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Missbrauch

Schüler in Ettal schweigen - „Sonst geht noch mehr kaputt“

Die Schüler des Ettaler Klostergymnasiums passen auf, dass sie kein falsches Wort über die Fälle von sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt verlieren. „Uns wurde kein Maulkorb umgehängt“, sagt zwar ein Kollegstufenschüler beim Betreten des weitläufigen Klosterareals. „Aber ich habe überhaupt kein Interesse, etwas dazu zu sagen“, ergänzt der junge Mann, der ungenannt bleiben will.
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Das Kloster Ettal

Das Kloster Ettal

© dpa

„Ettaler Klosterbiere - Dem Himmel so nah“ steht vor dem Souvenirladen der prachtvollen Benediktinerabtei in dem Hochtal nahe Garmisch-Partenkirchen. Von einem Foto im Schaufenster des klostereigenen Verlages grüßt der Papst. Doch hinter den Klostermauern ging es wohl nicht immer so himmlisch zu, erst recht nicht seit Bekanntwerden mehrerer Fälle von sexuellem Missbrauch an Schülern. Was der derzeitige Klosterleiter, Pater Emmeram Walter, am Mittwoch mit umfassender Kooperationsbereitschaft gegenüber der Staatsanwaltschaft umschrieb, war tags zuvor nichts anderes als eine Razzia - die erste, die es seit Bekanntwerden einer ganzen Serie von Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen in einem deutschen Kloster gab.

Von wegen Himmel: Die Schüler des Ettaler Klostergymnasiums passen vielmehr höllisch auf, dass sie kein falsches Wort über die Fälle von sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt verlieren. „Uns wurde kein Maulkorb umgehängt“, sagt zwar ein Kollegstufenschüler beim Betreten des weitläufigen Klosterareals. „Aber ich habe überhaupt kein Interesse, etwas dazu zu sagen“, ergänzt der junge Mann, der ungenannt bleiben will. Und ein Mitschüler fügt hinzu: „Sonst geht noch mehr kaputt.“ Eine Kollegiatin mit der Schulmappe unterm Arm winkt ebenfalls freundlich lächelnd ab: „Ich dürfte zwar, aber ich will nichts sagen.“

Drinnen, im ehrfurchtgebietenden langen Gang hinter der Klosterpforte, bemüht sich Verwalter Johannes Bauer - auch er ein Mönch in der schwarzen Kutte - um Sachlichkeit. „Natürlich ist die Stimmung ernst“, sagt der zum Führungsteam des Klosters gehörende Pater. „Aber unsere Schüler haben sehr großes Vertrauen in uns.“ Der Großteil der Schüler fühle sich trotz der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in der Klostergemeinschaft gut aufgehoben. „Wir spüren eine große Solidarität mit dem Kloster.“

Die bekommt immer mehr auch Münchens Erzbischof Reinhard Marx zu spüren. Nachdem auf sein Drängen hin Abt und Schulleiter die Stühle räumen mussten, machen Eltern und frühere Schüler des Elitegymnasiums nun mobil. In einem Brief an „den Hochwürdigsten Herrn Erzbischof“ treten rund 150 „Altettaler“ dem Eindruck entgegen, „in Schule und Internat seien seit Jahrzehnten systematisch Fälle von sexuellem oder körperlichem Missbrauch vertuscht worden“. Sie hätten in ihrer aktiven Zeit vielmehr „eine Atmosphäre der Offenheit, der Toleranz und des gegenseitigen Vertrauens erlebt“.

Ganz unverhohlen gehen die Ex-Schüler Marx an: „Aus welchem Grund erweckt das Ordinariat in der Öffentlichkeit den Eindruck, Ettal hätte hier einen Fall systematisch vertuscht?“ Ex-Abt und Schulleiter nehmen sie ausdrücklich gegen Vorwürfe in Schutz. Beide hätten bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Geiste der Offenheit gehandelt. „Wir erwarten, dass das Bistum gemeinsam mit dem Kloster erst kommuniziert, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen und alle Beschuldigungen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft worden sind“, appellieren die „Altettaler“ an Erzbischof Marx.

Die Fakten aber liegen auf dem Tisch. Der vom Kloster beauftragte Sonderermittler und Münchner Strafverteidiger Thomas Pfister brütet nach Tagen des Aktenstudiums und zahlreichen Gesprächen seit Mittwoch über dem vorläufigen Schlussbericht. An diesem Freitag will er ihn der Öffentlichkeit vorstellen.

Ein Pater zeigte sich unterdessen selbst bei der Münchner Staatsanwaltschaft an. “Über den Inhalt dieser Selbstanzeige können derzeit keine weiteren Auskünfte gemacht werden“, sagt Interims-Klosterchef Walter mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen. „Es handelt sich dabei jedoch nicht um Vorwürfe, die sexuellen Missbrauch betreffen.“ Eine Sprecherin des Klosters ergänzte am Nachmittag, es gehe auch nicht um körperliche Gewalt.

Die Urlauber Regina und Gerd Herbrich aus dem sächsischen Hoyerswerda mögen sich beim Anblick der Klosterkirche mit ihrer riesigen sonnendurchfluteten Kuppel gar nicht vorstellen, dass es hinter dicken Mauern sexuellen Missbrauch gegeben haben soll. „Aber irgendwie muss das schon aufgeklärt werden“, sagt die 56-Jährige. „Und der Papst sollte ruhig auch etwas dazu sagen.“

dpa


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