Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Deutschland / Welt „Wir sind mitten in einem neuen Rüstungswettlauf“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Wir sind mitten in einem neuen Rüstungswettlauf“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:35 11.03.2018
Iskander-Raketenwerfer während einer Militärparade in Russland. Quelle: AP
Anzeige
Berlin

Die Angst vor Russland ist in den kleinsten Staaten der Nato am größten. In Litauen zum Beispiel. Dort schlug am Wochenende, während sich in München Militärfachleute aus aller Welt zur Sicherheitskonferenz trafen, Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite Alarm. Die nukleare Aufrüstung Russlands ist nach ihrer Ansicht eine reale Bedrohung für die Menschen auch im Westen, nicht nur in Litauen.

„Die Situation hat sich dramatisch verschlechtert, sie ist gefährlich“, sagte Grybauskaite dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Russland verlege in diesen Tagen Raketen vom Typ Iskander in seine Exklave Kaliningrad. „Mit diesen Atomwaffen kann Moskau halb Europa und auch Berlin bombardieren“, warnte die Präsidentin.

Keiner weiß, ob die nuklear bestückbaren Raketen nuklear bestückt sind

Im Westen winken manche jetzt wie immer erst mal ab. Schon im Jahr 2016 habe Russland doch Iskander-Raketen im früheren Königsberg in Stellung gebracht. Erstens konnte Moskau stets auf die Mobilität des Systems verweisen: Ebenso schnell, wie sie irgendwo auftauchen, können die Iskander-Raketen auch wieder verschwinden; für jeweils zwei Raketen genügt ein größerer Lastwagen ohne Anhänger. Zweitens weiß niemand, ob die nuklear bestückbaren Raketen wirklich nuklear bestückt sind.

Ist also alles nur ein Verwirrspiel des russischen Präsidenten Wladimir Putin? Die Litauer fürchten, es gehe um mehr, um eine dauerhafte Verschiebung der Gewichte.

Auch in Nato-Militärkreisen in Brüssel ziehen viele die Augenbrauen hoch: Wenn man es den Russen durchgehen lasse, immer mehr Kurz- und Mittelstreckenwaffen zu stationieren, werde Westeuropa nach und nach zu einer „Zone minderer Sicherheit“.

Steht ein globaler Rückzug der USA bevor?

Hohe Regierungsbeamte in Washington sind davon überzeugt, dass bereits zwei russische Bataillone mit der neuen Waffe ausgestattet sind. Jedes habe 24 Marschflugkörper in seinem Bestand. Unverkennbar sei der Wunsch Moskauer Militärs, die gesamte eurasische Landmasse in den Schatten ihrer Nuklearsysteme zu stellen – und damit den politischen Einfluss Putins zu mehren.

Ist dies dem US-Präsidenten Donald Trump egal? Zu seiner selbstbezogenen Politik würde es passen, den Europäern zu mehr eigenen militärischen Anstrengungen gegenüber Russland zu raten – und ihnen ansonsten nur alles Gute zu wünschen.

Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg interessierte sich ein US-Präsident so wenig für den Rest der Welt wie der heutige. Steht ein globaler Rückzug der USA bevor? Putin jedenfalls scheint eine historische Chance zu wittern. Im Mittleren Osten ist Russland bereits militärisch mächtiger denn je; in Syrien etwa ließ Moskau Lenkflugkörper von Schiffen aus verblüffend großer Distanz einschlagen – alle Welt sollte sehen, was Russland heute kann.

Zugleich wird jetzt der Ostseeraum zum Ort neuer Machtdemonstrationen. Gern inszeniert der Kremlherr mal eine kleine Nervenprobe, etwa durch Flüge russischer Militärjets, die sich mit ausgeschalteten Erkennungssystemen provokativ dem Luftraum von Nato-Staaten nähern.

„Mini-Nukes“ an der Ostseeküste

Das grenznahe Hantieren mit den Iskander-Raketen passt ebenfalls ins Bild. Die Amerikaner sprechen von „Mini-Nukes“, Mini-Atomwaffen. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Denn erstens besitzen diese Waffen immer noch die Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe, wenn es sein muss sogar ein Vielfaches davon. Zweitens, und darin liegt die noch größere Gefahr, senken „kleine“ Atomwaffen alle psychologischen und politischen Hemmschwellen.

Russlands kleine Rakete

Die russische Iskander-Rakete ist mit ihren rund sieben Metern Länge nicht sehr groß und nicht sehr schwer – bietet aber gerade deshalb den Militärs viele Vorteile. Das System kann sehr schnell von A nach B bewegt werden, ein Lastwagen kann zwei Raketen dieses Typs befördern. Nach dem Start fliegt die Iskander nicht in einem hohen Bogen, sondern erdnah. Dadurch ist sie für Radar und Raketenabwehr schlecht erkennbar. Im Gefechtskopf kann sie Bomblets mit Splitter- oder Brandwirkung tragen, aber auch große bunkerbrechende Bomben sowie atomare Sprengköpfe. Mit dem nuklearen Gefechtskopf AA-86 kann die Iskander eine Spreng­leistung von 5 bis 50kT (Kilotonnen TNT) erreichen. Mit dem A-92-Gefechtskopf sind es bis zu 200 kT. Die im August 1945 von den USA gezündete Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von rund 13 kT.

Jahrzehntelang blieb der Gedanke an einen Atomkrieg immer auch mit dem Gedanken an den Weltuntergang verknüpft. Auf beiden Seiten sollte es am Ende nur Verlierer geben – dies entsprach der Doktrin der „gegenseitig zugesicherten Zerstörung“. Für den englischen Begriff („mutually assured destruction“) kursierte ein vielsagendes Kürzel: MAD.

Atomkrieg: Das war ein verrücktes Vorhaben, das für niemanden einen Sinn ergab. Was aber, wenn durch den neuen Trend zur „kleinen“ Bombe und zum „begrenzten“ Einsatz dieses alte Denken einem neuen Experimentierwillen weicht?

„Mitten in einem neuen Rüstungswettlauf“

Das US-Militär zählte jüngst in einem Weißbuch („Nuclear Posture Review“) 14 neue russische Trägersysteme auf, die allein seit dem Jahr 2010 entwickelt worden seien. Es könne passieren, warnen die US-Generäle, dass die Nato auf eine wie auch immer begrenzte nukleare Attacke der Russen für einen Gegenschlag gar keine passende Waffe zur Hand habe: Die Interkontinentalraketen jedenfalls seien zu groß – und eben immer mit der Aussicht auf vollständige gegenseitige Vernichtung verbunden.

Wie in den Achtzigern werden jetzt Szenarien entworfen, wie man Kurzstreckenwaffen mit Kurzstreckenwaffen und Mittelstreckenraketen mit Mittelstreckenraketen kontern könnte. „Wir sind bereits mittendrin in einem neuen Rüstungswettlauf“, sagt Wolfgang Ischinger, Gastgeber der Münchner Sicherheitskonferenz.

Die Grafik zeigt die lenkbare Atombombe B61-12. Etwa 150 von ihnen werden in Europa gelagert. Quelle: Die Presse

Anfang Februar ließ Washington wissen, man bemühe sich jetzt ebenfalls um Atomwaffen mit geringer Reichweite und Sprengkraft, um ein Gegengewicht zu Russlands modernen Waffen zu schaffen. „Unsere Strategie soll sicherstellen, dass Russland versteht, dass jeder Einsatz von Atomwaffen – egal wie begrenzt – inakzeptabel ist“, schrieb das Verteidigungsministerium. Doch vielleicht tappen die USA genau damit dem russischen Präsidenten politisch in die Falle.

Raketendebatte könnten den Westen weiter schwächen

Vor rund 40 Jahren gab es eine ähnliche Konstellation. Moskau stellte immer mehr Mittelstreckenwaffen vom Typ SS-20 auf – und der Westen suchte nervös nach einer Strategie. Im Jahr 1979 fasste die Nato den Beschluss, eigene Mittelstreckenwaffen in Stellung zu bringen, wenn keine Nulllösung erreichbar sei. Pershing-2-Raketen und Marschflugkörper sollten das Gleichgewicht in Europa wiederherstellen.

In Deutschland löste die folgende Debatte ein politisches Erdbeben aus – das den sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt nicht nur die Unterstützung der Mehrheit seiner SPD kostete, sondern auch sein Amt. Hunderttausende zogen auf die Straße, um gegen neue westliche Raketen zu demonstrieren.

Europa, mit dem damals noch geteilten Deutschland in seiner Mitte, war Anfang der Achtziger ein politisch brodelndes geostrategisches Pulverfass. Wird es das nun wieder? Und wer hat daran Interesse? Nach dem Brexit und der Wahl Trumps könnte eine neue Raketendebatte eine dritte große Bruchlinie bewirken, die den Westen weiter schwächt. Einmal mehr wäre bewiesen, dass das Militärische die Politik verändern kann – ohne dass ein einziger Schuss fällt.

Von Jörg Köpke und Stefan Koch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Einsatzkräfte konnten in Manila einen Ägypter festnehmen, der für den Islamischen Staat Nachwuchs rekrutiert haben soll. Wie die Polizei bestätigte wurde in der Wohnung des Mannes auch Waffen und Munition gefunden. Er soll als IS-Kommandeur den Kampf um die Stadt Marawi mitorganisiert haben.

11.03.2018

Israels Regierung hält an ihrem Plan fest, 40 000 Migranten aus dem Sudan und Eritrea auszuweisen. Doch dagegen regt sich bei Menschenrechtlern nun Widerstand. Die Menschen würden vielfach nach Uganda oder Ruanda verschickt ohne ein Leben in Rechtssicherheit führen zu können.

11.03.2018

Bei der Bundeswehr klafft eine riesige Versorgungslücke: Wie nun aus einem Medienbericht bekannt wurde, fehlt es der Truppe an Kleidung für den Winter und Zelten. Die FDP spricht bereits von einem Skandal gegenüber den Soldaten.

11.03.2018
Anzeige