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18:36 26.10.2018
Äppelwoi und Hochfinanz: Hessens schwarz-grüne Landesregierung will nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern buhlt in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet auch um Arbeitskräfte aus der „kreativen Klasse“. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Wiesbaden

In den hessischen Wäldern drehte Volker Schlöndorff im Jahr 1971 einen von Kritikern bis heute gefeierten neuen deutschen Heimatfilm. Titel: „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“.

Der Film beschreibt eine wahre Begebenheit. Im Jahr 1822 überfallen acht bettelarme Bauern und Tagelöhner aus dem hessischen Hinterland einen Geldtransport – und haben danach Mühe, ihre sprunghaft gewachsene Kaufkraft vor der Obrigkeit irgendwie unter der Decke zu halten.

Hessen war damals Deutschlands Armenhaus. Im „Hessischen Landboten“ rief der Revolutionär Georg Büchner zum Aufstand „gegen die Fürsten und die Vornehmen“ auf: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Ein Land der Spaltung und des Streits

Hessen blieb ein Land von tiefer Spaltung und Streit, auch als es schon Teil der Bundesrepublik war. Stets marschierte hier die SPD deutlich weiter links und die CDU deutlich weiter rechts als im Bund.

In den Siebzigern löste Hessens SPD eine bundesweite Aufregung aus mit ihren linken „Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre“ an den Schulen – die von Kritikern wie ein neuerlicher hessischer Aufruf zur Revolution gedeutet wurden.

Grimmig versprach Hessens CDU im Gegenzug die „Bekämpfung des Sozialismus zu Lande, zu Wasser und in der Luft“, wie es der langjährige Landesvorsitzende Manfred Kanther ausdrückte.

Man schenkte sich nichts. Große Koalitionen? Kamen sechs Jahrzehnte lang nicht infrage. Rechte Abspaltungen? Auch kein Thema. Weder der altmodische Weltkriegshauptmann Alfred Dregger noch der moderne Demagoge Roland Koch ließen rechts von der Hessen-CDU irgendeinen Raum.

„Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben“

Unvergessen bleibt Kochs Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft im Jahr 1999. Damals drängelten sich die Leute an die Wahlkampfstände der CDU und fragten zwischen bunten Schirmchen und Bratwurstdunst: „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“

Heute sammeln sich die Aufgeregten und Unzufriedenen in Hessen bei der AfD, mit Prozentanteilen wie im Bund. Das wird die CDU einiges kosten im Vergleich zur letzen Wahl.

Ansonsten aber strahlt Hessen eine ungewohnte Ruhe aus, eine Entspanntheit wie noch nie. Land und Leute erleben, endlich und zum ersten Mal, ein Ende der Grabenkämpfe.

„Der sanfteste CDU-Regierungschef, den Hessen je gesehen hat“: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Volker Bouffier. Quelle: Getty Images

Ministerpräsident Volker Bouffier ist der sanfteste CDU-Regierungschef, den Hessen je gesehen hat. Dieser Tage bringt er es fertig, komplette Wahlkampfveranstaltungen hinzulegen ohne ein einziges böses Wort über den politischen Gegner. SPD-Gegenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel gehört ebenfalls zur Fraktion der Seriösen und der Nachdenklichen; dieses Jahr erschien sein neues Buch „Die sozialdigitale Revolution“. Und die Grünen, die der hessische Traditionssozi Holger Börner einst noch „mit der Dachlatte“ vertreiben wollte, präsentieren sich mittlerweile als die allerschlaueste Kraft im Lande: „Vernunft statt Populismus“ fordern sie auf ihren Plakaten, auf denen mittelalte, angegraute Akademiker durch ihre Gleitsichtbrillen gucken.

Seriös statt laut: SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel. Quelle: imago/Eibner

Natürlich muss Bouffier befürchten, am Sonntag einen Denkzettel verpasst zu bekommen wie vor zwei Wochen die CSU. Müsste er sich nicht irgendwie distanzieren von der in jüngster Zeit glücklosen Angela Merkel? Journalisten haben diese Themen bei ihm in den letzten Tagen tausendmal berührt. Und tausendmal ist nichts passiert.

Bouffier sitzt im Schwarzen Bock in Wiesbaden und lächelt in aller Seelenruhe in eine Tasse Kaffee hinein, die vor ihm steht. Er ist geduldig. Er ist freundlich. Er hat Verständnis, auch für die Journalisten, die ja immer spannende Nachrichten brauchen, möglichst über etwas Dramatisches, am besten ein „Erdbeben“. Doch Bouffier sagt dann doch etwas Langweiliges. „Jetzt geht es um Hessen. Und es geht um mich.“ Noch immer ruhen seine Augen auf der Tasse. Dann blickt er in die Runde, als wolle er prüfen, ob es auch jeder versteht: „Und bei dieser Wahl am Sonntag geht es nicht zuletzt um einen neuen Stil in der Politik, den wir hier in Hessen entwickelt haben.“

Tatsächlich haben CDU und Grüne etwas hinbekommen, was noch nirgends geklappt hat. Schwarz-Grün hat fünf Jahre durchgehalten. Aber mehr noch: Die beiden Parteien haben von Anfang an vermieden, sich auf offener Bühne anzufeinden. Bouffier und sein Vize, Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, haben die Türen geschlossen, notfalls für sehr lange Zeit, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab. Und die dann gefundenen Kompromisse haben sie gemeinsam mitgetragen – auch durch die Aufregung des einen oder anderen Tages hindurch.

Wir gehen in unsere Gespräche mit dem Gedanken: Der andere könnte auch recht haben“: Grünen-Kandidat und Vize-Regierungschef Tarek Al-Wazir. Quelle: Getty Images

Wie bekommt man so etwas hin in der Ära von Twitter und Facebook, in der Politiker aller Couleur gegen billigen Beifall gern Schnellschüsse abgeben und „klare Kante“ markieren? Al-Wazir spricht von einem „Perspektivwechsel“, auf den beide sich eingelassen hätten: „Wir gehen in unsere Gespräche mit dem Gedanken: Der andere könnte auch recht haben.“

Diese radikale Kompromissfähigkeit ist ein Gegenentwurf zum destruktiven Gepolter, das in letzter Zeit in Berlin und Bayern geboten wurde. Zu jenen, die diese Besonderheit früh erspürt haben, zählt die Kanzlerin: „Dass Schwarz-Grün in Hessen klappte“, sagt Angela Merkel, „hat sehr viel zu tun mit Bouffier und seiner Art, auf andere Menschen einzugehen.“

Merkel steht Anfang der Woche im Ballsaal eines Hotels in Kassel und soll eine Wahlkampfrede halten. Fast scheint es, als sei ihr das ein bisschen peinlich, jetzt, in einer Zeit, in der Berliner Politiker durch ihr Auftreten eher die Stimmung drücken. Doch dann erntet sie doch noch Lacher und Applaus: „Wenn Sie Wut haben auf das, was in Berlin gelaufen ist, schreiben Sie mir einen Brief – aber bitte gehen Sie am Sonntag zur Wahl.“

Für Merkel geht es um viel bei der Hessen-Wahl

In Hessen liegen für Merkel enorme Risiken und enorme Chancen eng beieinander. Wird Bouffier am Sonntag abgewählt, muss auch sie sich auf eine rasche Entmachtung in ihrer unruhig gewordenen CDU gefasst machen. Wird Bouffier aber an der Seite von stärker gewordenen Grünen im Amt bestätigt, könnte dies in der Bundes-CDU ein für Merkel nützliches neues Nachdenken auslösen: über Schwarz-Grün als Erfolgsmodell.

Die wundersame Harmonie in Wiesbaden begann mit ersten übersichtlichen Deals. Man dürfe kommenden Generationen keine Belastungen hinterlassen, mahnte die CDU – und setzte eine Schuldenrückzahlung durch, erstmals nach mehr als 50 Jahren. Man dürfe kommenden Generationen keine Belastungen hinterlassen, sagten auch die Grünen – und erzwangen zugleich eine Förderung regenativer Energien wie noch nie.

Hessens boomende Wirtschaft half beiden Seiten. Im Rhein-Main-Gebiet, rund um Flughafen, Banken und IT-Sektor, werden die höchsten Löhne in ganz Deutschland gezahlt. Wird in Hessen ein Auto gestohlen, müssen die Versicherungen durchschnittlich 25 500 Euro hinlegen, das ist bundesweit Spitze. Im Saarland geht es dagegen im Durchschnitt um vierstellige Summen.

Große Wirtschaftskraft: Der Frankfurter Flughafen. Quelle: dpa

Weil die Landesregierung viel Geld verteilen konnte, genügte als Kompromiss die Addition von Großzügigkeiten. Mehr Geld für die Polizei plus mehr Geld für Frauenhäuser – so geht Schwarz-Grün. Und alle Beteiligten ziehen jetzt stolz Bilanz, jeder auf seine Art.

Doch auch der Blick nach vorn vereint Bouffier und Al-Wazir. Die CDU hat eingesehen, dass es etwa in Frankfurt um mehr geht als um innere Sicherheit. Nur eine lebendige Kulturszene lockt jene „kreative Klasse“ an, um die heute alle Metropolen der Welt buhlen – weil von ihrer Präsenz die postindustrielle Wertschöpfung abhängt: in Werbeagenturen, bei Computerspielentwicklern und bei allem, was mit künstlicher Intelligenz zusammenhängt, einem Zweig, den Schwarz-Grün derzeit nach Kräften fördert.

Werden in Hessen bald wieder die einfachen Menschen in den Dörfern abgehängt, 200 Jahre nach dem Geldtransport-Überfall der armen Leute von Kombach? Al-Wazir hält unter anderem mit der „digitalen Dorflinde“ dagegen, öffentlich geförderten WLAN-Hotspots. Bouffier schob eine Stiftung für sozialen Zusammenhalt an. Und als er jüngst in der Leppermühle, einer Einrichtung für psychisch kranke Jugendliche, von einem Radtourprojekt hörte, das über die Alpen führen sollte, spendete er spontan eine namhafte Summe aus eigener Tasche. Da ist er ganz der Landesvater.

Väterlich geht Bouffier auch mit jungen Asylbewerbern um. Abdullah Badawi (19) aus Idlib in Syrien etwa, hoffnungsfroher Abiturient in Bad Hersfeld, bekam diese Woche am Rande einer CDU-Kundgebung mühelos ein Selfie mit dem Ministerpräsidenten und auch eins mit der Kanzlerin.

Selfie mit Kanzlerin: Angela Merkel und Asylbewerber Abdullah Badawi bei einer CDU-Kundgebung. Quelle: privat

Nie war Hessens CDU so weit weg von Roland Koch. Bouffier beschreibt seine Linie ganz schlicht: „Wir suchen Lösungen, nicht Probleme. In Veranstaltungen bringt ihm das nur lauen Applaus. Aber das ist ihm egal. Der neue Stil, das neue Miteinander in seinem oft genug von Hass aufgewühlten Land, ist ihm jetzt wichtiger als alles andere.

Von Matthias Koch/RND

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