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Deutschland / Welt Wirtschaft verliert Geduld mit britischer Regierung
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18:00 24.10.2017
London. Quelle: imago/UIG
London

Es hat Tradition in Großbritannien, dass Politiker an Sonntagen besonders gern zum Plaudern aufgefordert werden. In morgendlichen Talkrunden bei den großen Sendern geben sie sich ein Stelldichein, in den Wochenendblättern breiten Kollegen in gedruckter Form ihre Sicht der Dinge aus.

Vor wenigen Tagen durfte Handelsminister Liam Fox ins Rampenlicht, ein ausgesprochen überzeugter Brexit-Anhänger, der meinte, das Szenario „No Deal“, also ein Austritt des Königreichs aus der EU ohne jegliches Abkommen, sei nicht gerade „ein Albtraum“. Und all die Drohungen, die von den britischen Hardlinern in Sachen Europa seit Wochen über den Ärmelkanal schwappen, keineswegs ein Bluff.

„Weitreichende negative Folgen auf Investitionen und Handel“

Auf der Insel nennen sie diese Option der ungeregelten Scheidung auch „Sturz von der Klippe“ und einige befinden das mitnichten als negativ, auch wenn das Land dann aus dem rechtlichen Rahmen der Gemeinschaft herausfallen würde und damit nur noch den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) unterworfen wäre. In den Türmen der Londoner City und in den Unternehmen im Land werden solche Aussagen jedoch deutlich anders aufgenommen.

Die britische Wirtschaft zeigt sich zwar seit Monaten öffentlich äußerst zurückhaltend angesichts der zäh verlaufenden Scheidungsgespräche mit Brüssel, hinter den Kulissen herrscht aber Nervosität angesichts der Gefahr neuer Zölle, Regulierungen und Grenzkontrollen. Stauen sich in Dover bald die Lastwagen an der Zollabfertigung, um französischen Käse, deutsche Autos und italienischen Schinken einzuführen?

Diese Woche nun fordern fünf der führenden Wirtschaftsverbände Großbritanniens in einem Brief an Brexit-Minister David Davis, schnellstmöglich eine Übergangslösung auszuhandeln, die sich so nah wie möglich an den derzeitigen Konditionen anlehnt. Gebe es solch eine Vereinbarung nicht, hätte das „weitreichende negative Folgen auf Investitionen und Handel“, außerdem müssten zahlreiche Unternehmen „ernsthafte Überlegungen über Investitionen und Notfallplanungen anstellen“, heißt es.

JP Morgan verlegt Europa-Geschäft nach Frankfurt

Diese würden dann zu Beginn des Jahres 2018 in Kraft treten. 40 Prozent der Firmen hätten „aufgrund der Brexit-Ungewissheit ihre Investitionspläne geändert und reduziert“, betonte Carolyn Fairbairn vom Industrieverband CBI. Kurz zuvor hatte der Verband EEF eine Umfrage veröffentlicht, nach der die Investitionslust der Firmen wegen der Unsicherheit über die Folgen des Brexit deutlich abgenommen hat. Während britische Unternehmen 2016 7,5 Prozent ihres Umsatzes in neue Fabrikgebäude und Maschinen investiert hatten, lag der Wert zuletzt nur noch bei 6,5 Prozent.

Es ist nicht das erste Mal, dass Wirtschaftsvertretungen auf eine baldige Übergangsregelung pochen, die nach dem Wunsch der meisten Unternehmen mindestens zwei, gerne bis zu fünf Jahre andauern soll. Doch während zwar klar ist, dass das Land Ende März 2019 aus der EU austritt, weiß noch niemand, welchen Bedingungen danach Geschäfte mit dem Kontinent unterliegen. Und bislang sieht es nicht nach einer schnellen Einigung auf einen Handelsvertrag aus. Premierministerin Theresa May läuft die Zeit weg.

Sie hat angekündigt, eine Übergangslösung anzustreben, doch die müsste bald festgezurrt werden, sollen Banken, Finanzdienstleister und Unternehmen auf der Insel gehalten werden. In der Branche wurden bereits Notfallpläne geschmiedet. Die Angst, den Zugang zum gemeinsamen europäischen Binnenmarkt zu verlieren, ist groß. Gleichwohl kostet es Zeit und Geld, neue Standorte auf dem Festland aufzubauen und Genehmigungen einzuholen. Bislang haben sich nur einige Konzerne zu Umzugsplänen geäußert, etwa die US-Bank JP Morgan, die im Juli entschieden hatte, den rechtlichen Sitz des Europa-Geschäfts in Frankfurt anzusiedeln.

Inflationsrate auf Höchststand seit 2012

Trotzdem werden auf der Insel die Regungen der wirtschaftlichen Schwergewichte genau verfolgt. Vor einigen Tagen sorgte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein mit einem Tweet für Aufsehen: „Ich habe gerade Frankfurt verlassen. Großartige Treffen, großartiges Wetter, ich habe es wirklich genossen. Gut, denn ich werde dort viel mehr Zeit verbringen“, schrieb er und versah die Nachricht mit dem Hashtag #Brexit. Wollte er andeuten, dass die europäische Zentrale der US-Bank von London bald in die deutsche Stadt zieht?

Es scheint, als verlieren die Konzerne so langsam die Geduld. Etliche Unternehmen, die auf den Export vom Kontinent angewiesen sind, leiden zudem unter der Schwäche des Pfunds seit dem Brexit-Votum im Juni vergangenen Jahres. Sie ist auch die Ursache dafür, dass die Inflationsrate im September den höchsten Stand seit 2012 erreicht hat. Um drei Prozent haben sich die Waren auf der Insel gegenüber dem Vorjahresmonat verteuert, die Gehälter sind derweil kaum gestiegen.

Von Katrin Pribyl / RND

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