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Deutschland / Welt OECD-Studie: Steinige Bildungswege für sozial Benachteiligte
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07:03 12.09.2018
Ein Schüler arbeitet in seinem Klassenzimmer am Tablet. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
Berlin

Vor 17 Jahren hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Deutschen mit der Pisa-Studie schockiert. Der Studie zufolge waren die Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich, aber die Kopplung der Schulleistungen an die soziale Herkunft war überdurchschnittlich. Vieles hat sich seitdem verbessert, stellt die Organisation in ihrem aktuellen, 600 Seiten starken Bericht „Bildung auf einen Blick 2018 – OECD-Indikatoren“ fest. Aber nicht alles. Die wichtigsten Aussagen im Überblick:

Ausgaben für Bildung: Drei Viertel der öffentlichen Bildungsausgaben in Deutschland werden von den Ländern finanziert. Pro Schüler oder Studierendem geben Bund und Länder jährlich rund 9400 Euro und damit 10 Prozent mehr als der Durchschnitt aller 36 OECD-Länder aus. Sämtliche Bildungsausgaben in Deutschland machten 2015 einen Anteil von 4,2 Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) aus. Das wiederum liegt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5 Prozent. Wenig ist das nicht: Die 0,8 Prozentpunkte minus entsprechen rund 30 Milliarden Euro pro Jahr, sagt OECD-Projektleiter Heino von Meyer. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Thüringens Ressortchef Helmut Holter (Linke), fordert deshalb mehr Entschlossenheit: „Länderhaushalte müssen Bildungshaushalte werden.“

Frühkindliche Bildung: Trotz Kita- und Erziehermangel ist Deutschland Musterknabe bei der frühkindlichen Bildung. Bei den unter Dreijährigen stiegen die Teilnahmezahlen seit 2005 um 20 Prozentpunkte auf 37 Prozent, bei den Drei- bis Fünfjährigen von 88 auf 95 Prozent – das liegt deutlich über dem OECD-Schnitt von 86 Prozent. Kinder von Müttern mit hohen Abschlüssen kommen sogar zur Hälfte in den Genuss frühkindlicher Bildung. Der Betreuungsschlüssel in Deutschland ist überdurchschnittlich: Knapp zehn Kinder kommen auf eine Kita-Erzieherin (OECD: 14). OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher warnt aber: „Kinder aus ungünstigen sozialen Schichten, die es am dringendsten brauchen, bekommen in Deutschland am wenigsten frühkindliche Bildung.“

Abschlüsse im Sekundarbereich II: Die 13 Prozent der 25- bis 34-Jährigen, die 2017 die Schule ohne einen Abschluss im Sekundarbereich verließen, haben es schwer. Nur die Hälfe dieser Gruppe fand Arbeit, mit dem Abschluss liegt die Erwerbsquote dagegen bei 84 Prozent. Akademiker oder Meister bekommen sogar zu 87 Prozent einen Job. Polen oder Slowenien ist es gelungen, den Anteil der Absolventen ohne Abschluss auf unter 10 Prozent (OECD: 15 Prozent) zu senken.

Gibt es zu viele Akademiker? Der Anteil junger Erwachsener mit Akademiker- oder Meisterabschluss stieg innerhalb von zehn Jahren von 23 auf 31 Prozent im vergangenen Jahr. Die Aussichten auf Beschäftigung und gute Verdienste widerlegen die Mär von der Akademikerschwemme, meint von Meyer. Die Beschäftigungsquote liegt bei 88 Prozent (OECD: 84). Handwerker mit Meisterabschluss verdienen in Deutschland 51 Prozent mehr als Personen mit Sekundar-II-Abschluss, mit einem universitären Masterabschluss kann sogar mit 84 Prozent mehr Verdienst gerechnet werden.

Migration ins Bildungssystem: Migranten in erster und zweiter Generation erreichen seltener einen höheren Bildungsabschluss als andere. Das hängt mit Sprachproblemen und dem fremden Bildungssystem zusammen. In Deutschland ist etwa jeder fünfte Erwachsene im Alter von 25 bis 64 Jahren nicht im Inland geboren. 32 Prozent der im Ausland geborenen 15- bis 29-Jährigen erreichen mit höherer Wahrscheinlichkeit keinen Abschluss am Gymnasium oder an einer berufsbildenden Schule als gleichaltrige, im Inland Geborene – da sind es lediglich 9 Prozent. Ein Viertel der im Ausland geborenen Erwachsenen hat zwar einen Hochschul-, Universitäts- oder Berufsakademieabschluss. Allerdings ist bei ihnen die Beschäftigungsquote mit 78 Prozent deutlich niedriger als bei den im Inland geborenen Erwachsenen (91 Prozent).

Einkommen der Lehrer: Die Länder bezahlen ihre Lehrer im OECD-Vergleich sehr gut. Lehrkräfte der Sekundarstufe I verdienten 2017 am Berufsstart mit einem Jahresgehalt von 63 000 US-Dollar nahezu doppelt soviel wie die Kollegen im OECD-Durchschnitt (33 100 Dollar). Sie und auch die Lehrer in der Sekundarstufe II erhalten etwa genauso viel Gehalt wie andere Vollzeitkräfte mit vergleichbarem Bildungsstand. Bei Lehrern der Primarstufe ist das nicht der Fall, sie müssen mit 11 Prozent weniger vorliebnehmen. Der Anteil der Frauen als Lehrkräfte ist auf allen Bildungsstufen gestiegen. Die OECD warnt aber: Nach Italien hat Deutschland die älteste Lehrerschaft in der OECD. 39 Prozent im Primarbereich, 47 Prozent im Sekundarbereich I und 41 Prozent der Lehrer im Sekundarbereich II sind älter als 50 Jahre. Absehbar werden 100 000 neue Lehrer gebraucht. KMK-Präsident Holter mahnt: „Die Länder müssen ihre Verantwortung wahrnehmen.“

Von Thoralf Cleven/RND

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