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Deutschland / Welt Zweimal sturmfest, bitte
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08:46 14.10.2017
Sie stehen in einem harten Kampf gegeneinander – aber wettern gemeinsam den Populismus ab: Bernd Althusmann (CDU) und Stephan Weil (SPD), die Spitzenkandidaten in Niedersachsen. Quelle: RND/Montage, Fotos: dpa
Hannover

Wann ist ein Sturm ein Sturm? Die Niedersachsen prahlen gern mit ihrer Gelassenheit an dieser Stelle. Ganz oben im Nordwesten, im Land der Deiche und der Inseln, hört man bei Bier und Korn den schönsten Schnack: „Solange die Schafe Locken haben, ist noch kein Sturm.“

Als jüngst das Orkantief „Xavier“ aufzog, war Ministerpräsident Stephan Weil in dieser Gegend unterwegs – und blieb ebenfalls betont locker. Er vertraute sich der Crew eines Kleinflugzeugs des Ostfriesischen Flugdienstes an, die ihm erläuterte, dass es Turbulenzen geben könne. Weil nahm das in Kauf, er wollte schnell von Emden nach Cuxhaven, wo eine SPD-Kundgebung mit Martin Schulz anstand. 30 Minuten lang wurden der Ministerpräsident und seine Begleiter dann in dem zweimotorigen Achtsitzer zwischen Böen und Wolken hin und her geworfen, ein Mitarbeiter sah nach der Landung ganz grün aus. Weil aber schritt pünktlich und gut gelaunt in die Halle: Er freue sich, in Cuxhaven zu sein, und er meine das diesmal sehr ernst.

„Sturmfest und stark“ steht als Slogan auf Weils Großflächenplakaten. Wenn die jüngsten Umfragen stimmen, gilt dies nicht nur für ihn und seine Partei, sondern für das komplette Bundesland. Alles deutet auf eine lebendige, starke demokratische Mitte in Niedersachsen – begleitet von verhältnismäßig schlappen Prozentzahlen für AfD und Linkspartei.

Was für einen Unterschied drei Wochen machen! Nach der Bundestagswahl hatten Kommentatoren aller Couleur schon den Untergang der Berliner Republik an die Wand gemalt. Nun beginne die unaufhaltsame Radikalisierung der Ränder rechts und links, das Ende der Volksparteien sei gekommen.

In Niedersachsen jedoch, dem nach Bayern flächenmäßig zweitgrößten Bundesland in Deutschland, dürfte sich am Sonntag ein ganz anderes Bild bieten.

Die SPD, eben noch totgesagt, zeigt sich quicklebendig. Die Umfragewerte für Weils Sozialdemokraten liegen um verblüffende 14 Prozentpunkte über dem bundesweiten SPD-Ergebnis vom 24. September.

Die AfD, hier und da hochgejazzt zur möglichen neuen Volkspartei von rechts, die eines Tages wie Le Pen in Frankreich nach der Macht in ganz Deutschland greifen werde, muss sich in Niedersachsen auf ein bescheidenes Ergebnis einstellen.

Auch die Linkspartei ist zwischen Ems und Elbe schwächer als im Bund – während CDU, Grüne und FDP mit ähnlichen Resultaten wie bei der Bundestagswahl rechnen können.

Woher kommt diese erstaunliche Resistenz? Hat sich die viel beschriebene Krise der Volksparteien nicht bis Niedersachsen herumgesprochen?

Eine erste Erklärung bietet die Tradition im Lande: Schrilles und Radikales kam in Niedersachsen nie besonders gut an. Landestypisch ist dagegen eine betont pragmatische Politik von CDU wie von Sozialdemokraten.

„Swing State“ Niedersachsen

Niedersachsen war stets ein „swing state“, wie die Amerikaner sagen würden. Rote und Schwarze wechselten sich nach längeren Phasen immer wieder ab. Doch alle Schwingungen schienen sich um eine gefühlt stets gleichbleibende Mitte zu bewegen: Die SPD war in Niedersachsen immer etwas wirtschaftsfreundlicher als anderswo, die CDU immer etwas liberaler.

Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder dachte sich in Hannover eine Reformpolitik für ganz Deutschland aus, der Christdemokrat Ernst Albrecht ersann hier eine spektakuläre Hilfsaktion für vietnamesische Flüchtlinge. Dass die Regierungschefs jeweils ein bisschen quer zur Linie ihrer Bundespartei segelten, gefiel den Niedersachsen.

Wenn die Leute zwischen Ems und Elbe jemanden über die Jahre kennengelernt haben und schätzen, geben sie ihn nicht auf, nur weil ein ungünstiger Wind bläst. Sigmar Gabriel holte in seinem Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel bei der Bundestagswahl vor drei Wochen 42,8 Prozent – als gäbe es gar keine SPD-Krise. Zur Erinnerung: Am gleichen Tag kam seine Partei im Bund auf 20,5 Prozent.

Je ländlicher die Regionen in Niedersachsen sind, umso geringer ist ihr Wankelmut. In Cloppenburg und Vechta geraten die Christdemokraten schon ins Grübeln, wenn ihre Ergebnisse mal unter 60 Prozent rutschen. Hier machen die Leute übrigens auch die demografische Krise nicht mit, sie bekommen viele Kinder und schicken sie zum katholischen Kindergarten. Auf ihre eigene Art bodenständig sind aber auch die Leute im benachbarten Ostfriesland, in Aurich und Emden etwa, wo evangelische Kirche, Arbeiterwohlfahrt und Gewerkschaften viel zu sagen haben und wo am Sonntag wie zu allen Zeiten die SPD wieder vorn liegen wird.

Schon einmal: dankbar knapp

Bei der letzten Niedersachsen-Wahl im Januar 2013 blieb das Ergebnis ungewöhnlich lange offen. Zu Beginn des Wahlabends glaubte der damalige Ministerpräsident David McAllister (CDU) noch, er werde gewiss auch der künftige Regierungschef Niedersachsens sein. Gegen 23 Uhr entstand dann aber Klarheit: Rot-Grün hatte einen Sitz Vorsprung, der Wahlkreis Hildesheim war an die SPD gegangen.

Jörg Schönenborn vom ARD-Wahlstudio blieb es vorbehalten, McAllister während eines Interviews diese Nachricht zu überbringen. Zugleich geriet damals eine Liveschaltung zur SPD technisch in Turbulenzen, weil Stephan Weil sich plötzlich von jubelnden Fans umringt sah, die „Wahnsinn, Wahnsinn“ riefen.

Berliner Journalisten nervten Weil in diesem Sommer mit vielen kritischen Fragen: Warum tut er nicht mehr, um seine Bekanntheit zu steigern? Warum geht er nicht mal zu Anne Will oder Maybrit Illner?

„Es geht mir nicht um Bekanntheit und um Schlagzeilen“, entgegnete Weil. Er habe sich für diese ganz eigene Art des Herangehens an Politik schon sehr früh entschieden. „Der auf Dauer in der Politik entscheidende Faktor heißt Glaubwürdigkeit.“ Mitunter provozierte Weil auf diese Art Augenrollen, auch in der eigenen Partei. „Der Stephan“, hieß es seufzend bei den Sozialdemokraten, sei ja schon immer ein bisschen anders als die anderen in der Partei gewesen.

Doch gerade darin könnte an diesem Wahlsonntag Weils Chance liegen. Als „Oberbürgermeister von Niedersachsen“ haben manche ihn verspottet, es war ihm egal. Weil hat über Jahre hinweg Pathos vermieden und damit, ähnlich wie Angela Merkel im Bund, gefährliche Fallhöhen gar nicht erst entstehen lassen. Es ist ein Stil, der erst mal niemanden positiv elektrisiert – der aber auf lange Sicht als Gegenmittel gegen Populismus taugen könnte.

Erste Pflicht: Die eigenen Reihen schließen

Als ihn der Fraktionswechsel einer Grünenabgeordneten zur CDU in vorgezogene Neuwahlen zwang, ahnte Weil: Als Erstes muss er jetzt die eigenen Reihen schließen. Das gelang, mit einer kämpferischen Wutrede gegen die CDU. Bald folgten aber, typisch Weil, viele eher zurückgenommene Auftritte, Wahlkampftermine, bei denen es mehr ums Zuhören ging als ums Redenhalten. In der Schlussphase, nach der von Schulz versemmelten Bundestagswahl, präsentierte sich Weil abermals in einer neuen Rolle, als feiner Kerl, der den angeschlagenen Chef der Bundespartei noch immer in Niedersachsen auftreten lässt. Es gab parteiintern Stimmen, die davon abgeraten hatten.

Weil, der Kämpfer, Weil, der große Integrator, der weise Mann gegen den Populismus: Wenn er jetzt noch tatsächlich vorn liegt am Sonntag, ist er der neue Star in der SPD. Doch all diese Fantasien könnten sich am Sonntagabend nach 18 Uhr auch schnell erledigen.

Bei den drei letzten Wahlen in Niedersachsen, das wird oft vergessen, lag die SPD stets hinter der CDU. Und diesmal deutet keine einzige Umfrage auf eine Möglichkeit für Rot-Grün. So bliebe nur eine Ampel – was die Liberalen ablehnen. Oder ein rot-rot-grünes Bündnis – was daran scheitern könnte, dass die Linkspartei es vielleicht gar nicht in den Landtag schafft.

Zwei Nordlichter im Kopf-an Kopf-Rennen: Althusmann wie Weil haben respektable Siegchancen. Quelle: dpa

Mitregieren in einer Großen Koalition unter einem CDU-Ministerpräsidenten Bernd Althusmann kommt für Weil jedenfalls nicht infrage. „Stephan ist ein guter Jurist, der findet immer was anderes“, sagt ein langjähriger Wegbegleiter. Entweder wird Weil also der Held mitten in der Krise – oder es folgt der Rückzug ins Private. Chance und Risiko liegen für ihn am Sonntag dramatisch nahe beieinander.

Sein Konkurrent Althusmann sieht die Dinge etwas entspannter. Wenn einer zum ersten Mal antritt, noch dazu unter den holprigen Umständen einer vorgezogenen Neuwahl, muss er nicht gleich gewinnen. Der Kanzlerin scheint der Neue aus Niedersachsen zu gefallen, jüngst sprach sie eine Stunde lang mit ihm unter vier Augen über Gott und die Welt. Auch von seinen neuen Freunden im CDU-Präsidium wird „der Bernd“ sehr nett behandelt. Drei dieser Freunde halfen ihm im Wahlkampf: Annegret Kramp-Karrenbauer (Saarland), Volker Bouffier (Hessen) und Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen) warnten am Mittwoch in einem Festzelt in Hannover bei Bier und Bratwurst vor Rot-Rot-Grün.

Althusmann ist wie Weil ein bedächtiger Typ. Er ist ebenfalls bodenständig, aufs Zuhören gepolt, auch ein Mann mit Sensus fürs Soziale; sein Vater war evangelischer Pastor und Leiter einer Obdachloseninitiative. Drei Auslandsjahre mit Frau und Kindern in Namibia haben bei Althusmann die Gelassenheit gegenüber den Problemen in Deutschland ein bisschen wachsen lassen. Manche verdächtigen ihn, er plane insgeheim eine Große Koalition. Tatsächlich kennt er viele „Sozis“ noch von früher, aus seiner Zeit als Kultusminister. Der heutige Innenminister Boris Pistorius arbeitete mal in seiner Schulbehörde als Jurist, mit dem SPD-Wirtschaftsminister Olaf Lies duzt er sich.

Ein Wahlkämpfer alter Schule

Den Ministerpräsidenten aber griff Althusmann in diesen Tagen hart an, da ist er ein Wahlkämpfer alter Schule. Meist ging es um drei Punkte: In den Schulen falle zu viel Unterricht aus. Der radikale Prediger Abu Walaa in Hildesheim sei den Behörden viel zu spät aufgefallen. Und immer wieder habe Weil von Missständen bei VW erst aus der Zeitung erfahren, obwohl er im Aufsichtsrat sitze.

Scharf konterte Weil im TV-Duell: „Sie überblicken nicht, worüber Sie reden.“ Es war ein Zusammenprall, der Konturen deutlich machte – ganz anders als das laue Zusammensein von Merkel und Schulz beim Duell im September, das viele Deutsche beflügelte, nach irgendeiner anderen, dritten Partei Ausschau zu halten.

Demoskopen ergänzen inzwischen mit Blick auf ihre neuesten Umfragedaten, Weil und Althusmann hätten wohl auch etwas gegen Radikalisierungstendenzen getan: Das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen habe die Aufmerksamkeit des Publikums wieder in die Mitte gelenkt.

Von Matthias Koch/RND

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