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Deutschland / Welt Gefangen im größten Lager der Welt
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07:13 09.08.2018
Hütten bis zum Horizont: Kutupalong ist derzeit das größte Flüchtlingscamp der Welt – Hunderttausende von Rohinga leben hier. Quelle: AP
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Kutupalong

Mein Vater lief vor mir, meine Mutter hinter mir. Sie wollten auf mich aufpassen. Aber die Soldaten haben erst meinen Vater erschossen, dann meine Mutter. Ich habe sie hinfallen sehen. Dann bin ich gerannt.“

Als Bushra ihre Geschichte erzählt, wendet Biplob Sharker sich ab. Er will nicht, dass die Zehnjährige seine Tränen sieht. Bushra ist eines von Tausenden Waisenkinder von Kutupalong, Sharker einer von Tausenden Helfer – Kutupalong ist das größte Flüchtlingslager der Welt.

Die drohende Katastrophe

Fast eine Million Rohingya sind vor dem Massaker an ihrem Volk aus dem benachbarten Myanmar nach Bangladesch geflohen. Im überfüllten Lager von Kutupalong droht ihnen nun die zweite Katastrophe: Der Monsunregen verwandelt das riesige, hügelige Gelände in eine lebensgefährliche Falle.

Erste Schlammlawinen haben bereits notdürftige Hütten, halb zerfetzte Zelte weggerissen. Buchstäblich den Boden unter den Füßen der Menschen, die von Verfolgung, Trauma und Hoffnungslosigkeit ohnehin schon geschlagen sind.

Was vom Leben blieb: Die zwölfjährige Bushra hat auf der Flucht die Ermordung ihrer Eltern mitangesehen. In Kutupalong findet sie jetzt Schutz. Quelle: Philipp Hedemann

Die meisten Rohingya hier sind vor einem Jahr Zeugen der Massaker an der muslimischen Minderheit im buddhistischen Myanmar geworden. „Die Kinder haben oft Stöcke aufeinander gerichtet und spielen Massaker. So versuchen sie, zu verarbeiten, was sie gesehen haben“, berichtet Biplob Sharker, der in Kutupalong eine Einrichtung für Waisenkinder leitet. Mit Gesprächs- und Maltherapie, Schulunterricht und Spielen behandelt der 47-Jährige die traumatisierten Kinder. Er weiß nicht, ob er bei Bushra Erfolg haben wird.

Mohammed hat seine Eltern noch. Doch auch der Elfjährige mit Down-Syndrom hat miterlebt, wie Menschen geschlagen, gedemütigt und getötet wurden. Aus Angst vor einem Überfall von Soldaten auf ihr Haus harrte die Familie wochenlang im Dschungel aus. „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als hilflos zuschauen zu müssen, wie meine Töchter und meine Frau vergewaltigt und meine Söhne getötet werden. Darum haben wir uns im Busch versteckt“, berichtet Mohammeds Vater Ahmed Mukter.

„Aung San Suu Kyi hat den Friedensnobelpreis nicht verdient“

Als ein Cousin und ein Nachbar von Soldaten erschossen wurden, beschloss Mukter, mit seiner Familie zu fliehen. Seine Frau Monira erwartete ihr siebtes Kind. Mit einem Baby im Bauch und einem Säugling auf dem Rücken schleppte sie sich durch den Dschungel. Als ihre Brust keine Milch mehr gab, gab sie ihrem fünf Monate alten Sohn in Regenwasser aufgelösten Palmzucker. Nach einer Woche erreichten sie ausgezehrt Kutupalong.

Ahmed ist glücklich, dass seine Familie in Sicherheit ist. Und er ist wütend. „Aung San Suu Kyi hat den Friedensnobelpreis bekommen. Aber sie lässt zu, dass die Muslime in ihrem Land abgeschlachtet werden. Sie hat den Preis nicht verdient“, schimpft er über Myanmars berühmte Regierungschefin, die viele Jahrzehnte mutig vom Hausarrest aus gegen die Militärjunta in ihrem Land gekämpft hatte – und sich nun selbst als unfähig erweist, den Frieden im Land zu halten. So wütend wie Ahmed klingt der Monsunregen, der auf das Blechdach der kleinen Hütte der Flüchtlinge prasselt.

Anfang Juni haben die Vereinten Nationen versucht, in Myanmar zu vermitteln. Eine vage Erklärung kam dabei heraus, dass die Regierung unter bestimmten Bedingungen Flüchtlinge zurücknehmen würde. Doch die Rohingya trauen ihren Landsleuten nicht mehr.

„Sie wollen uns ausrotten. Ich sterbe lieber in diesem Lager, als zurückzugehen“ Sahara Khatun hat nur ihre Enkelin Rafiqa und ihrem blinden Sohn Bashir nach Kutupalong retten können. Quelle: Philipp Hedemann

„Als die Soldaten angriffen, schnappte ich mir Bashir und Rafiqa. Bashir kann nicht ohne mich, und Rafiqa hätten sie bestimmt vergewaltigt“, sagt die 60-jährige Sahara Khatun. Ihr Sohn Bashir ist blind und kann nur auf einen Stock gestützt gehen, ihre Enkelin Rafiqa ist zwölf Jahre alt. Ihren zweiten Sohn hat die Witwe seit dem Angriff nie wieder gesehen. Sie ist überzeugt, dass er tot ist.

„Ich bin eine alte Frau. Ich habe mein ganzes Leben lang unter ihrer Gewalt gelitten. Ich glaube ihnen kein Wort. Sie lügen. Sie wollen uns ausrotten. Ich sterbe lieber in diesem Lager, als zurückzugehen“, sagt Sahara Khatun.

Diese Haltung stellt auch das arme Bangladesch vor große Herausforderungen: Der kleine Staat, noch keine 50 Jahre unabhängig von Pakistan, ist das am dichtesten besiedelte Flächenland der Welt, mehr als ein Drittel der Menschen lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Mitte-links-Regierung von Hasina Wajed, Tochter des Staatsgründers, kämpft gegen eine marode Infrastruktur vor allem in der 18-Millionen-Metropole Dhaka. Und: In diesen Tagen begehren Studenten und Schüler massenhaft auf gegen die Unsicherheit auf den Straßen und die Bevorzugung von Parteigängern der Premierministerin an den Universitäten. Das scharfe Vorgehen Wajeds gegen Journalisten heizt die Stimmung zusätzlich an.

Grafik Quelle: dpa

Ein Volk oder eine Glaubensgemeinschaft?

Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit, die im mehrheitlich buddhistischen Myanmar verfolgt und entrechtet wird. Sie gelten als Glaubensgemeinschaft und nicht als eine der 135 einheimischen Volksgruppen und haben damit keinen Anspruch auf Staatsbürgerschaft, Bildung und Arbeit. Myanmar behauptet, Rohingya seien erst unter britischer Kolonialherrschaft 1948 aus Bangladesch (damals zu Pakistan gehörig) eingewandert. Bangladesch hingegen besteht darauf, dass sie nach Myanmar gehören. Die Rohingya selbst sehen ihre Heimat im Norden Myanmars; sie seien als lange dort ansässige Volksgruppe vor 1000 Jahren zum Islam konvertiert. In der arabischen Welt gelten sie als „birmanische Muslime“.

Bangladesch will (und kann) die Flüchtlinge nicht auf Dauer beherbergen. Damit aus dem provisorischen Lager Kutupalong keine permanente Millionenstadt wird, erlaubt die Regierung dem UN-Flüchtlingshilfswerk und den rund 100 im Lager tätigen Hilfsorganisationen nur, Hütten aus Plastikplanen und Bambus zu errichten. „Wir dürfen nur an den Symptomen rumdoktern“, sagt Zia Choudhury, Landesdirektor der Hilfsorganisation Care in Bangladesch. Dabei würden er und seine Kollegen den Geflüchteten auch durch Beschäftigungs- und Trainingsprogramme gerne langfristige Perspektiven eröffnen. Doch internationale Geber und die mit den Flüchtlingen überforderte Regierung sehen das kritisch.

„Längerfristige Lösungen in den Lagern könnten Myanmar das verheerende Signal senden: Vertreibt die Menschen ruhig. Wir kümmern uns schon“, bringt Choudhury das Dilemma auf den Punkt.

Die Leidtragenden sind die Flüchtlinge

Im Juni begann die Monsunzeit, viele der Hütten halten den heftigen Regenfällen und Stürmen nicht mehr Stand. „Plötzlich gab es ein furchtbares Geräusch, dann steckten wir bis zum Hals im Schlamm. Ich habe kaum noch Luft bekommen und konnte mich nicht mehr bewegen. Aber irgendwie musste ich Habibas Kopf hochhalten, damit sie nicht erstickt“, berichtet Rokeya Begum.

Zusammen mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter Habiba, ihrer Mutter und einer Freundin saß sie in ihrer Hütte, als der steile Hang über ihnen nach stundenlangem Regen ins Rutschen geriet und die drei Frauen und das Mädchen unter sich begrub. Andere Flüchtlinge befreiten sie mit Schaufeln und bloßen Händen. Geblieben ist – neben den Prellungen – die Angst. „Als wir verschüttet wurden, dachte ich, dass wir sterben müssen. Unsere neue Hütte steht wieder am Fuß eines steilen Hangs. Wenn es nachts regnet, kann ich vor Sorge kaum schlafen“, sagt die junge Mutter.

Die Hügel von Kutupalong sind abgeholzt – für Hütten und Brennstoff

Das Problem hängt unmittelbar mit der Flucht selbst zusammen: Bevor Hunderttausende den Grenzfluss zwischen Myanmar und Bangladesch überquerten, waren die Hügel von Kutupalong bewaldet, wilde Elefanten durchstreiften den Dschungel. Doch wo einst Bäume standen, reihen sich jetzt die Bambushütten dicht an dicht bis zum Horizont. Weil die Flüchtlinge auf der Suche nach Feuerholz auch die Wurzeln ausgruben, halten selbst Hunderttausende Sandsäcke und in den Boden gerammte Stämme Sand und Lehm an den Hängen kaum noch zurück. Tausende besonders gefährdete Hütten sind umgesiedelt worden. Trotzdem sind bereits mehrere Kinder bei Hunderten Erdrutschen ums Leben gekommen, Dutzende wurden verletzt. Und die schlimmsten Regenfälle werden noch erwartet.

„Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Wenn Überschwemmungen das Trinkwasser kontaminieren, könnten in den Lagern Seuchen ausbrechen“, sagt Care-Camp-Manager Rafiquzzaman Biswas.

Ronhingya Kinder in Kutupalong, dem größten Flüchtlingslager der Welt in Bangladesch. Monsun im größten Flüchtlingslager der Welt. Die Katastrophe in der Katastrophe Quelle: Philipp Hedemann

Als die ersten Rohingya vor einem Jahr ankamen, waren zahlreiche Kinder mangelernährt, viele Frauen hatten bei systematischen Vergewaltigungen schwere Unterleibsverletzungen erlitten, viele Flüchtlinge waren verwundet worden, als ganze Dörfer niedergebrannt wurden. Mittlerweile müssen die Ärzte und Krankenschwestern in den Lagern sich seltener um schwere Verletzungen kümmern, überlastet sind die Helfer dennoch.

Fast die Hälfte der Geflüchteten sind Kinder

Das liegt auch daran, dass jeden Tag rund 60 Babys in Kutupalong geboren werden. Shehera Bibi ist eines von ihnen. Vor 45 Tagen kam das kleine Mädchen ohne Hilfe eines Arztes oder einer Hebamme in der Hütte ihrer Mutter Samitara zur Welt. Heute ist die 20-Jährige das erste Mal mit ihrer Tochter beim Arzt. „Shehera hat hohes Fieber, sie hustet und kriegt kaum Luft. Ich habe solche Angst, dass sie sterben muss“, sagt die junge Mutter im Wartebereich einer Gesundheitsstation. Nach einer Untersuchung gibt es Entwarnung.

Fast alle Rohingya-Mütter haben mindestens fünf Kinder. Unter den in Kutupalong Geborenen sind auch ungewollte Kinder von Frauen, die in Myanmar vergewaltigt wurden. Schon jetzt sind fast die Hälfte der Bewohner Kinder – und jeden Tag wird es im Camp noch enger. „Vielleicht zwei von 100 Frauen, die zu mir kommen, haben schon mal etwas von Verhütungsmitteln gehört“, sagt Lipi Bala. Viele sind schon als Kinder verheiratet worden, haben mit 15 Jahren das erste Kind bekommen. Die junge Krankenschwester weiß, dass die Versorgung der Kinder die Frauen an den Rand ihrer eigenen Überlebenskräfte bringt. Sie klärt deshalb über Verhütung auf. „Dies ist einfach nicht der richtige Ort und nicht die richtige Zeit für noch mehr Kinder.“

Bangladesch liegt flächenmäßig nur auf Platz 93 der 192 Staaten der Welt, es ist das am dichtesten besiedelte Land der Welt – und liegt doch auf Platz sieben der größten Aufnahmeländer für Flüchtlinge. Quelle: RND-Grafik

Von Philipp Hedemann

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