskopen und man spürt ihn auf der Straße, bei den Wahlkampfauftritten der Bundeskanzlerin.

In den letzten Wahlkampfwochen hat sich etwas verändert. Quelle: dpa

Angela Merkel am Ende ihres zwölften Jahres als deutsche Regierungschefin ist eine Frau voller Widersprüche. Im Ausland ist sie geachtet und verehrt, auf ihr ruhen die Hoffnungen der freien, westlichen Gesellschaft. Vor allem, seit die USA unter Donald Trump für diese Rolle ausfallen. Im Inland blickt Merkel zudem auf beste Wirtschaftszahlen. Die Arbeitslosigkeit erreicht Tiefststände, der Staat kommt ohne neue Schulden aus, es gibt sogar etwas zu verteilen.

Und trotzdem muss Merkel vor ihrer vierten Bundestagswahl um Anerkennung kämpfen wie nie zuvor. Warum ist das so? Und wie geht es mit der Kanzlerin weiter?

Eine Reise durch das Wahljahr 2017

Anfang Juli ist die Welt der Bundeskanzlerin noch in Ordnung. An einem warmen Tag läuft sie durch das pittoreske Ostseebad Zingst, als ihr in der Fußgängerzone eine Frau einen Bernstein überreicht. Merkel freut sich, streichelt der Frau über die Schulter. „Der ist aber schön“, sagt sie, und dann noch einmal: „Der ist aber wirklich schön.“ Dann posiert sie für ein weiteres Foto.

Alles ist noch leicht und fröhlich in diesen Tagen. Bei ihren Auftritten sind es nur vereinzelte Personen, die ihr etwas Abschätziges entgegen rufen. Es ist ihnen in der Regel so unangenehm, dass sie sich danach in eine andere Richtung davonmachen.

Nur zwei Monate später hat sich die Lage grundlegend geändert.

Am vergangenen Donnerstag, in Wismar und Schwerin, hat die CDU-Zentrale die Großkundgebungen noch schnell in Hallen verlegt. Weg von den historischen Marktplätzen, auf denen an diesem Tag die Sonne frühherbstlich strahlt.

Offiziell wird die Umplanung mit einer Wetter-App begründet, die 78 Prozent Regenwahrscheinlichkeit vorhergesagt habe, sagt CDU-Sprecher Jochen Blindt. Er erinnert an einen früheren Besuch in Bremen, bei dem das Regenwasser knöchelhoch stand.

Merkel mit Tomaten beworfen

Man erinnert sich aber zugleich an Proteste im sächsischen Torgau, an ungemütliche Stunden in Annaberg, an Tomaten in Heidelberg. Es sieht wie eine Flucht in letzter Minute aus, fort von dem Gejohle, Gekreische und dem Dauerschrei: „Merkel muss weg“. Noch in der vergangenen Woche wollte die CDU auf ausdrücklichen Wunsch Merkels alle Kundgebungen im Freien durchziehen. Man werde sich vom „Mob“ nicht verdrängen lassen. Jetzt, in der Schlussphase, wird doch noch mal alles anders.

Und tatsächlich scheint sich der Protest auf der Straße auch auf die Chancen bei der Wahl auszuwirken. Es sind zwei Trends, die sich gegenseitig bedingen und verstärken. In den Rohdaten der Meinungsforscher, die die unmittelbare politische Stimmung der Wähler messen, ist die CDU in den letzten Tagen um fünf Prozentpunkte abgesunken.

In Ostdeutschland könnte die AfD zur zweitstärksten politischen Kraft werden. Merkel-Bashing ist für eine Gruppe zum politischen Volkssport geworden. Mal sind es die Leute von der AfD, dann Identitäre, an einzelnen Stellen noch immer die NPD und zwischendrin tummeln sich viele anscheinend ganz normale Bürger. Bilder aus einem aufgewühlten Land sollen den Wohlfühlkampf der Christdemokraten eigentlich nicht in den letzten Stunden begleiten.

Fachkräftemangel und Ärztenot auf dem Land

Noch einmal nach Wismar, in die Veranstaltungshalle. Der vergangene Dienstag, die Bundeskanzlerin spricht. Sie tut es eindringlich, aber auch in einfachen Sätzen. In ihren Wahlveranstaltungen beschreibt Angela Merkel eine erstaunliche Fülle von Problemen. Und das nach zwölf Jahren Kanzlerschaft: Bildung, Internet, Computer, Fachkräftemangel, Ärztenot auf dem Land, „Gesundheit und Pflege als unser größtes Sorgenkind“. Und da sind die vielen Bürger, die plötzlich wissen, dass Globalisierung Veränderung bedeutet. Auch für sie. „Wenn die Stürme der Globalisierung auf uns einprasseln, haben wir viele Wurzeln verloren“, lautet einer der Merkelschen Wahlkampfsätze.

Sie gehen oft ungehört unter im Dauerstakkato eines Teils der Bürger, die drauf und dran sind, die Demokratie vielleicht zu verlassen. Eine Generation, nicht die Jugendlichen, nicht die Alten, sondern die mittendrin, könnte verloren gehen, dämmert es auf dem Marktplatz von Torgau wenige Wochen zuvor Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Damit haben die meisten Wahlkampfplaner nicht gerechnet. Mit dem Sinkflug der Prozentzahlen muss sich die Bundeskanzlerin auf einmal rechtfertigen für ganze Schichten in der Bevölkerung, die sich abgehängt fühlen.

Die Kanzlerin in der Krise der letzten Wahlkampfwochen ist nicht zu vergleichen mit der international agierenden Kanzlerin dieser Legislaturperiode. Nach einer streitbaren Position in der Euro-Krise hat Angela Merkel in den vergangenen vier Jahren international enorm an Renommee gewonnen. Ihre Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 ist umstritten, doch sie hat auch das Bild einer standhaften Kanzlerin geschärft, die auch aus Überzeugung gewillt ist, ein politisches Risiko einzugehen.

Wie geht es weiter, nach dem Wahltag?

In vielen Ländern hat Merkel dafür Anerkennung gewonnen, sie war plötzlich auch die Verteidigerin liberaler, europäischer Werte. Des Glaubens an den solidarischen Kontinent.

2015 wurde Merkel vom amerikanischen „Time“-Magazin zur Person des Jahres gewählt. Nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten geisterte ein Witz durch das politische Washington. Wie schön die Demokratie doch sei, hieß es am Vereidigungstag Trumps. „In einem Moment ist Barack Obama der Anführer der freien Welt – im nächsten ist es Angela Merkel.“

Eier und Trillerpfeifen in Torgau, das „Time“-Cover in den USA – das ist der Spannungsbogen der Kanzlerschaft Angela Merkels nach zwölf Jahren.

Aber wie geht es weiter, nach dem Wahltag? Wahrscheinlich stehen ihr unklare Mehrheitsverhältnisse bevor, das weiß sie. Wie ein roter Faden zieht sich ein Satz durch Angela Merkels Wahlkampfreden: „In unruhigen Zeiten können wir keine Experimente gebrauchen.“

Das klingt nach Sehnsucht nach einer erneuten Großen Koalition, die für Merkel die stabilste aller Varianten ist. Die Alternative, eine Jamaika-Koalition mit den Grünen und der FDP, wäre ein Experiment mit unsicherem Ausgang.

„Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen“

Ihr Verhältnis zu FDP-Chef Christian Lindner ist nicht ohne Tücken. Als auf dem Höhepunkt des Hypes um Martin Schulz für kurze Zeit Wechselstimmung herrschte, sagte der Liberale: Am Wahlabend könnte sich womöglich die Frage stellen, ob es nur ohne Merkel zu einer Koalition mit der FDP kommen könne.

Von derartigem Übermut ist zwar nichts mehr zu spüren. Geblieben ist aber ein Grundmisstrauen. Anders als im Umgang mit den Grünen, denen die CDU-Vorsitzende seit ihrer Zeit als Bundesumweltministerin mit freundlicher Neugier begegnet, sind ihr die Liberalen bis heute fremd geblieben.

Einmal, im Jahr 2012, hat Angela Merkel für einen Moment einen ungeschützten Einblick in ihr Verhältnis zur FDP zugelassen. „Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen“, sagte sie. Es war der Tiefpunkt der ersten schwarz-gelben Koalition unter Merkel.

Jetzt blickt man in der Union mit Sorge auf die jüngsten Stimmungsbilder der Bundesbürger. Bei der CDU fallen die Werte, die Zahl der Unentschlossenen ist groß. Nicht wenige insbesondere im städtischen Milieu schwanken in Richtung FDP, andere, insbesondere auch in Ostdeutschland, könnte es zur AfD bringen. Wer „Merkel muss weg“ ruft oder auch nur denkt, dass sich etwas ändern müsse, der hat keine sehr große Auswahl.

Komplizierte nächste Jahre für Angela Merkel

Auch in der nächsten Legislaturperiode kann die CSU zudem eine Art permanente Konkurrenz für Merkels Politik bleiben. Horst Seehofer betrachtet wohlwollend, dass Angela Merkel sich müde kämpft und ein ums andere Mal versichert, dass sich die Ereignisse rund um die Flüchtlingskrise von 2015 „so nicht wiederholen sollen, dürfen und werden“. Er selbst hält sich für unersetzlich. Das soll sich bei der Landtagswahl in Bayern 2018 zeigen. Bis dahin erwartet er von der CDU „volle Solidarität“, was bayerische Sonderinteressen angeht. Und sollte es mit dem Ergebnis vom 24. September ein besonderes Problem mit einer starken AfD geben, dann greift das alte CSU-Prinzip: wenn es die Christdemokraten nicht schafften, das Parteienspektrum rechts dicht zu halten, dann müsse man eben der CSU noch mehr Spielraum für den Rand geben. Es klingt nach komplizierten nächsten Jahren für Angela Merkel.

Der Geschichtsprofessor Gregor Schöllgen hat vor einiger Zeit eine lesenswerte Biografie über Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder verfasst. Sein Fazit: Ein starker Kanzler sei einer, der für seine Überzeugungen einstehe „und notfalls auch über sie fällt“. Bei der Vorstellung des Buches hat Angela Merkel gesagt, sie habe „schon immer Schröders unbedingtes Machtbewusstsein bewundert“.

Zwölf Jahre nach ihrem ersten mühsamen Wahlsieg im Jahr 2005 scheint sich Merkel selbst dieses Machtbewusstsein antrainiert zu haben. Sie fühlt sich wohl im Kanzleramt. Aber sie weiß, dass nicht nur der Wahlkampf dieses Jahres eine Prüfung für sie und ihre Politik waren. Sie weiß, dass ihr die echte Prüfung erst bevorsteht.

Von Gordon Repinski

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