Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Deutschland / Welt „Wir lieben unsere Heimat, aber mit der Diktatur kann man nicht leben“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Wir lieben unsere Heimat, aber mit der Diktatur kann man nicht leben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:57 27.09.2018
Vor dem Hotel Adlon nahe des Brandenburger Tores sammeln sich die Menschen, um den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu begrüßen, der während seines Deutschlandbesuchs dort wohnt. Quelle: AP/Michael Sohn
Berlin

Das Regierungsviertel liegt lahm: Beton-Sperren versperren die Straßen, die Polizei kontrolliert die Verblombung der Gulli-Deckel in Berlin-Mitte, vor dem Hotel Adlon wehen die europäische, deutsche und türkische Flagge im Wind. Die Stadt ist durch den Besuch von Präsident Recep Tayyip Erdogan vom 27. Bis 29. September in Deutschland im Ausnahmezustand.

Es ist ein Besuch, der bereits im Vorfeld für heftige Diskussionen gesorgt hat. Der Einfluss Erdogans in Deutschland, etwa durch die Türkisch-Islamische Union Ditib, steht in der Kritik. Und mit ihm auch viele Deutsch-Türken. Wie ist die Stimmung unter ihnen?

Die Zentralmoschee des umstrittenen Islamverband Ditib in Köln-Ehrenfeld. Der türkische Präsident Erdogan wird sie bei seinem Besuch in Deutschland am Samstag eröffnen. Quelle: Henning Kaiser/dpa

Geschäftiges Treiben und Schweigen

Ein Besuch in Berlin-Kreuzberg. Direkt am Kottbusser Tor herrscht geschäftiges Treiben. Döner-Buden, Kioske und Gemüsehändler reihen sich aneinander. An den Geschäften hängen Schilder auf Deutsch und Türkisch. Es herrscht eine unsichtbare Barriere. Fast niemand möchte sich anlässlich des Erdogan-Besuches äußern. Das Deutsch sei nicht gut genug oder man wolle sich nicht politisch äußern, lauten die Antworten.

Doch eine Deutsch-Türkin traut sich. Die 48-Jährige Nafiye erzählt ihre Geschichte – ohne ihren richtigen Namen in der Zeitung lesen zu wollen. Sie hilft in einem kleinen Laden aus, der türkischen Tee und Baklava verkauft. Vor 21 Jahren verliebte sie sich in der Türkei in einen Deutschen aus Ostberlin. Als er schwer krank wurde, kamen sie gemeinsam nach Deutschland – wegen der besseren Therapiemöglichkeiten. Das ist jetzt 13 Jahre her. „Damals herrschte noch keine Diktatur“, sagt Nafiye über ihre Heimat, die Türkei. Ihre Kinder blieben dort.

Am Eingang zur U-Bahnstation am Kottbusser Tor herrscht geschäftiges Treiben. Quelle: RND/nie

„Damals waren sie 18 und 20 Jahre alt“, erzählt sie. Zu dem Zeitpunkt wollten sie in der Türkei leben. Doch inzwischen habe sich das geändert. „Seit zwei Jahren fehlt ihnen die Kraft. Meine Kinder haben nicht mehr die Nerven, in der Türkei zu leben“, sagt sie. Nafiyes Tochter hat Politik studiert, sie sei Sozialistin, international vernetzt. Ihre Wohnung sei bereits von der Polizei durchsucht worden. Auch ihr Sohn sei Repressionen ausgesetzt. Beide könnten nicht in ihren Berufen arbeiten. Während eines Besuchs in Deutschland vor sieben Monaten stellten sie Asylanträge. Die Prüfung steht noch aus.

Die Türkei habe sich gewandelt

„Meine Kinder und ich lieben unser Land und unsere Heimat“, versichert Nafiye, „aber mit dieser Diktatur kann man nicht leben.“ Ihr falle es schwer, darüber zu reden, obwohl sie in vergleichsweise sicherer Entfernung den Umbau der Türkei zu einem autokratischen Staat miterlebt habe.

„Er, Erdogan, hat alles vorbereitet, dass seine Familie später an der Macht bleibt“, sagt Nafiye. Das Land ihrer Geburt erkenne sie nicht mehr wieder, das hätte noch die laizistischen Züge wie unter Atatürk gehabt.

Nafiye ist Atheistin, sie ist im Osten der Türkei geboren, ihre Eltern waren Kurden mit alevitischem Glauben. Ihre Eltern erzogen sie dazu, dass Menschen, egal ob Kurden, Türken oder Deutsche, gleich seien. Sie selbst entdeckte bereits als Kind in der dritten Klasse Marx im Bücherregal, sagt von sich, sie sei Sozialistin.

„Bis zum meinem 14 Lebensjahr bin ich dort aufgewachsen. Frauen und Männer waren zwar nicht sozial gleichgestellt, aber gleich frei.“ Nun beobachtet Nafiye, wie die Frauen in der Türkei immer mehr Rechte abtreten. Sie vermisst deren Widerspruch. Die Leute duckten sich weg, 60 Prozent hätten nur noch die Religion im Sinn, es werde gebetet und gearbeitet, die Medien berichteten nur noch, was Erdogan gesagt oder getan habe.

Unverständnis gegenüber Zuspruch für Erdogan

Doch auch in Deutschland wünscht sie sich mehr Widerstand: „Ich verstehe auch nicht, warum nicht mehr Leute gegen Erdogan waren“, sagt sie in Bezug auf die Abstimmung zur Verfassungsänderung, mit der Erdogan mehr Macht erhielt. Am 16. April 2017 bekam er von den hierzulande lebenden Deutsch-Türken 63,1 Prozent der Stimmen. Doch lediglich 46 Prozent der Wahlberechtigten stimmten ab, eine Mehrheit schwieg.

Gefragt, ob sie sich selbst noch als Türkin verstehe, antwortet Nafiye: „Das Problem sind nicht türkische, deutsche oder kurdische Gefühle. Meiner Meinung nach haben Menschen alle die gleichen Rechte, sie sind alle gleich. Wir sind alle Menschen. Wir wollen in dieser Welt in Freiheit leben und dann sterben, mehr nicht.“

Von RND/Manuel Niemann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Am Freitag treffen sich die zuständigen Fachminister mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) – endgültige Klarheit über das Maßnahmenpaket wird nicht erwartet. Regierung und Autoindustrie wollen bessere Luft in Städten, ein Fahrverbot für Dieselfahrzeugen soll allerdings verhindert werden.

27.09.2018

Recep Tayyip Erdogan ist am Donnerstagmittag in Berlin gelandet. Der türkische Präsident verbringt drei Tage in Deutschland und hat dabei mehrere Termine, die er wahrnehmen will.

27.09.2018

Ohne Vorbedingungen an den türkischen Präsidenten sollte die Bundesregierung nicht die Normalisierung der Beziehungen zwischen den Ländern einleiten, sagt Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne). Erst müsse Recep Tayyip Erdogan liefern.

27.09.2018